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13.11.2012

09:23 Uhr

Anlagestrategie

Renditejagd am Bosporus

VonMatthias von Arnim

Die Türkei hängt mit starkem Wirtschaftswachstum manchen EU-Staat ab, die Entwicklung des Aktienmarktes bereitet Anlegern nach längerer Pause wieder Spaß. Mit welchen Produkten Anleger auf den Boom am Bosporus setzen.

Einige Börsianer reißen sich schon um lukrative Anlagen in der Türkei. ap

Einige Börsianer reißen sich schon um lukrative Anlagen in der Türkei.

BonnDer türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan kann zufrieden auf die vergangene Woche zurückblicken. Er feierte mit seiner Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) den zehnten Jahrestag des ersten Wahlsiegs. Wenige Tage zuvor hatte er der deutschen Bundeskanzlerin in Berlin eine kleine Lektion in Sachen Euro-Krise erteilt. „Die Krise muss so schnell wie möglich überwunden werden“, mahnte er, der „Sumpf der Schulden“ müsse endlich austrocknen. Das passende Rezept zur Lösung der Probleme hatte er direkt im Koffer: die Türkei gehöre in die Europäische Union. Das Land am Bosporus habe Geld und ein gesundes Wirtschaftswachstum vorzuweisen, rechnete er bei seiner Rede den anwesenden deutschen Wirtschaftsführern und Politikern vor. Die Zahlen lesen sich in der Tat beeindruckend: 115 Milliarden US-Dollar Währungsreserven, 2011 ein Wirtschaftswachstum von 8,5 Prozent und eine bescheidene Neuverschuldung von 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts können sich sehen lassen. „Die Maastricht-Kriterien können wir im Gegensatz zu vielen anderen einhalten“, fügte Erdogan entsprechend selbstbewusst hinzu. Die Türkei sei zudem ein Land mit Zukunft, das ließe sich schon an der demografischen Entwicklung ablesen: Das Durchschnittsalter der Türken liegt bei 29 Jahren. Zum Vergleich: Der Altersdurchschnitt in Deutschland liegt aktuell bei 45 Jahren. Derzeit leben rund 75 Millionen Menschen in der Türkei. In sechs Jahren werden es mehr Einwohner sein, als die Bundesrepublik hat.

Volkswirtschaft und Bevölkerung der Türkei

Arbeitsmarkt

Auf einer Fläche von 783.562 Quadratkilometern leben in der Türkei 74 Millionen Menschen. Das Bevölkerungswachstum betrug im Jahr 2011 1,3 Prozent. 27.2 Prozent der Einwohner sind jünger als 15 Jahre, 6,1 Prozent sind älter als 65.

Arbeitsmarkt

Mit 10,33 Prozent hat die Türkei eine vergleichsweise hohe Arbeitslosenquote. Im kommenden Jahr soll sie auf 10,5 Prozent steigen. Zu den wichtigsten Branchen, gemessen am Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt, zählen mit 16,3 Prozent die Industrie, Transport und Kommunikation (13,3 Prozent) sowie der Handel (11,8 Prozent).

Wirtschaftswachstum

Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im vergangenen Jahr um 8,5 Prozent.

Außenhandel

Einfuhren in 2011: 524,4 Milliarden Dollar, Ausfuhren in 2011: 555,2 Milliarden Dollar, Saldo: 30,8 Milliarden Dollar

Wichtigste Einfuhrländer und Liefergüter

Die bedeutendsten Lieferländer der Türkei sind Russland (9,9 Prozent), Deutschland (9,5 Prozent) und China (9,0 Prozent). Die wichtigsten Importgüter sind Chemikalien (13,8 Prozent), Basismetalle (10,8 Prozent) sowie Fahrzeuge (8,3 Prozent).

Wichtigste Ausfuhrländer und Ausfuhrgüter

Hauptabnehmer für türkische Produkte sind Deutschland (10,2 Prozent), Irak (6,2 Prozent) und Italien (5,8 Prozent). Das Land exportiert überwiegend Basismetalle (12,7 Prozent), Fahrzeuge (12,6 Prozent) sowie Bekleidung (8,6 Prozent).

