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15.05.2014

13:34 Uhr

Anlagestrategie

Die neue Gier

VonJürgen Röder, Jessica Schwarzer

Magerzinsen adé? Neue Aktienanleihen bieten Zinssätze von bis zu 50 Prozent. Doch diese Zahl sagt nichts über die letztendliche Rendite aus. Anleger sollten sich nicht täuschen lassen – und nicht der Gier verfallen.

Anleger sollten nicht zu gierig sein: Bei Aktienanleihen spielen die Höhe der Zinskupons nur eine untergeordnete Rolle. Getty Images

Anleger sollten nicht zu gierig sein: Bei Aktienanleihen spielen die Höhe der Zinskupons nur eine untergeordnete Rolle.

DüsseldorfUm die Jahrtausendwende herrschte Hochstimmung an der Börse. Der Neue Markt, an dem junge Unternehmen ihr Glück versuchten, stieg unaufhörlich. Sogar vermeintlich konservative Anleger wollten von dieser Goldgräberstimmung profitieren. Und kauften Aktienanleihen auf die riskanten Wachstumswerte. Zinszahlungen von bis zu 17 Prozent blendeten, die ein solches Produkt kurz nach der Jahrtausendwende beispielsweise auf das Entertainment-Unternehmen EM.TV versprach.

Wer glaubt, solch hohe Kupons sind Geschichte, der täuscht sich. Derzeit sind neun Aktienanleihen mit einem Kupon in Höhe von 50 Prozent über die Börse oder direkt über den Emittenten erhältlich. Weitere neun bieten eine Zinszahlung, die über 40 oder 30 Prozent liegt.

Damals wie heute wussten viele Anleger gar nicht, welches Risiko sie eingingen. Denn der Name Aktienanleihe täuscht. Diese Produkte sind strenggenommen keine Anleihen. Sie vermischen Aktien- und Anleihekomponenten, wobei das Aktienrisiko dominiert. Anders als es der Name suggeriert, sind Aktienanleihen Zertifikate mit festem Zinskupon. Die Zinszahlung erfolgt wie bei einem klassischen Bond in bar. Ob aber der Anleger am Ende sein eingesetztes Geld zurückbekommt oder Aktien im Depot landen, hängt von der Entwicklung des Basiswerts ab.

Liegt der Kurs des Wertpapiers über einem bei der Emission vereinbarten Kurs (Basispreis), erhält der Anleger den Nominalbetrag zurück. Andernfalls bekommt er anstelle der Aktienanleihe eine feste Anzahl von Aktien ins Depot gebucht - und erzielt eventuell ein hohes Minus.

Was Kunden, Banker und Regierung tun sollten

Handlungsempfehlung für Kunden

Was müssen Privatkunden beachten, damit sie sich für das richtige das richtige Finanzprodukt abschliessen? Elf Vorschläge von Julius Reiter, Professor für Banking & Finance an der FOM-Hochschule für Oekonomie und Management und Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht in der Kanzlei Baum Reiter & Collegen in Düsseldorf.

Verbesserung des Finanzproduktverständnisses

Kunden müssen alle Konsequenzen im Rahmen eines Finanzgeschäfts beurteilen können. Ist dies nicht gegeben, sollten sie auf den Vertragsabschluss verzichten.

Überprüfung der Vertragsdetails

Kunden profitieren bei der Auswahl des geeigneten Finanzprodukts von einer kritischen Prüfung des Vertragswerks. Kunden gewinnen langfristig, wenn sie neben den Chancen und Risiken auch die Gebührenstruktur eines Finanzprodukts kritisch beim Erwerb hinterfragen.

Umgang mit persönlichen Daten

Kunden sollten kritisch hinterfragen, welche Informationen sie dem Finanzberater preisgeben. Weiterhin sollten sie den Umgang mit ihren persönlichen Daten, insbesondere im Internet, restriktiv handhaben. Öffentlich zugängliche personenbezogene Daten können von der Finanzbranche strategisch und in der Beratung verkaufspsychologisch genutzt werden.

