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22.02.2012

09:17 Uhr

Zweiklassenmedizin

Der privaten Krankenversicherung droht das Aus

VonElisabeth Niejahr, Katja Scherer
Quelle:Zeit Online

Im deutschen Gesundheitswesen arbeiten Politiker aller Parteien an der klassenlosen Gesellschaft. Das Nebeneinander von Krankenkassen und privaten Versicherern soll der Vergangenheit angehören.

Patienten im Wartezimmer eines Arztes. dapd

Patienten im Wartezimmer eines Arztes.

Ein Mann rennt. Wahrscheinlich schwitzt er auch, man weiß es nicht, weil auf dem Fernsehschirm minutenlang nur Beine zu sehen sind. Der Werbespot endet mit einer berühmten Zeile: "Am 31. ist Wüstenrot-Tag!" Klar, warum der Mann so rennt: Bis zum Stichtag muss er etwas Dringendes bei seiner Bank erledigen.

Der kleine Film wurde dreißig Jahre lang in verschiedenen Versionen im Fernsehen gezeigt. Ein Klassiker, der neuerdings sozialdemokratische Politiker inspiriert. "Wüstenrot-Tag" nennen sie bei der SPD einen Stichtag, an dem eine neue Ära für den deutschen Sozialstaat anbrechen soll. Der "Wüstenrot-Tag" soll das Ende der Zweiklassenmedizin einläuten: den Abschied von einem Gesundheitswesen, in dessen Wartezimmern, Reha-Kliniken und Operationssälen zwischen Kassenpatienten und Privatversicherten unterschieden wird.

Entschieden wird zwar frühestens nach der nächsten Bundestagswahl im Herbst 2013, aber in diesen Wochen und Monaten kippt die Stimmung – in der Politik, in den Medien, bei den Versicherten und sogar in Teilen der Versicherungsbranche. Die private Krankenversicherung (PKV), so wie sie im Augenblick besteht, gilt nicht mehr als zukunftstaugliches Modell. Eine klassenlose Gesellschaft zeichnet sich ab, wenn auch nur im Gesundheitssystem.

Krankenversicherung: Welche Kassen am meisten Geld zurückzahlen

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Bei mehr als 70 Krankenkassen bekommen Versicherte heute schon einen Teil ihres Beitrags als Bonus oder Prämie zurück. Doch meist nicht bedingungslos: Wer ein paar hundert Euro zurück möchte, muss etwas dafür tun.

Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn wirbt gerade in seiner Partei dafür, eine neue Versicherung für alle zu konzipieren, ohne Zweiklassenmedizin. "Das derzeitige Nebeneinander von zwei Systemen ist nur noch historisch zu begründen und hat kaum noch Akzeptanz", sagt er. "Die private Krankenversicherung wird sich verändern müssen."

In der SPD sind die Reformpläne schon weit gediehen, sie sind allerdings weniger radikal als noch vor einigen Jahren. Auf ihrem Parteitag im Dezember 2011 beschlossen die Genossen ein Konzept, das, wie Gesundheitsexperte Karl Lauterbach meint, "auch ein attraktives Angebot für wechselwillige Privatversicherte sein soll". Das Modell ist einfacher, Härten für Gutverdiener wurden trotz des Protestes des linken Parteiflügels gestrichen.

Es geht dabei nicht um eine Abschaffung der privaten Krankenversicherung per Dekret, sondern darum, dass für alle Versicherungen dieselben Regeln gelten – für die Erhebung der Beiträge oder die Bezahlung von Arzthonoraren. Wenn die Reform in Kraft tritt, soll es nach den SPD-Plänen in Deutschland möglich sein, zwischen privaten und gesetzlichen Versicherungen hin und her zu wechseln, bis zum "Wüstenrot-Tag" eben. Das gab es bisher noch nicht. Denn so entstünde ein Wettbewerbsdruck, bei dem nur noch die Kassen überleben, die ein wirklich überzeugendes Angebot vorlegen.

Als Vorbild gelten die Niederlande, wo die Regierung 2006 etwas Ähnliches entschied: Jeder Fünfte der sechzehn Millionen niederländischen Versicherten wechselte damals innerhalb weniger Wochen seinen Anbieter. Bei vielen Kassen standen zwei Monate lang die Telefone nicht still. Einige Versicherungen verloren auf einen Schlag mehrere Hunderttausend Kunden, bei anderen mussten die Mitarbeiter auch nachts arbeiten, um mit der Beratung neuer Mitglieder hinterherzukommen.

So preiswert ist ein ordentlicher Krankenschutz

Was zahlen 32 Jahre alte Männer?

Im Schnitt zahlen Männer in PKV-Tarifen mit ordentlichen Leistungen 370 Euro. Wer auf Leistungen verzichtet, kann den Beitrag auch unter 300 Euro im Monat drücken. Wer dagegen auf ein akzeptables Niveau in der Privatversicherung Wert legt, muss mit gut 300 Euro im Monat rechnen. So viel verlangen die am besten benoteten Versicherer. In der Spitze geht es hoch bis über 400 Euro.

