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10.05.2012

09:37 Uhr

Anlageprodukte

Spekulieren mit dem Superhebel

VonJessica Schwarzer

Geringer Einsatz, hohe Gewinne: Onlinebroker locken mit riskanten Wetten. Obwohl auch das Verlustrisiko hoch ist, kommen die Produkte bei Anlegern an.

Die Dax-Kurve: Kleinste Kursveränderung bringen bei gehebelten Produkten immense Gewinne oder Verluste. dapd

Die Dax-Kurve: Kleinste Kursveränderung bringen bei gehebelten Produkten immense Gewinne oder Verluste.

DüsseldorfDie Kurse rauschen über das Display des iPads – nur wenige Punkte bewegt sich der Dax, doch die Ausschläge im Depot sind immens. Dem Hebel sei Dank! Wer seinen Einsatz binnen kürzester Zeit verdoppeln, verdreifachen oder verzehnfachen will - aber Vorsicht, auch verlieren kann-, der findet bei Onlinebrokern das passende hochspekulative Produkt. Die Sparkassen-Tochter S- Broker etwa, aber auch der größte deutsche Onlinebroker Comdirect und Wettbewerber Cortal Consors bieten Produkte mit extremer Hebelwirkung an: Contracts for Difference (CFD), auf deutsch: Differenzkontrakte.

Klingt kompliziert, ist es aber nicht. CFD sind keine Wertpapiere, sie sind im Grunde Wetten auf die Entwicklung an den Aktien-, Devisen- oder Rohstoffmärkten. Anleger können sowohl auf steigende als auch auf fallende Kurse des jeweiligen Basiswertes setzen, also auf Aktien, Indizes, Devisen oder Rohstoffe – und das mit enormer Hebelkraft. Was die Sache so interessant, aber eben auch hochspekulativ macht: Anleger brauchen nur einen Bruchteil der Summe einzusetzen, mit der sie eigentlich spekulieren. Sie hinterlegen nämlich lediglich eine Sicherheitsleistung – genannt Margin –, die wesentlich geringer ist als der Gegenwert des Basisinstruments. Sie streichen aber, wenn ihre Wette aufgeht, den vollen Kursgewinn ein. Die Höhe der Margin bestimmt dabei den Hebel.

Differenzgeschäfte

Funktionsweise

Der Wert eines Contract for Difference (CFD) verändert sich parallel zum Basiswert, etwa zu einer Aktie. Steigt der Aktienkurs um einen Euro, steigt auch der Wert des CFD um einen Euro. Der Hebeleffekt entsteht, weil das Derivat weniger kostet. Während ein Aktionär etwa eine Aktie für 100 Euro kauft, zahlt ein Trader für einen CFD auf diese Aktie etwa nur fünf Euro. Die fehlenden 95 Euro leiht ihm der CFD-Broker.

Wirkung

Eine Kurssteigerung der Aktie um zehn Euro bedeutet auch für den CFD-Anleger ein Plus von zehn Euro. Während der Aktionär nur zehn Prozent Gewinn erzielt, verzeichnet der CFD-Trader aber ein Plus von 200 Prozent. Das Problem: Die Hebelwirkung funktioniert auch umgekehrt. Fällt der Aktienkurs etwa um fünf Prozent, verliert der CFD-Anleger bereits seinen gesamten Einsatz.

Ein Beispiel: Bei einer Hebelwirkung von zehn setzt der Anleger zehn Prozent des Basiswerts als Sicherheitsleistung ein. Kauft er also mit einem entsprechenden CFD-Kontrakt Daimler-Aktien für 10.000 Euro, muss er 1.000 Euro hinterlegen. Steigt der Daimler-Kurs um fünf Prozent, macht er 500 Euro Gewinn - bezogen auf seinen Einsatz also 50 Prozent. Hat der Stuttgarter Konzern an der Börse aber einen schlechten Tag und verliert fünf Prozent, ist der CFD-Anleger auch die Hälfte seines Einsatzes los.

Die Hebel variieren je nach Anbieter und Basiswert. Sowohl bei Comdirect als auch bei S-Broker handeln Kunden mit einem maximalen Hebel von 100. Wem das noch nicht genug Nervenkitzel ist, der kann den Einsatz – in diesem Fall den Hebel – noch erhöhen. Bei CMC Markets, dem größten Anbieter in Deutschland, zocken Investoren mit einem Hebel von bis zu 400. Anlegen mit Faktor 400 – das verspricht nicht nur satte Gewinne, wenn die Spekulation aufgeht. Das kann auch danebengehen und Anlegern hohe Verluste bescheren. Denn auch das Minus wird gehebelt.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Der Totalverlust droht schneller, als man denkt. Bei Spekulationen mit Hebel 400 muss der Basiswert nur um 0,25 Prozent fallen, schon ist die hinterlegte Sicherheitsleistung aufgebraucht. Fällt der Wert weiter, kommt es sogar zur Nachschusspflicht. Und das heißt nichts anderes, als dass Anleger mehr verlieren, als sie eingesetzt haben. Sie müssen Geld nachzahlen. „Jeder, der sich für den Handel mit CFDs entscheidet, muss sich darüber im Klaren sein, dass ein vergleichsweise hohes Verlustrisiko besteht“, sagt Mario Jessen, CFD-Experte der Comdirect Bank. Viele Anbieter und Onlinebroker – darunter auch Comdirect und S-Broker – begrenzen den möglichen Verlust allerdings auf die Summe, die auf dem CFD-Konto liegt. Sie schließen die Position, wenn das Konto gegen null geht oder die Sicherheitsleistung aufgebraucht ist.

Kommentare (5)

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Kriminell

10.05.2012, 09:51 Uhr

Die Bewerbung derartiger Produkte ist eine Schande! (...)

+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

wqd

10.05.2012, 11:14 Uhr

Mit CFD's lustig gegen den Broker um die Wette zocken. Wer noch nicht genug hat ab nach "Scoachy", dem kleinen niedlichen grünen Bullen, und gegen die Trading Rooms der Investmentbanken zocken (schon kniffliger, was die wohl so alles drauf haben?) - Und wer dann noch nicht genug hat ab an die Eurex und wie Kerviel 5 Mrd. verspielen - oder besser noch die angelsächsischen Terminbörsen wie CBOT und Co. , da sind wenigstens noch Kontrakte auf Weizen und Soja drin.

Account gelöscht!

10.05.2012, 11:19 Uhr

Interessant wäre ein Vergleich realer CFD- und Aktiendepots hinsichtlich ihrer Rendite über einen längeren Zeitraum. Ich bezweifle stark dass solche kurzfristige Zockereien dem Kleinanleger einen dauerhaften Gewinn bescheren.

Nur dass keine Nachschüsse fällig werden heißt noch lange nicht dass der CFD-Anleger nicht innert kürzester Zeit seinen Einsatz verloren hat. Diese Sicherheitsmaßnahmen bedeuten schlicht dass der Anleger herausfällt wenn die Margin oder der Depotwert auch nur kurzfristig unterschritten wird.

Und 8 Euro pro Order sind in meinen Augen auch nicht gerade billig... Mal davon abgesehen dass ausgerechnet die Sparkassen dahinter stecken, die sich sonst gerne als Hort der Sicherheit und der Stabilität gerieren...

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