Devisenreserven

2011 hielt die Zentralbank 78,3 Milliarden Dollar Währungsreserven. 2012 sollen sie 81 Milliarden Dollar halten (Prognose).

Das Wirtschaftswachstum erreicht das Hinterland

Der jüngste Erfolg steht auf mehreren Säulen. Ein tragendes Element ist der stark wachsende Konsum. Die junge Bevölkerung gibt gerne Geld aus. Das stärkt die Binnenkonjunktur. „Das Wachstum beschränkt sich dabei nicht nur auf die traditionell starken Großstädte Istanbul und Ankara, sondern hat auch die Städte im Hinterland erreicht, in denen gezielt Industrie aufgebaut wird“, erklärt Kemal Bagci von der Royal Bank of Scotland. Die Sabanci- oder die Koç-Holding sind dabei die Vorreiter.

Mit Automobilherstellern, Lebensmitteln, Haushaltsgeräten, Energie, IT, Finanzdienstleistern, Tourismus und Bau setzte der Mischkonzern Koç im Jahr 2011 rund 36 Milliarden Euro um – das sind etwa sieben Prozent des türkischen Bruttoinlandsprodukts. Unterm Strich blieben 1,15 Milliarden Euro Gewinn. Ähnlich beeindruckend sieht es beim Sabanci-Konzern aus, der aus einem Konglomerat von Banken, Versicherern, Energie- und Zementherstellern sowie Handels- und Industriebetrieben besteht.

Die türkische Erfolgsgeschichte ist leider nicht ganz ohne Schatten. Das Leistungsbilanzdefizit liegt bei sieben Prozent, ein nicht unwesentlicher Teil des Wachstums ruht immer noch auf den Schultern des Tourismus. Sollten die Westeuropäer aufgrund rückläufiger Konjunktur weniger verreisen, würde das auch die Türkei treffen.

Kommentare (3)

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Kowalski

13.11.2012, 10:47 Uhr

Mit keiner Silbe wird im Artikel erwähnt dass die Landwirtschaft quasi zum Erliegen gebracht wurde. Meiner Meinung nach wird das der Faktor sein, der sich am Fatalsten auswirken könnte. Denn früher war gerade die Landwirtschaft der wichtigste Export des Landes bzw. auch der Teil, auf dem der Großteil der selber im land hergestellten Produkte ausmachte. (Baumwollprodukte, Trockenfrüchte etc.) Daß Erdogan auf Wirtschaftsexperten hören wird, das bezweifle ich. Der wird solange weitermachen, bis die Türkei völlig am Ende ist. Und da er zur Selbstüberschätzung neigt, es vermutlich noch gar nicht einmal wissen, was dann eigentlich passiert ist. Ich halte den Mann weder für besonders weitsichtig, noch für besonders intelligent. Allerdings für mit besonders viel und hoher Selbsteinschätzung gesegnet. Armes Volk!

Dervolkan

13.11.2012, 13:18 Uhr

Hierzu meine Antworten @Kowalski und @karstenberwanger

1. "Denn früher war gerade die Landwirtschaft der wichtigste Export des Landes bzw. auch der Teil, auf dem der Großteil der selber im land hergestellten Produkte ausmachte. "

Das ist komplett falsch. Die türkische Industrie hat 90% Teil am türkischen Export. Das hätte für die Türkei in 1990s gestimmt.

2-) "Daß Erdogan auf Wirtschaftsexperten hören wird, das bezweifle ich"

Gott sei Dank, er hat nicht die gleichen Wirtschaftsberater wie die EU.

3-) "Es ist mehr als ebenso bekannt dass sich in der Türkei gerade eine massive Kreditblase bildet....auch davon kein Wort??"

Es ist leider nur "wishfull thinking". Die Kreditblase bildet sich (hat sich gebildet) im Süden von der EU. Türkisches Bankensystem ist solider als das Europäische.

4-)"Ach ja..und Türkei in die EU? Also sorry aber lächerlicher und katastrophaler könnte es dann bald nicht mehr sein."

Die EU muss zuerst die Kopenhagenkriterien erfüllen um die Türkei aufnehmen zu können.

Fazit: Lesen gefährdet die Ignoranz.




Kowalski

13.11.2012, 16:09 Uhr

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