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09.05.2012

13:58 Uhr

Interview

„Da brach alles zusammen“

VonIngo Narat

Poker-Experte Michael Keiner war in nur sechs Monaten pleite. Er hat viel Geld an der Börse verzockt und rät nun zur Vorsicht bei Spekulationen.

Michael Keiner spielt berufsmäßig Poker und hat Millionen an der Börse verzockt. Reuters

Michael Keiner spielt berufsmäßig Poker und hat Millionen an der Börse verzockt.

Handelsblatt: Herr Keiner, Sie sind ein richtig bunter Hund…

Keiner: Ich habe schon viele Dinge gemacht in meinem Leben.

Handelsblatt: Die wichtigsten Lebensthemen waren wohl Sport und Geld…

Keiner: Ich habe 1997 praktisch aus dem Stand die Europameisterschaft im Poker (Potlimit 7-Card Stud) gewonnen. Seitdem habe ich an vielen Turnieren teilgenommen und auch eine ganze Reihe von Siegen mitgenommen, zum Beispiel die Weltmeisterschaft 7-Card Stud 2007 in Las Vegas.

Handelsblatt: Das war Ihnen ja nicht in die Wiege gelegt…

Keiner: Kann man nicht sagen. Ich habe nach der Schule eine Offiziersausbildung bei der Bundeswehr gemacht. Aber dann reizte mich das Medizinstudium.

Handelsblatt: Woher kam die Verbindung zum Geld?
Keiner: Anfang der achtziger Jahre habe ich bei Hoechst meine Doktorarbeit vorbereitet. Es ging um Nuklearmedizin, um das carcinoembryonale Antigen, ein spezielles Protein zur Tumorerkennung. Dabei musste ich 1200 Krebspatienten der Uni Gießen testen. Auswertungen waren damals noch viel aufwendiger als heute. Es gab keine Computer. Eine Fax-Übermittleung dauerte zehn Minuten und war enorm teuer.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Handelsblatt: Und die Verbindung zur Börse?

Keiner: Ich verwendete damals spezielle statistische Methoden. Ich fragte mich: Kann man das auch für Aktien verwenden? Sogenannte Korrelationen spielten in meinen Tests eine Rolle. Es ging also darum, ob man nicht auch Abhängigkeiten zwischen Kursentwicklungen von Aktien entdecken und daraus Gewinne machen könnte.

Handelsblatt: Und es hat geklappt?

Keiner: Ja, und es lief so gut, dass ich zeitweise die größte private Vermögensverwaltung für japanische Anlagen besaß. Wir haben alles mit japanischen Optionsscheinen gemacht. Ich habe ein Fax und einen Computer gekauft, ließ mir jeden Morgen die Kurse aus Tokio schicken. Eine Studentin gab die Kurse ins System ein. Ich hatte extra ein Programm für die Auswertung in Basic geschrieben – das war zu den Zeiten eine Revolution. Nach den Ergebnissen kaufte ich die Scheine.

Handelsblatt: Das war dann wohl in den Boom-Zeiten?

Keiner: Es war in der Blüte der Japan-Hausse Ende der achtziger Jahre. In der Spitze besaß ich 64 Millionen Dollar. Aber es waren ganz heiße Geschäfte. Die Optionsscheine hatten Hebel von bis zu 300. Manche Scheine verdoppelten sich in einer oder in zwei Wochen. Ich erinnere mich zum Beispiel an den Schein von Hanwa: Der stieg von 400 auf 40000 D-Mark.

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