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23.10.2014

10:06 Uhr

Dax-Absturz

Der Preis der Angst

VonMatthias von Arnim

Die Aktienkurse sind plötzlich unter Druck geraten. Die Unsicherheit steigt. Abzulesen nicht nur an fallenden Notierungen, sondern auch an steigender Volatilität. Was das für Anleger heißt und was sie tun sollten.

Die Nervosität an der Börse steigt. dpa

Die Nervosität an der Börse steigt.

DüsseldorfDie Euphorie der Anleger wurde in den vergangenen Wochen abrupt gebremst. Die Kursentwicklung des Dax kannte tagelang nur eine Richtung, nämlich nach unten. Der deutsche Aktienleitindex kam Mitte September noch auf 9.800 Punkte, fiel innerhalb eines Monats auf bis 8354 Punkten. Ganz anders sieht die Entwicklung des VDax-New aus: Dieser Index, der die Volatilität des Dax misst, verdoppelte sich in derselben Zeit, in der der Dax deutlich weniger einbüßte.

Kein Wunder, denn der VDax-New ist ein Psycho-Index: Börse ist kein rein rationales Geschäft. Angst und Gier beherrschen das Parkett. Gierig sind letztlich alle Marktteilnehmer, deshalb steigen die Kurse, wenn sie steigen, oft über einen längeren Zeitraum mit recht überschaubaren Schwankungsbreiten an. Doch wenn die natürliche Angst vor fallenden Notierungen in Panik umschlägt, wollen plötzlich alle gleichzeitig durch dieselbe Tür.

Deshalb geht es manchmal sehr, sehr schnell bergab mit den Kursen. Die Schwankungsintensität steigt rapide. So etwas kann an die Nerven gehen. Wer an der Börse wissen will, ob und wie sehr Aktionäre unter Druck stehen, muss nur die Volatilität der betreffenden Aktienkurse messen. Die Volatilität, von Börsianern kurz „Vola“ genannt, ist deshalb eine der interessantesten Kennziffern der Börsenmathematik.

Zunächst einmal ist sie nichts anderes als eine Kennzahl, die die Schwankungsintensität der Kurse angibt. Doch eine hohe Schwankungsintensität bedeutet viel Unsicherheit. Man kann darüber streiten, ob ein erhöhter Blutdruck der Teilnehmer zu einer höheren Volatilität der Wertpapierkurse führt oder umgekehrt. Fakt ist aber: Je höher der Blutdruck der Börsianer, desto höher ist auch die implizite Volatilität, die in Prozent angibt, wie stark die erwartete Kursbewegung einer Aktie oder eines Index vom Mittelwert der Kursbewegungen abweicht, die in der Vergangenheit gemessen wurden.

An sich ist damit schon fast alles über das Wesen der Volatilität gesagt – wäre da nicht die Begeisterung der Börsianer für jede Art von Statistik, die in irgendeiner Form dazu beitragen könnte, den künftigen Kursverlauf eines Investments vorherzusagen. So ist es kein Zufall, dass die Vola in eine ganze Reihe von Berechnungen einfließt, die zur Analyse von Aktien oder anderen Anlageklassen herangezogen werden. Denn die Schwankungsintensität ist ein Unsicherheitsfaktor – und damit eine Risikokennzahl. Die Vola gibt nämlich keine Auskunft darüber, ob Kurse steigen oder fallen, sondern nur, wie heftig deren Bewegungen nach oben oder unten sein können.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Eine Prognose über die zukünftige Entwicklung einer Aktie ist also umso schwerer, je höher die Volatilität ihrer Kursbewegungen ist. Deshalb hat die Volatilität eines Basiswertes wie etwa einer Aktie, einer Anleihe, eines Rohstoffs oder eines Index einen großen Einfluss auf die Preisgestaltung von Finanzderivaten auf die entsprechenden Basiswerte. Schließlich müssen die Emittenten von Finanzderivaten ihre Produkte in ihren Büchern absichern. Und da gilt: Je schlechter sich die Entwicklung des Basiswertes abschätzen lässt, desto größer ist die Risikoprämie für das Produkt und desto höher somit auch dessen Preis. Das gilt natürlich auch umgekehrt.

Kommentare (2)

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Herr Dr. Peter Lustig

23.10.2014, 10:12 Uhr

Der Dax hat gerade 200 Punkte plus in 30 Minuten gemacht und steht bei 9.000 Punkten. Absturz sieht anders aus, oder?

Herr Helmut Paulsen

23.10.2014, 11:39 Uhr

Ja, Moderator Matthias von Arnim will uns "Angst" einreden.

German Angst eingeredet - wir werden immer hypnotisiert von den Medien.

Nachdem die Börsen durch Gelddrucken und Anleihekaufprogramme von Seiten FED und EZB zu Lasten der Steuerzahler über Jahre "nach oben getrieben wurden" - ist es doch ganz natürlich, dass die Börse einen "Kater" hat und nach "echten Unternehmensdaten" Ausschau hält.

Branchen-Rotationen (mal Banken, mal Maschinenbauer, mal Autos usw) sind angesagt und auch Regios-Rotationen (USA, Europa, Emerg-markets im Wechsel).

Wer jetzt verkauft oder umschichtet hat KEINE ANGST sondern handelt instinktiv richtig. mit ANGST zu argumentieren ist primitiv und des HB nicht würdig.

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