Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.02.2013

15:50 Uhr

Wahlen in Italien

Märkte fürchten den Cavaliere

Der Ex-Skandal-Präsident Silvio Berlusconi steht schon in den Startlöchern und ganz Europa zittert. Wenn Italien am Sonntag wählt, steht sowohl die Zukunft Italiens als auch die der Euro-Zone auf dem Spiel.

Exklusiv-Reportage

„Berlusconi ist einfach nur ekelhaft“

Exklusiv-Reportage: "Berlusconi ist einfach nur ekelhaft"

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

RomAm Sonntag kommt es zum Showdown in Italien. Viele Anleger fiebern schon jetzt dem Abend der Entscheidung entgegen. Denn zur später Stunde werden am besagten Tag die Ergebnisse der Parlamentswahlen in Italien bekanntgegeben. Die Möglichkeit eines Berlusconi-Comebacks bei der bevorstehenden Italien-Wahl treibt Aktionären wie Analysten den Angstschweiß auf die Stirn. Sollte der frühere Ministerpräsident des Landes in der kommenden Woche tatsächlich einen Wahlsieg erringen, wäre die Reaktion wohl eindeutig.

Sieben Aufgaben für Wahlsieger in Rom: Europas größtes Problem

Sieben Aufgaben für Wahlsieger in Rom

Europas größtes Problem

Wer immer die Wahl in Italien gewinnt, muss hart und schnell reformieren.

"Italien dürfte an den Märkten brutal abgestraft werden", sagt Martin Lück, Volkswirt bei der UBS. Ein Erfolg Berlusconis, der zuletzt mit Sexskandalen für Furore sorgte, würde Kopfschütteln in Europa auslösen, erklärt der Experte. Groß sei vor allem die Furcht, dass dann das Land von seinem bisherigen Sparkurs abrücken und die Euro-Krise damit erneut verschärfen könnte.

Im Ergebnis hieße das wohl: Die Aktienmärkte und die Kurse - gerade italienischer Staatstitel - dürften in den Keller rauschen, die Renditen am Bondmarkt entsprechend anziehen. Die Analysten der Nordea-Bank rechnen für zehnjährige italienische Papiere mit Niveaus um die sechs Prozent, sollte sich der Medien-Mogul mit seinem Mitte-Rechts-Bündnis durchsetzen. Das hart erarbeitete Vertrauen in Italien wie auch in die gesamte Euro-Zone wäre dann wieder auf den Prüfstand gestellt, prophezeiten die Experten der DZ Bank.

Italien-Wahl

Berlusconis Ausrutscher

Italien-Wahl: Berlusconis Ausrutscher

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Unter Ministerpräsident Mario Monti, der im November 2011 das Ruder das Ruder von Berlusconi übernommen hatte, sind die Renditen für das hoch verschuldete Land deutlich zurückgegangen. Der frühere EU-Kommissar setzte Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen durch, um die Schuldenlast zu senken. Zugleich initiierte er eine Reihe von Reformen, die die Wettbewerbsfähigkeit des Landes steigern sollen. Derzeit liegen die Renditen zehnjähriger Anleihen Italiens bei 4,4 Prozent. In den letzten Zügen von Berlusconis Amtszeit hatte sich das Land nur noch zu Rekordzinsen von knapp 7,5 Prozent am Markt Geld leihen können.

Europa zittert vor möglicher Berlusconi-Wiederkehr

Welche Risiken sehen Experten bei einer Wiederwahl Berlusconis?

Besonders drastisch drückt es Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer aus: Eine Wiederwahl Berlusconis „wäre für die Anleger ein Horror-Szenario, die Staatsschuldenkrise würde wieder hochkochen“. Die Renditen für italienische Staatsanleihen dürften wieder in die Höhe schnellen, der mühsame Reformprozess in dem Land könnte abrupt beendet sein. „Italien hat mit Berlusconi bereits viele verlorene Jahre hinter sich, eine Neuauflage würde diese Agonie verlängern“, urteilt Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Beim Umbau der Europäischen Union drohe wieder mehr Gegenwind aus Rom, meint Kater - Konfrontation statt Kooperation: „Ein Wahlsieg Berlusconis behindert den Wiederaufbau von Vertrauen in den Euro.“

Würde möglicherweise die EZB eingreifen?

Sollte das hoch verschuldete Land für frisches Geld an den Kapitalmärkten dramatisch höhere Zinsen zahlen müssen, könnte die Europäische Zentralbank (EZB) mit dem Italiener Mario Draghi an der Spitze zumindest in die unangenehme Lage geraten, entscheiden zu müssen, ob sie dem Land zur Seite springt. Die Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), Gertrud Traud, spricht von einer „wahren Bewährungsprobe für Draghi“. Die EZB könnte mit dem Kauf von Staatsanleihen für Entlastung sorgen, doch die Währungshüter haben die Latte dafür selbst hoch gelegt: Erst wenn ein Land einen Hilfsantrag beim Euro-Rettungsfonds ESM stellt und somit politische Reformauflagen akzeptiert, wäre die EZB prinzipiell bereit zum Kauf von Anleihen des betreffenden Staates.

