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23.06.2017

13:53 Uhr

Wertpapierkäufe

Knappheit deutscher Anleihen bei der EZB im Fokus

Die drohende Knappheit deutscher Anleihen könnte nach Ansicht von Insidern zum Problem für die billionenschweren Wertpapierkäufe der Europäischen Zentralbank werden. Die EZB lehnt aktuell eine Stellungnahme ab.

„Ich kann einfach nicht erkennen, wo wir genügend deutsche Anleihen finden, um dieses Programm über bestenfalls Mitte 2018 hinaus am Laufen zu halten“, sagte einer der Insider. dpa

EZB-Zentrale in Frankfurt am Main

„Ich kann einfach nicht erkennen, wo wir genügend deutsche Anleihen finden, um dieses Programm über bestenfalls Mitte 2018 hinaus am Laufen zu halten“, sagte einer der Insider.

FrankfurtDie EZB wird Insidern zufolge mit ihren billionenschweren Anleihen-Käufen wegen der drohenden Knappheit deutscher Staatspapiere im kommenden Jahr selbstgesteckte Grenzen erreichen. Das werde eine zentrale Überlegung sein, wenn der EZB-Rat über die Zukunft des Kaufprogramms entscheiden werde, sagten drei mit der Situation vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. „Ich kann einfach nicht erkennen, wo wir genügend deutsche Anleihen finden, um dieses Programm über bestenfalls Mitte 2018 hinaus am Laufen zu halten“, sagte einer der Insider. Um die Käufe zu verlängern, müssten deren Parameter neu überdacht werden. „Und das ist schwer zu verkaufen, wenn alles in die richtige Richtung läuft.“ Die EZB lehnte eine Stellungnahme ab.

Geldpolitik

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Die EZB erwirbt seit März 2015 in großem Stil Staatsanleihen der Euro-Länder und andere Schuldentitel. Auf diese Weise will sie Banken dazu bewegen, weniger in solche Titel und stattdessen mehr in Kredite an die Wirtschaft zu investieren. Das schiebt die Konjunktur an und sorgt so, wie von der EZB aktuell gewünscht, für mehr Preisauftrieb. Doch die Konjunktur im Währungsraum läuft inzwischen merklich besser - im ersten Quartal wuchs die Euro-Zone sogar kräftiger als die weltgrößte Volkswirtschaft USA. Und auch die Preisentwicklung ist laut EZB-Direktor Benoit Coeure mittlerweile weniger abhängig von der ultralockeren Geldpolitik der Notenbank.

Das auf 2,28 Billionen Euro angelegte Kaufprogramm soll noch bis mindestens Ende dieses Jahres laufen. Analysten zufolge könnte die EZB irgendwann danach an selbstgesetzte Obergrenzen bei deutschen Titeln stoßen. Die Währungshüter dürfen nach eigenen Regeln nur bis zu 33 Prozent einer einzelnen Staatsanleihe und ebenfalls nur bis zu 33 Prozent der ausstehenden Anleiheschulden eines Landes halten. Kauffähig sind Titel mit Laufzeiten zwischen einem und 30 Jahren. Experten gehen davon aus, dass die EZB - sollten die Wirtschaftsdaten ihr keinen Strich durch die Rechnung machen - im September oder Oktober über ein Abschmelzen der Anleihenkäufe nach dem Jahresende entscheiden wird.

Volkswirte zum EZB-Zinsausblick und zur Draghi-PK

Jörg Krämer (Commerzbank)

„Heute gab es von der EZB Zuckerbrot und Peitsche. Auf der einen Seite hat Draghi den Deutschen das Zuckerbrot gereicht, indem er die Konjunkturrisiken zum ersten Mal seit langem als ausgewogen bezeichnet hat und die Option einer weiteren Zinssenkung gestrichen hat. Die Peitsche ist der Verweis auf die hartnäckig niedrige Inflation, die nach Draghis Worten eine sehr lockere Geldpolitik notwendig macht. Ich bin mehr denn je der Meinung, das die EZB ihren Leitzins nach dem erzwungenen Ende ihrer Anleihekäufe nicht rasch anheben wird.“

Jan Bottermann (National-Bank)

„Wie erwartet hat die EZB heute keine materiell nachhaltige Kurskorrektur vorgenommen, sondern nur ihr Wording angepasst. Was die EZB auf keinen Fall wollte, ist eine Erwartungshaltung im Sinne baldiger Zinserhöhungen zu schüren. In den letzten Wochen und Monaten haben sich zwar die Stimmungsindikatoren für die Euro-Zone stärker belebt als mit Blick auf die ungelösten strukturellen Probleme zu erwarten stand. Nach wie vor funktioniert die Währungsunion suboptimal, da sich die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit bei konstanten Wechselkursen auseinanderentwickelt.“

