Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.09.2015

07:58 Uhr

Weltbank-Ökonom

„Fed sollte mit Zinsanhebung noch warten”

Der Chefvolkswirt der Weltbank, Kaushik Basu, warnt die US-Notenbank Federal Reserve vor einer Zinsanhebung. Höhere Zinsen könnten da zu Markt-Turbulenzen führen. Er ist nicht der Einzige, der die Bank warnt.

Weltbank-Ökonom Kaushik Basu mahnt die Fed zur Vorsicht. IMAGO

Kaushik Basu

Weltbank-Ökonom Kaushik Basu mahnt die Fed zur Vorsicht.

WashingtonDie US Notenbank Fed sollte nach den Worten des Chefvolkswirtes der Weltbank mit einer Erhöhung der Leitzinsen noch warten, bis die Weltwirtschaft stabiler geworden ist. „Ich glaube nicht, dass ein Abheben der Fed eine große Krise auslösen wird, aber es wird sofort einige Turbulenzen verursachen”, sagte Kaushik Basu in einem Interview der „Financial Times”, das am Dienstag veröffentlicht wurde. Die Weltwirtschaft sei noch so voller Probleme, dass ein solcher Schritt der USA einige Länder sehr negativ treffen würde.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

An den Märkten wurde lange mit einer Straffung der Geldpolitik in den USA ab September gerechnet. In jüngster Zeit mehren sich aber die Stimmen, die eine Anhebung der Zinsen für verfrüht halten. Weder habe die Konjunktur genug Schwung noch sei die Lage am Arbeitsmarkt so rosig, dass eine Zinsanhabung hilfreich wäre, sagen Kritiker. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Probleme in China, die auch zu Verwerfungen in den globalen Wirtschaftsbeziehungen führen.

Basu ist nicht der einzige Ökonom, der die US-Notenbank zu einer behutsamen Geldpolitik auffordert. Am 3. September warnte bereits der Internationale Währungsfonds (IWF) die Notenbanker vor einer allzu raschen Anhebung der Zinsen. „Unsere generelle Ansicht ist, dass sie Flexibilität haben, noch zu warten“, sagte IWF-Sprecher William Murray.

Angesichts der niedrigen Inflation und des schwachen Lohnwachstums in den Vereinigten Staaten sei eine Anhebung des Leitzinses nicht unmittelbar geboten. Ähnlich wie Basu verwies auch Murray auf die Folgen einer Zinswende in den USA für die Weltwirtschaft, die sich derzeit in einem „ziemlich holprigen“ Zustand befinde.

Zinswende in den USA: IWF ruft US-Zentralbank zur Verschiebung auf

Zinswende in den USA

IWF ruft US-Zentralbank zur Verschiebung auf

Die Zinswende in den USA soll eigentlich noch in diesem Jahr starten. Wegen der Turbulenzen in China ist der Zeitpunkt jedoch ungewiss. Der IWF erinnert nun an die Flexibilität der Fed – und fordert eine Verschiebung.

Dagegen zeichnen die am vergangenen Freitag veröffentlichten Arbeitsmarktzahlen ein weniger düsteres Bild. Zwar sind nach Angaben des US-Arbeitsministeriums im August nur 173.000 anstatt den von Ökonomen erwarteten 220.000 neue Jobs entstanden. Zugleich aber sank die US-Arbeitslosenquote auf gerade einmal 5,1 Prozent – und damit beinahe auf den Stand der Vollbeschäftigung.

Hebt die Fed die Zinsen an, würde es das Ende einer über Jahre hinweg andauernden lockeren Geldpolitik der US-Notenbank bedeuten. Die Federal Reserve hatte die Zinsen Ende 2008 auf das Rekordtief von null bis 0,25 Prozent gesenkt, um die von der Finanzkrise gebeutelte Wirtschaft wieder in Fahrt zu bringen. Die nächsten Sitzung des Offenmarktausschusses ist Mitte September. Ende Oktober 2014 hatte die Zentralbank bereits ihre milliardenschweren Programme zum Anleihenkauf auslaufen lassen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×