Könnte das Sorgenkind Italien unter den Rettungsschirm schlüpfen?

Der Rettungsschirm ESM kann Eurostaaten bis zu 500 Milliarden Euro an Krediten geben, im Gegenzug müssen sie strenge Spar- und Reformauflagen erfüllen. Sollte Rom - wie von Berlusconi im Wahlkampf versprochen - Steuern senken, ohne die Ausfälle mit Einsparungen zu kompensieren, könnte die Situation in Europa unangenehm werden, meint Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding: „Ein Italien, das die Regeln bricht, wäre kein Kandidat für Unterstützung durch den ESM oder die EZB“. Über Finanzhilfen entscheidet einstimmig der ESM-Gouverneursrat, der aus den Finanzministern der 17 Euro-Staaten besteht. Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) befürchtet, dass Hilfen für Italien den Rettungsschirm sprengen würden: „Damit gerät die gesamte Rettungsarchitektur in Gefahr.“ Dekabank-Ökonom Kater ist jedoch überzeugt: „Von Rettungsschirmen sind wir weit entfernt.“

Wie wahrscheinlich ist das Worst-Case-Szenario?

„Die Wahl Berlusconis ist nicht mein Hauptszenario“, erklärt Commerzbank-Ökonom Krämer. Stefan Bielmeier von der DZ Bank erwartet, dass das Mitte-Links-Bündnis Bersanis seinen Vorsprung aus den letzten Umfragen halten kann und die neue Regierung in Italien ohne Berlusconi gebildet wird. Auch die Fondsgesellschaft Fidelity hält einen Sieg Bersanis für wahrscheinlich. Die Erleichterung darüber werde zu einer Kursrallye an den europäischen Aktienmärkten führen: Und „selbst wenn die Wahl überraschend eine Regierung unter Berlusconi hervorbringen sollte, ..., werden die Märkte die Rückkehr zum Sparkurs durch Abstrafen sehr schnell erzwingen“.

Welche Folgen hätte eine Pattsituation?

Denkbar ist, dass Bersani die Mehrheit im Abgeordnetenhaus erringt, aber die nötige regierungsfähige Mehrheit im Senat verpasst. Mögliche Folgen: Hängepartie um die Regierungsbildung, Reformstillstand und Unruhe an die Finanzmärkten. Die Reaktionen wären allerdings weniger heftig als bei einer Wahl Berlusconis, meint Ökonom Krämer: „Unsicherheit ist Gift für die Märkte. Aber solange Berlusconi nicht wieder Premierminister wird, sollte die EZB die Lage stabil halten können, ohne tatsächlich italienische Staatsanleihen zu kaufen.“

Mit einem Wahlsieg Berlusconis könnten die horrenden Renditen wieder zurückkehren. Denn der ehemalige Skandal-Präsident Berlusconi kündigte bereits an, zahlreiche Reformen zurückdrehen und unter anderem die unpopuläre Immobiliensteuer wieder abschaffen zu wollen.

Kommentare (11)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Danton

20.02.2013, 20:02 Uhr

Avanti Cavaliere! Hoffentlich zeigt er den EU-Faschisten in Brüssel, dass der Euro weder alternativlos noch systemrelevant ist! Ich dekantiere schon einmal ein paar Flaschen italienischen Rotwein. Auf die blöden Gesichter in Berlin, Paris, Athen, Madrid und Nikosia freue ich mich jetzt schon.

Account gelöscht!

20.02.2013, 21:14 Uhr

Der EUR mag nicht alternativlos sein. Den Alternativen gibt es meist. Nur ist B mE an seinem Wohl und nicht an dem seines Volkes interessiert. Gut. Andere Politiker auch. Jedenfalls manche. Aber so krass wie B?

Grazie-e-arrivederci

22.02.2013, 16:06 Uhr

Ich drücke am Sonntag ganz feste die Daumen, dass der „Cavaliere“ gewinnt.
Liebe Italiner, ihr habt es in der Hand, diesem EU-Spuk und dem Euro endlich zum wohlverdienten Ende zu verhelfen. Die Mehrheit der Deutschen setzt euch dafür ein Denkmal lade die Familie ein und ich bestelle am Sonntagabend beim Lieblingsitaliener mindestens 5 große Pizzen und dazu guten Rotwein, den ich dann auf Italia und Silvio trinken werden!
Grazie e arrivederci!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×