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20.05.2015

02:36 Uhr

Warnung vor Währungskrieg

Indiens Notenbankchef tadelt Geldpolitik des Westens

VonFrank Wiebe

Die lockere Geldpolitik der Notenbanken der USA und der EU findet Raghuram Rajan gefährlich. Der indische Notenbankchef vergleicht die Lage mit den 30er Jahren - und fordert Spielregeln.

Raghuram Rajan, Gouverneur der indischen Notenbank, bei seinem Vortag in New York. Reuters

Raghuram Rajan

Raghuram Rajan, Gouverneur der indischen Notenbank, bei seinem Vortag in New York.

New YorkRaghuram Rajan ist ein höflicher Mensch. Der Gouverneur der indischen Notenbank, der früher Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Professor in Chicago war, nimmt das Wort „Währungskrieg“ nicht in den Mund.

Aber genau darüber spricht er, wenn er die massiven Anleihekäufe und die insgesamt sehr lockere Geldpolitik der US-Notenbank (Fed) und der Europäischen Zentralbank (EZB) kritisiert. „Ungewöhnliche Geldpolitik kann denselben Effekt haben wie direkte Abwertungen einer Währung“, sagt er in New York. Unter seinen Zuhörern sitzt Bill Dudley, der Chef der Fed New York.

Nach Rajans Meinung befindet sich die Welt jetzt schon in einem Abwertungs-Wettlauf ähnlich wie in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts, also zur Zeit der großen Weltwirtschaftskrise, die in Deutschland zur Machtergreifung der Nazis beigetragen hat. „Wenn man einmal darin steckt, ist es schwer wieder herauszukommen, und wir stecken schon viel zu lange darin“, sagt er und vergleicht die Situation mit dem „Gefangenen-Dilemma“ der Spieltheorie, wo alle Mitspieler verlieren, weil sie unfähig sind zusammenzuarbeiten.

Kritik an den USA

Rajan stört vor allem, dass die USA, wo er ja selbst lange Zeit gearbeitet hat, Schwellenländern Manipulationen der Wechselkurse verbieten wollen, aber de facto über die Geldpolitik dasselbe tun. Außerdem sagt er: „Man kann alles mögliche als Geldpolitik bezeichnen, auch Maßnahmen, die eigentlich keine Geldpolitik sind.“ Er nennt dabei nicht die EZB. Doch deren Absicht, den Euro zu drücken, ist ebenso offensichtlich wie ihre Kreativität, Hilfen für Banken oder Staaten geldpolitisch zu begründen.

Details zum EZB-Anleihekaufprogramm

Zusätzliche Staatsanleihen und Wertpapiere

Die EZB wird neben dem bereits begonnen Erwerb von gesicherten Bankanleihen (Covered Bonds) und Kreditverbriefungen (ABS) zusätzlich Staatsanleihen und Wertpapiere bestimmter internationaler Institutionen kaufen.

Schrittweise und auf breiter Basis

Die Käufe sollen „schrittweise und auf breiter Basis“ durchgeführt werden, um die Preisbildung auf den Finanzmärkten nicht zu stören.

Auch Papiere mit negativer Rendite

Grundsätzlich seien auch Käufe von Papieren mit negativer Rendite (also mit sehr hohem Kurswert) möglich. Allerdings nur, solange die Rendite der Papiere über dem Einlagensatz der Notenbank von derzeit minus 0,2 Prozent liegt.

Diese Papiere sollen gekauft werden

Die EZB will unter anderem Papiere der folgenden internationalen Institutionen kaufen: Schuldtitel der beiden Rettungsschirme EFSF und ESM, der Europäischen Investitionsbank (EIB) und der Europäischen Union (EU).

Diese Anleihen sollen gekauft werden

Unter anderem will die EZB auch Anleihen der folgenden nationalen Förderbanken (Agencies) kaufen: Papiere der deutschen KfW, der Landeskreditbank Baden-Württemberg, der NRW-Bank, der französischen Anstalten CADES und UNEDIC sowie der spanischen Staatsbank ICO.

Vorkehrung gegen das Austrocknen

Die von der Notenbank erworbenen Schuldtitel sollen per Wertpapierleihe wieder in den Markt gegeben werden. Experten hatten dies erwartet. Sie sehen darin eine Vorkehrung gegen ein Austrocknen einzelner Anleihemärkte.

Rajan fordert: „Wir müssen uns darauf einigen, was erlaubt ist und was nicht.“ Seiner Meinung muss es für Geldpolitik ebenso Spielregeln geben wie für Kapitalkontrollen oder andere direkte Eingriffe in den Markt. „Diese Aufgabe kann der IWF übernehmen, aber dazu benötigt er politische Führung“, sagt er seinen amerikanischen Zuhörern.

Er weiß, dass internationale Zusammenarbeit und der Schutz der Handelspartner nicht zum Mandat der Notenbanken gehören. „Das war auch in Ordnung, so lange Geldpolitik sich im traditionellen Rahmen bewegte“, sagte er. „Aber jetzt muss es eine stärkere Zusammenarbeit geben.“ Diese Forderung richtet sich direkt gegen seine amerikanischen Kollegen, die, auf Konsequenzen ihrer Geldpolitik für Schwellenländer angesprochen, unverhohlen sagen: „Wir machen Geldpolitik für die USA.“

Rajan bettet seine Kritik in eine Analyse der gesamten Weltwirtschaft ein. Seiner Meinung nach wächst die Wirtschaft zu langsam, um die vielen ungelösten politischen Probleme und den Überhang an Schulden aufzulösen. Daher bestehe die Gefahr, dass einzelne Länder sich wie in den 30er Jahren gegenseitig Wachstum wegnehmen wollen. „Damit schiebt man aber auch die Krisen in der Welt herum“, sagt er.

Seiner Meinung nach sollten die westlichen Länder mehr investieren, um ihr Wachstum zu stärken. Er denkt dabei vor allem an „grüne Energie“, weil die langfristig auch wirtschaftlichen Nutzen bringt. Für die Schwellenländer fordert er, die internationalen und regionalen Investitionsbanken auszubauen. „Wir brauchen geduldiges Kapital, das nicht bei jeder Krise gleich wieder abfließt“, sagt er.

Rajan erntet höflichen Applaus. „Sie haben die Lage ganz gut beschrieben“, bedankt sich sein amerikanischer Kollege Dudley für den Vortrag.

Kommentare (1)

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Herr Peter Noack

20.05.2015, 07:27 Uhr

Hat Herr Rajan recht oder sagt er die Unwahrheit? Tragen IWF, Fed und USA - Rgierung Verantwortung für ihre Politik, Geldpolitik, Währungspolitik usw., oder suchen sie einen kleinen eigenen Vorteil zu Lasten oder auf Kosten aller anderen Marktteilnehmer? Bisher sind die Erfolge dieser Politik nicht berauschend. Die negativen Folgen scheinen, zu überwiegen. Wann werden die Leidtragenden zurückschlagen? Steht die Welt schon am Scheideweg? Was passiert, wenn es zuur Scheidung kommt? Ein gefährliches spiel der Weltbeherrscher!

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