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01.08.2012

14:41 Uhr

Anlegerschutz

„Wer zocken will, soll zocken“

VonFrank Matthias Drost

Wie weit muss und darf Anlegerschutz gehen? Die Verbraucherschutzministerin fordert mehr Transparenz. Der Chef des privaten Bankenverbands Michael Kemmer fürchtet im Streitgespräch den großen bürokratischen Aufwand.

Verbraucherschutzministerin Aigner und der Chef des Bankenverbands Kemmer beim Streitgespräch im Berliner Café Einstein. Herbert Knosowski für Handelsblatt

Verbraucherschutzministerin Aigner und der Chef des Bankenverbands Kemmer beim Streitgespräch im Berliner Café Einstein.

BerlinAnleger haben viel Geld mit Lehman-Zertifikaten verloren. Hat die Politik die richtigen Konsequenzen gezogen?

Aigner: Wir haben mit einem Bündel von Maßnahmen reagiert, um den Schutz der Geldanleger zu verbessern. Es geht um mehr Transparenz und Verlässlichkeit. Ich darf an die Beratungsprotokolle erinnern und die Produktinformationsblätter, die Aufschluss geben über Chancen, Risiken und Kosten von Finanzprodukten. Ein Hauptproblem besteht nach wie vor darin, dass sich ein Teil der Kreditwirtschaft von ihrer dienenden Funktion gegenüber dem Verbraucher entfernt hat.

Kemmer: Da ist sicherlich viel geschehen. Und alles, was geschehen ist, war gut gemeint. Aber nicht alles, was gut gemeint ist, ist wirklich hilfreich. Was die Beratungsprotokolle angeht, da wird jeder quasi zwangsbeglückt. Unserer Auffassung nach muss der erfahrene Kunde, der schon eine Reihe von Protokollen erhalten hat, das Recht haben, die Aushändigung eines Beratungsprotokolls abzulehnen.

Sicherheit für Anleger

Beratungsprotokoll

Es soll dokumentieren, dass der Berater die persönliche Lage und Anlagewünsche des Kunden aufgenommen hat und dazu passende Empfehlungen gab.

Beraterregister

Es soll rund 300 000 Bankberater und Vertriebler aufnehmen. So will die Finanzaufsicht Bafin schwarze Schafe schneller finden und sanktionieren.

Produktinfomationsblätter

Sie werden auch Beipackzettel genannt und klären über Risiken, Chancen und Kosten auf.

Testkäufer

Bisher testet nur Stiftung Warentest die Beratung mit anonymen Kunden. Verbraucher- und Finanzministerium wollen, dass dies auch die Bafin darf. Das Justizministerium ist dagegen.

Muss er das, Frau Aigner?

Aigner: Auch wenn jemand häufig Anlageentscheidungen trifft, kann er danebenliegen. Ich bleibe dabei: Beipackzettel und Beratungsprotokolle sind wichtige und richtige Instrumente. Gleichwohl nehmen wir ihre Wirkung kritisch unter die Lupe.

Herr Kemmer, rund 300 000 Bankberater sind derzeit bei der Finanzaufsicht Bafin registriert. Geht jetzt die Angst bei den Bankberatern um?

Kemmer: Nein, aber wir sehen das als bürokratischen Overkill an. Aus unserer Sicht wäre es praktikabler gewesen, diejenigen Berater zu erfassen, bei denen sich Beschwerden häufen. In der Kartei vom Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg werden schließlich auch nur die Verkehrssünder erfasst und nicht alle Autofahrer.

Frau Aigner, warum muss hier ein ganzer Berufszweig büßen?

Aigner: Es geht bei diesem Vorhaben darum, Vertrauen und Transparenz herzustellen. Lehman hat gezeigt, dass die Beratung nicht optimal funktionierte. Jetzt können wir feststellen, wer überhaupt berät, ob Qualifikation dahintersteckt und wer für den Vertrieb verantwortlich ist.

Kemmer: Noch ein Wort zu Verbraucherbeschwerden. Wenn die Renditeerwartungen eines Anlegers nicht aufgehen, muss er nicht falsch beraten worden sein. Schnell ist man mit Vorwürfen bei der Hand, wenn Geld verloren wird. Tatsächlich muss die Risikoneigung des Kunden bei seinen Anlagen eindeutig erfasst werden. Ich darf daran erinnern, dass die überwiegende Mehrheit der Bankkunden - nämlich 80 Prozent - sich gut beraten fühlt.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

01.08.2012, 15:04 Uhr

Kemmer:"Aber man kann nicht die gesamte Welt der Anlageberatung über einen Kamm scheren."

rofl.. doch,Mr. Kemmer, genau das kann und muss man sogar.

Phodrouj

01.08.2012, 15:28 Uhr

Vertrauen und Transparenz kann man haben. Für das Selbstvertrauen ist jeder selbst verantwortlich und transparente Wertpapiere gibt es: Unternehmensanleihen und Aktien. Ich würde niemals Zertifikate kaufen, weil sonst gegen den Buffetschen Grundsatz verstieße: Nur kaufen, was man versteht. Und ich verstehe Zertifikate nicht und es mir auch zu müßig, mich da reinzuarbeiten. Ich verstehe auch Kapitallebensversicherungen und Riesterrenten nicht. Wer glaubt zu verstehen, wie der Ansparvorgang bei einer KLV funktioniert und wer glaubt, durch den Riesterförderdschungel durchzusehen lügt. Ich habe mich mehrfach über die Riesterrente zu informieren versucht, aber vollständig erfassen konnte ich sie nicht.

Übrigens: Am meisten zockt man bei Produkten für den kleinen Mann. Ob nun KLV oder Riesterente... man bietet die irrsinnige Wette an, nicht nur sehr alt zu werden, sondern auch 40 Jahre lang Verbindlichkeiten bedienen zu können. Bei der KLV hat das nur jeder siebte geschafft. Es ist wie beim Glücksspiel. Die Vermögenden versuchen sich am Roulette-Tisch, wo der Spielveranstalter 1/37 für sich beansprucht. Die Arbeiter spielen Lotto-Toto, wo der Spielveranstalter mit Wahrscheinlichkeit 53/54 gewinnt.

Wir brauchen keine Politik, die das Volk vor vermeintlich gefährlichen Produkten wie Aktien warnt. Wir brauchen eine Politik, die Menschen ermutigt, Aktien zu kaufen. Ein Volk von vielen Eigentümern an Vermögenswerten wäre stabiler, demokratischer und wohlständiger. Man bräuchte auch weniger Sozialleistungen und weniger Renten.

Oelblase

01.08.2012, 15:55 Uhr

@Phodrouj

Was sie da geschrieben haben ist nichts als die reinste Wahrheit!

Nur widerspricht dem Glauben, dass es Finanzinnovationen gibt!!!! Was Sie geschrieben haben ist nämlich, dass es keine Finanzinnovationen gibt - denn was keiner versteht bzw. wobei niemand die wahren Risiken einschätzen kann, ist ein Hohn über den gesunden Menschenverstand.


Da Thema ist aber für mich durch. Nur wenn mir jemand einen geladenen Revolver an die Schläfe hält, werde ich mit diesem Gaunerverein Geschäfte machen, sonst sollen die alle zur Hölle gehen. Absolut unproduktiv und nichts weiter als sozialer Abschaum mit Krawatte.

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