Warum greifen Frauen viel tiefer in die Tasche?

Frauen zahlen in diesem Jahr noch generell mehr als Männer, weil sie nach Ansicht der Versicherer höhere Kosten verursachen. Im Schnitt sind es fast 100 Euro mehr pro Monat als bei den Männer. Bei manchen Versicherern ist der Unterschied sogar noch größer. Unter 300 Euro kommen Frauen daher in dieser mittleren Leistungsklasse kaum weg, in der Spitze können es bis zu 600 Euro sein. Ab 2013 darf es dagegen im Neugeschäft keine Unterschiede mehr im Neugeschäft geben.

Wie gut sind günstige Privattarife?

Reine Billigtarife erhalten in einem Notenraster von 1 bis 6 höchstens befriedigende Noten. Ganz anders sieht das Bild aus, wenn man besser ausgestattete Tarife in die Betrachtung einbezieht. Die besten sechs Angebote sind mindestens mit gut, die meisten mit sehr gut bewertet worden.

Die Ratingnoten von Franke und Bornberg:
FFF   hervorragend – eins plus
FF+   sehr gut – eins
FF     gut – zwei
FF-    befriedigend – drei
F+     noch befriedigend – drei minus
F       ausreichend – vier
F-      schwach – fünf
F--     sehr schwach – sechs

In der Rating-Note wird neben der reinen Erstattungshöhe auch noch der Umfang des Leistungsversprechens und die allgemeine Qualität des Bedingungswerkes bewertet.

Wie stark sind die Preise zuletzt gestiegen?

Bei Männern sind die Prämien von 2011 auf 2012 im Schnitt um vier Prozent in den betrachteten Tarifen gestiegen. Bei Frauen waren es sogar nur zwei Prozent. Dabei war jedoch ein Ausreißer dabei: Central mit 23 und 20 Prozent. Vielfach passierte nichts. Im Vergleich zu reinen Billigtarifen sind die Prämien zuletzt deutlich moderater gestiegen.

Wie sehr sinkt die Prämie bei schlechteren Leistungen?

Wer nur auf den Preis schaut, findet schon Angebote deutlich unter 200 Euro. Wer auf manche Leistungen nicht verzichten will, aber den Preis höher bewertet, ist mit 200 bis 300 Euro dabei. Im Vergleich zu den am besten benoteten Angeboten können preissensible Kunden also bis zu 200 Euro sparen.

Wer sind die besten Anbieter?

In der privaten Krankenversicherung blicken selbst Experten kaum noch durch, weil es so viele Tarife und Varianten gibt. Die Auswahl der Anbieter ist daher immer ein Glücksspiel, weil niemand weiß, welche Politik das Management langfristig verfolgt und wie starke Prämiensteigerungen dies bedingt. In dem vorliegenden Vergleich wurden Tarife mit günstigen Prämien und guten Ratingnoten aus einer Gesamtheit von 27 Angeboten herausgefiltert.

1. Gothaer

Prämie Mann: 299,48 Euro
Prämie Frau: 477,53 Euro

Tarife: MediVita, MediClinic, MediNaturaP, MediVitaZ90
Selbstbehalt:  250 Euro
Ratingnote: eins (FF+)
Erstattungniveau:  85 Prozent

2. R+V

Prämie Mann: 312,81 Euro
Prämie Frau: 365,38 Euro

Tarif: AGIL comfort
Selbstbehalt:  480 Euro
Ratingnote: eins (FF+)
Erstattungniveau: 71 Prozent

3. DKV

Prämie Mann:  326,73 Euro
Prämie Frau: 367,59 Euro

Tarif: Bestmed 4
Selbstbehalt: 400 Euro
Ratingnote: eins (FF+)
Erstattungniveau: 81 Prozent

4. Hallesche

Prämie Mann:  336,12 Euro
Prämie Frau: 468,34 Euro

Tarif: NK
Selbstbehalt: 600 Euro
Ratingnote: gut (FF)
Erstattungniveau: 74 Prozent

5. Axa

Prämie Mann:  346,03 Euro
Prämie Frau: 481,04 Euro

Tarife: Vital-N, 541-N
Selbstbehalt: 300 Euro
Ratingnote: eins plus (FFF)
Erstattungniveau: 88 Prozent

6. Deutscher Ring

Prämie Mann:  346,84 Euro
Prämie Frau: 445,73 Euro

Tarife: Esprit, PIT
Selbstbehalt:  450 Euro
Ratingnote: eins plus (FFF)
Erstattungniveau: 90 Prozent

Was kosten andere Alternativen zu reinen Billigtarifen?

Einige gut bewertete Offerten verlangen deutlich höhere Monatsprämien und zählen daher nicht zu den besten sechs. Die meisten höherwertigen Alternativen zu reinen Billigtarifen erhielten dagegen nur befriedigende Noten. Auch hier sind gewaltige Preisunterschiede zu beobachten – bei Männer von rund 300 Euro bis mehr als 450 Euro im Monat. Das günstigste Angebot liefert für Männer Huk Coburg mit einem Monatsbeitrag von 209 Euro. Bei Frauen lag die Continentale mit 290 Euro Monatsbeitrag an der Spitze. Beide Tarife werden aber von Franke und Bornberg nur mit drei Minus benotet.