Handlungsempfehlung für Banken

Banken sollten für eine erfolgreiches wirtschaften folgende Ratschläge beachten.

Suchmaschinenoptimierung

Suchmaschinen sind im Kaufentscheidungsprozess für Bankkunden eine wichtige Informationsquelle. Eine Suchmaschinenoptimierung erscheint erforderlich, um Kunden entsprechende Informationen zur Verfügung stellen zu können.

Abstimmung des Filial- und Internetangebots

Banken profitieren von einem auf das Kundenbedürfnis ausgerichteten Angebot im Internet. Die Optimierung des Vertriebsweges Internet bei gleichzeitiger Abstimmung mit lokalen Angeboten erscheint sinnvoll.

Optimierung der Vergütungsstruktur

Die Gruppe der Selbstentscheider und der Online-Käufer wächst. 25% der Kunden lassen sich in Banken und bei Finanzdienstleistern beraten, kaufen aber die Finanzprodukte im Anschluss online. Dies steht im Zusammenhang mit gestörtem Vertrauen in die Unabhängigkeit und Kompetenz der Finanzberatung. Entlohnungssysteme im Rahmen der Beratung sollten überprüft und die Qualität der Beratung gegenüber den Kunden deutlicher herausgestellt werden.

Handlungsempfehlung für Gesetzgeber

Juristen sollten die sich nachfolgenden Tipps zu Herzen nehmen.

Reduzierung Vertragskomplexität bei Finanzprodukten

Die Transparenz bei Finanzprodukten ist nicht gegeben. Die Komplexität sollte reduziert und die Transparenz, insbesondere in Bezug auf Kosten und Provisionen, muss erhöht werden. Bei gesetzlicher Verpflichtung der Anbieter zur Offenlegung aller Kosten einer Kapitalanlage in Euro und Cent könnte der Anleger unter Berücksichtigung dieser Kosten von sich aus prüfen, welcher absolute Betrag seiner Anlagesumme überhaupt in die Substanz des Produktes fließt und wie viel „weiche Kosten“ keinem Gegenwert entsprechen.

Unabhängige Beratung fördern

Der Trend zum Selbstentscheider und Online-Kauf bei Finanzprodukten nimmt zu. Dies steht im Zusammenhang mit dem Vertrauensverlust in die Finanzberatung. Ein Fünftel der Befragten kann sich unter Honorarberatung, also unabhängiger Beratung ohne Provisionsvergütung, nichts vorstellen. Es sollte durch den Gesetzgeber ein Berufsbild des Honorarberaters mit qualifizierter Berater-Ausbildung und verbindlichen Qualifikationsanforderungen etabliert werden. Die Verpflichtung für Anbieter, Finanzprodukte als Alternativangebot mit provisionsfreien Nettotarifen anzubieten, könnte den Markt für unabhängige Beratung fördern.

Finanzbildung

Die Finanzbildung sollte als fester Bestandteil in die Schulausbildung integriert werden.

Im Fall der Aktienanleihe auf EM-TV lag dieser Basispreis bei 48,08 Euro - die Aktie notierte aber zwischenzeitlich bei 4,75 Euro. Aus den eingezahlten 5.000 Euro wurden 494 Euro, weil dem Käufer 104 Aktien ins Depot geliefert wurden. Diesen Verlust konnte die 17-prozentige Zinszahlung zum Laufzeitende auch nur wenig lindern.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

15.05.2014, 13:43 Uhr

"Die neue Gier"
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Gier kennt man bereits seit den Neanderthalern.
Neue Gier kann nur bedeuten: es gäbe neue Neanderthaler.

Gier ist wie Toilette gehen müssen: laangweilig.

Und nur weil Primaten Havard gieren können/sollten ist Gier alles andere als modern: Gier hält man sich und man hüte sich davor sie leben zu müssen.

Account gelöscht!

15.05.2014, 13:49 Uhr

Wem erklären Sie das?

Wer es nicht weiß, istz ohenhin bereits abgezockt worden .....!

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