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08.05.2012

13:14 Uhr

Kolumne: Nachgerechnet

Kleine Einsätze bewegen große Summen

VonGertrud Hussla

Beim Handel mit stark gehebelten Kontrakten geht mehr Geld an die Bank als beim Roulette. Ein Selbstversuch auf der Handelsplattform Comdirect.

Riskantes Spiel - Nachgerechnet

Video: Riskantes Spiel - Nachgerechnet

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Vor ein paar Tagen habe ich innerhalb von 24 Stunden über 9000 Euro verloren. Gott sei Dank nur virtuell. Ich bin auf eine Handelsplattform der Comdirect gegangen. Sie bietet, ähnlich wie die Sparkassen, Privatkunden eine neue Möglichkeit, mit Hebelprodukten binnen Minuten und Sekunden tausende Euro zu gewinnen und zu verlieren. Nach dem Motto „Handeln wie die Profis!“ können Privatleute mit sogenannten Differenzkontrakten, CFD's von den Kursschwankungen eines Tages profitieren. Das können Anfänger zunächst auf einem Demo-Konto üben. 50000 Euro Spielgeld bekommt man da, bei mir sind es inzwischen nur noch 41000.

CFDs erlauben es, mit einem minimalen Einsatz große Summen zu bewegen. Ich wählte einen Kontrakt auf den Dax, mit dem Standard-Hebel von hundert. Mit nur 67 Euro kann ein Kunde damit bei einem Dax-Stand von 6?700 Punkten gleich mit 6?700 Euro handeln. Gewinnt der Dax nur ein Prozent, 67 Punkte, verdoppelt sich das eingesetzte Geld, der Investor gewinnt 67 Euro. Verliert der Dax ein Prozent, ist der Einsatz weg.

Die Comdirect bot kostenlose Einführungsveranstaltungen in allen Großstädten. Dort hörte ich, dass es wichtig ist, entspannt zu sein, eine feste Strategie zu haben, und mit kleinen Summen anzufangen. Die Gebührenliste lag im Informationsmaterial. Was dort nicht steht: Manchmal geht mehr an die Bank als beim Roulette.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Entspannt war ich jedenfalls. So nebenbei, während der Arbeit, habe ich 50 CFDs auf den Dax gekauft. Nach der Mittagspause hatte ich schon 850 Euro mehr auf dem Konto. Da habe ich gleich noch mal 300 Stück auf den Dax gewettet und damit über zwei Millionen Euro bewegt. Doch leider geriet ich in eine Delle, und schon rasselte mein Guthaben nach unten. Auch spätere Versuche, das aufzuholen, scheiterten. Ich stieg sogar noch in eine Übernachtposition auf den Nikkei Index.

Kann man so wirklich reich werden? Nur ein Prozent aller Daytrader, also der Investoren, die täglich handeln, schafft es, über mehr als ein Jahr den Markt zu schlagen, ermittelte Brad Barber von der University of California (siehe "Was Daytrader wissen sollten"). Wissenschaftler betonen, dass die Nebenkosten bei den Gewinnchancen eine wichtige Rolle spielen.

Hebelprodukte

Contracts for Difference (CFD)

Mit CFDs – auch Differenzkontrakte genannt – partizipieren Anleger an steigenden und fallenden Kursen unterschiedlicher Basiswerte. Über einen Hebel, der weit über 100 Prozent sein kann, können sie dabei ein Vielfaches des eingesetzten Kapitals gewinnen – oder auch verlieren. CFDs sind keine Wertpapiere, CFD-Anleger haben keine Rechte an dem Basisinstrument.

Optionsschein

Ein Optionsschein ist ein derivatives Finanzinstrument, mit dem Anleger gehebelt von der Kursbewegung eines Basiswerts profitieren können. Optionsscheine sind verbriefte Wertpapiere. Ein Kaufoptionsschein (Call) verbrieft das Recht, einen Basiswert zu einem bestimmten Preis zu einer festgelegten Zeit beziehen zu können. Der Verkaufsoptionsschein (Put) verbrieft dagegen das Recht, den Basiswert zu einem bestimmten Preis zu einem festgelegten Zeitpunkt zu verkaufen.

Hebelzertifikat

Mit einem Hebelzertifikat können Investoren einen Basiswert, beispielsweise eine Aktie, zu einem günstigeren Preis kaufen. Hebelzertifikate werden auch unter dem Begriff Knock-out-Produkte angeboten, die je nach Emittent Waves, Mini-Futures, Classic/Unlimited/BEST oder Smart Turbos oder einfach nur Turbos heißen. Hebelzertifikate haben eine Knock-out-Grenze, bei der das Zertifikat wertlos wird. Durch den Hebel partizipieren Anleger stärker an den Kursschwankungen des zugrunde liegenden Basiswerts. Verlieren können Anleger nur den eingesetzten Betrag.

Hebel-ETF

Auch börsengehandelte Indexfonds (Exchange Traded Funds, kurz ETF), die die Entwicklung eines Index eins zu eins nachbilden, gibt es mit Hebel. Diese Hebel-ETFs gibt es als Long- und als Short-Version. Verlieren können Anleger nur den eingesetzten Betrag.

Ich zahle schon vor Gebühren drauf. Der Nikkei ist über Nacht zwar gestiegen, hat mich aber nicht gerettet. Noch ein Fehlversuch mit dem Dax: Am Ende sind 9045 Euro weg. Für Provisionen habe ich 61 Euro gezahlt, zeigt eine Liste. Doch ein Posten erscheint dort nicht: Der Spread, die Spanne zwischen Kauf und Verkaufspreis. Beim Dax- Kontrakt beträgt sie zwei Euro. Bezogen auf den Einsatz von 67 Euro je Kontrakt sind das fast drei Prozent. Das ist mehr als beim Roulette: In der Spielbank gehen im Schnitt 2,7 Prozent eines Spieleinsatzes an die Bank. Bei CFDs ist also auch der Spread gehebelt.

„Man muss die Spanne immer in Bezug zu der Position sehen, die der Kunde handelt“, wendet Mario Jessen von Comdirect ein. Im Vergleich zu normalen Transaktionsgebühren sei sie sehr gering.

Ich habe mit gut elf Millionen Euro gehandelt. Für die Spanne gingen dabei 1983 Euro drauf. Der Spread hat also fast ein Viertel zu meinem Gesamtverlust von 9045 Euro beigetragen. „Jedes Hobby kostet“, sagt dazu Kapitalmarktexperte Martin Weber von der Uni Mannheim. Fast alle Trader zahlten am Ende drauf.

Studie: Was Daytrader wissen sollten

Studie

Was Daytrader wissen sollten

Die Idee, mit dem täglichen Handel von Hebelprodukten reich zu werden, geht nicht auf. Wissenschaftliche Studien ergaben, dass nur wenige Trader eine Rendite von circa fünf Prozent verdienen.

Ich persönlich finde die Kapitalmärkte spannender als Roulette. Wenn ich Geld übrig hätte, würde ich es dennoch machen wie in der Spielbank: Einen festen Einsatz nehmen. Und sollte der am Ende weg sein: Aufhören.


Kommentare (1)

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austernperle

09.05.2012, 10:35 Uhr

Bevor so ein oberflächlicher, unqualifizierter Artikel hier zum Druck frei gegeben wird, sollte die Verfasserin sich erst einmal mit dem Thema "Money Management" befassen und daraus lernen!(Schlag nach bei Wikipedia!) und siehe
z.B. ISBN 978-3-89879-252-3

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