In Deutschland gehören heute ungefähr 85 Prozent einer gesetzlichen Krankenkasse an mit ihren einheitlichen Leistungen für alle, der kostenlosen Absicherung für Familienangehörige und Beiträgen, die vom Einkommen abhängen. Der Rest, etwa 8,9 Millionen Menschen, hat einen Vertrag mit einer privaten Krankenversicherung wie der Debeka oder der DKV. Diese Versicherten bekommen Rechnungen vom Zahnarzt oder Krankenhaus, die sie einreichen müssen. Ihre Beiträge werden Prämien genannt, die Höhe hängt vor allem vom Krankheitsrisiko und vom Leistungsumfang ab. Meistens verdienen Ärzte und Kliniken besonders gut an Privatversicherten, die deswegen oft schneller Termine bekommen als Kassenpatienten.

Kommentare (21)

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DreiJahres-Beitragsverdoppler

22.02.2012, 10:25 Uhr

Im April des Jahres 2011 kam es bei der GENERALI-Tochter CENTRAL zu einem Vorstandswechsel. Joachim Rieth wurde abgelöst von Heinz Teuscher.
In der Folge änderten sich Vertriebsstruktur +Ausrichtung des Unternehmens. Wurden unter Rieth mit optimistisch gerechneten Annahmen niedrige Beiträge ausgewiesen, um Neukunden zu locken, weht unter Teuscher ein anderer Wind.
Jetzt rechnet der "unabhängige" Treuhander Tarife wie den KEh750 massiv herauf.Die jeweiligen Kalkulationen werden nicht offengelegt, sie gelten als Betriebsgeheimnis.
Missbrauch ist so Tür und Tor geöffnet, da Gerichts-Gutachter und Treuhänder branchennah sind.
Hier nutzen solche Unternehmen einen Webfehler der Gesundheitsreform. Davor könnte sich ein PKV-Kunde durch Nichtversicherung einem evtl.Preiswucher entziehen. Heute besteht Versicherungspflicht.
Das Kontrollinstrument "Wettbewerb" versagt, da dieser real nur beim Einstieg herrscht. Ein Anbieterwechsel ist hürdenreich und teuer, da zwar Versicherungspflicht für den Kunden besteht, aber kein Anspruch auf bestimmte Tarife. ( Ausnahme: Der teure, aber leistungsschwache Basistarif ).
Das einzige, was die PKV in der jetzigenjetzt noch mäßigt, ist deren Abschaffung. Oder das niederländische Modell.

Das-niederlaendische-Modell

22.02.2012, 10:42 Uhr

Die niederländische Krankenversicherung ist mehrstufig aufgebaut. Zunächst einmal zahlt jede Person unabhängig von der Höhe des Einkommens eine Grundprämie in einer Größenordnung von ungefähr 1000 € pro Jahr (!) an die Versicherung ihrer Wahl. Wer sich das nicht leisten kann, erhält einen Zuschuss; Kinder zahlen nichts. Zusätzlich zahlt der Arbeitgeber noch einen einkommensabhängigen Beitrag. Dafür ist eine Grundversorgung mit medizinischen Leistungen garantiert.
Diese Grundabsicherung (basisverzekering) ist obligatorisch, auch für Selbständige (die ihren einkommensabhängigen Beitrag natürlich selbst zahlen müssen).
Die Leistungen der Grundversorgung sind gesetzlich festgelegt. Wer damit nicht zufrieden ist, kann auf freiwilliger Basis eine Zusatzversicherung (aanvullende verzekering) abschließen.
Sowohl für die Grund- als auch für die Zusatzversorgung kann man zwischen verschiedenen Versicherungsanbietern wählen. Seit 2006 wird kein Unterschied mehr zwischen Krankenkassen und privaten Versicherungsunternehmen gemacht. Bei der Grundversicherung sind die Versicherungsanbieter verpflichtet, jeden Interessenten zu akzeptieren.
Weitere Informationen zur Krankenversicherung finden sich auf den Seiten des niederländischen Finanzamts (auch in deutscher Sprache)…
http://www.belastingdienst.nl

pizzarro53

22.02.2012, 10:55 Uhr

Ich gehe als Privatpatient möglichst gar nicht mehr zum Arzt, weil ich bei sehr vielen eh nur abgezockt werde. Die Leistungen sind vielfach nicht besser als in der GKV, aber sehr viel teurer und ein Luxuswartezimmer habe ich auch noch nie gesehen. GKV-Versicherte müssen auch keine Angst vor Überversorgung haben. Ich bin nur PKV-Mitglied, weil ich da mal 6 Monate gearbeitet habe und vor 20 Jahre keiner ahnen konnte, dass sich die Beiträge explosionsartig in die Höhe entwickeln würden. Das gesamte System ist marode, auch das der GKV. Es müsste eine Mischung aus beidem geben: Basisversorgung plus individuelle Extras.

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