Neil Wilson (Etx Capital)

„Mario Draghi ist ein vorsichtiger Mensch. Die EZB sendet gemischte Signale aus. Doch insgesamt sieht es so aus, als ob die Währungshüter den Aufschwung für gefestigter halten.“

Holger Schmieding (Berenberg Bank)

„Die EZB bewegt sich im Kriechgang auf den Ausstieg aus ihrer lockeren Geldpolitik zu. Als weiteren Mini-Schritt hat sie heute auf den ausdrücklichen Hinweis verzichtet, sie könne ihre Leitzinsen noch weiter absenken. Das hat ohnehin niemand mehr erwartet. Derzeit belässt sie ihre Zinsen und monatlichen Anleihekäufe noch unverändert. Das ist auch gut so. Denn trotz des robusten Wachstums verharrt der Inflationsdruck in der Eurozone bislang auf sehr niedrigem Niveau. Deshalb kann die EZB es sich leisten, die Wirtschaft langsam auf den Ausstieg vorzubereiten. Im September kommt der nächste Schritt. Dann wird die EZB vermutlich ankündigen, dass sie ab Januar 2018 ihre Anleihekäufe langsam auslaufen lassen wird.“

Ralf Umlauf (Helaba)

„Insgesamt ist das veränderte Wortwahl im Zinsausblick ein weiterer Trippelschritt in Richtung geldpolitischer Normalisierung. Mit baldigen Zinsveränderungen ist aber nicht zu rechnen.“

Marcel Fratzscher (DIW-Chef)

„Die EZB hat vorsichtig die geldpolitische Wende eingeleitet, wenn auch nur mit Worten. Sie hat die Kommunikation geändert und die Ankündigung, notfalls ihre expansive Geldpolitik auszuweiten, gestrichen. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Vielen in Deutschland mag die geldpolitische Wende zu langsam gehen. Viele unterschätzen aber die Tragweite der EZB-Entscheidung, die zum ersten Mal seit über zehn Jahren eine nachhaltige Straffung der Geldpolitik signalisiert. Die EZB handelt richtig, den Ausstieg aus ihrer expansiven Geldpolitik graduell und nicht abrupt vorzubereiten, damit keine schädliche Verunsicherung entsteht, sondern Unternehmen und Investoren langfristig planen können. Die EZB muss auch in Zukunft eine Politik der kleinen Schritte verfolgen, um unnötige Volatilität in den Märkten zu vermeiden.“

Volker Wieland (Wirtschaftsweise)

„Endlich hat die EZB die asymmetrische Ausrichtung ihres Zinsausblicks aufgegeben. Der EZB-Rat erwartet nun nicht mehr, dass die Notenbankzinsen weiter gesenkt werden könnten, sondern lediglich dass sie weiter auf dem aktuellen Niveau verharren. Eine minimale und lange überfällige Anpassung, aber bei weitem nicht das, was notwendig wäre. Angesichts der deutlichen Erholung im Euro-Raum in den letzten Jahren wäre es längst an der Zeit, die Politik aus dem Krisenmodus herauszuholen. Die EZB sollte eine Strategie und Zeitplan für das Auslaufen der massiven Wertpapierkäufe kommunizieren.“

Nach Berechnungen des Bankhauses Jefferies können die Euro-Wächter nur noch sieben Monate lang deutsche Papiere erwerben, bevor Limits erreicht werden. Bei französischen Titeln seien es noch 16 Monate, bei italienischen Papieren 25. Die Währungshüter erwerben bei deutschen Anleihen bereits immer mehr Papiere mit kürzeren Laufzeiten, da länger laufende Anleihen langsam rar werden. Viele Anleihen weisen negative Renditen aus. Damit nehmen die Euro-Wächter Verluste in Kauf.

Die EZB hatte bereits eine Änderung der Obergrenzen ausgelotet. Sie war aber zu dem Schluss gekommen, dass dies womöglich rechtliche Fragen aufwerfen würde. Ein Neudesign der Programm-Parameter erscheint auch vor dem Hintergrund der aufgehellten Wachstumsperspektiven umstritten. „Die Gründe, warum wir dieses Programm gestartet haben, bestehen nicht mehr“, sagte ein Ratsmitglied. Die Gefahr einer Deflation sei abgewehrt wie auch die Ansteckungsgefahr unter den Ländern nach der Schuldenkrise.

Von

rtr

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