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05.09.2011

08:43 Uhr

Kolumne Nachgerechnet

Wenn das eigene Depot nur für die Bank arbeitet

VonGertrud Hussla

Am Depot einer alten Dame hat eine Volksbank auf dem Land über Jahre gut verdient. Zertifikate und Immobilienfonds bescherten der Bank satte Gebühreneinnahmen. Die Kundin aber ging leer aus.

Ein ganz "normales" Depot - Nachgerechnet

Video: Ein ganz "normales" Depot - Nachgerechnet

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DüsseldorfDie ältere Dame hat ihr Geld gut zusammengehalten. Darüber geredet hat sie mit niemandem, auch nicht mit ihren Kindern. Jetzt ist sie gestorben, und ihre Kinder haben gestaunt, was sich im Depot alles fand. Von einer „Alpha Express-Anleihe“ der Citibank bis zum „Unigarant Dividendenstars“ lagen da nahezu ausschließlich Garantieprodukte. Dazu noch drei Immobilienfonds, einer ist gerade geschlossen. Insgesamt 16 Positionen, erworben bei ihrer kleinen Volksbank. Die Bank hat daran gut verdient. Die Kundin weniger.

Viele Stunden brüteten die Kinder, bis sie die Positionen verstanden hatten. Die Dame hatte auf alles Mögliche gewettet: auf Rentenpapiere, Aktien, Immobilien, den Dividendenindex Div-Dax versus den Dax und auf Rohstoffe. Risiken ist die Anlegerin dabei nur in Maßen eingegangen, denn fast jedes Produkt verspricht am Ende der Laufzeit den Einsatz zurück.

Die Beraterin hat das Sicherheitsbedürfnis der Kundin durchaus berücksichtigt, die ihres Arbeitgebers aber mindestens genau so stark. Mit Slogans wie „Meinen eigenen Weg gehen (VR Europa Relax Zertifikat)“ oder „Winterträume für Ihr Vermögen (VR Europa Garant Zertifikat)“ hatten Broschüren für die Produkte der Volks- und Raiffeisenbanken geworben. Doch viel herumgekommen ist bei der komplexen Depotstruktur nicht.

Etwas über 206.000 Euro hatte die Dame in den letzten sieben Jahren portionsweise neu investiert, daraus sind inzwischen inklusive Zinsen 207.400 Euro geworden. Ein halbes Prozent Plus über sieben Jahre. Es könnte noch ein bisschen mehr werden, denn die meisten Fonds und Zertifikate schütten den Gesamtertrag erst zum Ende ihrer Laufzeiten aus.

Zertifikate-Typen

Was sind Bonuszertifikate?

Bonuszertifikate bieten einen Risikopuffer gegen Kursverluste bis zu einer bestimmten Kursschwelle, gleichzeitig Gewinnchancen in seitwärts tendierenden Märkten und unbegrenzte Gewinnchancen in steigenden Märkten.

Wie funktionieren Bonuspapiere?

Die Papiere bestehen aus drei Komponenten: Erstens die Chance, an der positiven Entwicklung eines Basiswertes zu verdienen – ein Index oder eine einzelne Aktie; zweitens am Laufzeitende ein Bonus, der bei Auflage des Zertifikats festgelegt, aber nur dann gezahlt wird, wenn drittens eine deutlich unter dem Startwert des jeweiligen  Basiswertes liegende Kursbarriere, die sogenannte Knock-in-Schwelle, während der gesamten Laufzeit nie berührt oder unterschritten wurde. Bis zur Knock-in-Schwelle hat der Anleger also einen Risikopuffer.

Kann der Bonus verloren gehen?

Ja. Wird die Knock-in-Schwelle während der Laufzeit unterschritten oder auch nur berührt, wandelt sich das Produkt in ein klassisches Index- oder Partizipations-Zertifikat. Der Bonus geht verloren.

Wie funktionieren Discountzertifikate?

Im Vergleich zum Kauf einer Aktie oder eines Index bezahlen Anleger bei einem Discountzertifikat durch den Abschlag (Discount) einen günstigeren Preis. Notiert der Kurs des Basiswertes am Ausübungstag auf oder oberhalb des festgelegten Höchstbetrags (Caps) des Discountzertifikates, wird der maximal mögliche Auszahlungsbetrag erzielt. Steigt der Kurs des Basiswertes darüber hinaus, nehmen Anleger an dieser Kursentwicklung nicht mehr teil.

Wann profitieren Discounter?

Das Sicherheitspolster in Form des Discounts kommt insbesondere bei Seitwärtsbewegungen oder leicht fallenden Kursen des Basiswertes zum Tragen. Erst wenn der Kurs des Basiswertes unter den individuellen Kaufpreis des Discountzertifikates fällt, tritt ein teilweiser Kapitalverlust ein. Dafür sind die Gewinnchancen begrenzt – der Preis des Sicherheitspolsters. Ein Verlust ist bei einem Discounter immer geringer als bei dem zugehörigen Basiswert.

Wie funktionieren Indexzertifikate?

Index- oder Partizipationszertifikate bilden einen Index eins zu eins ab. Somit ist die Performance des Zertifikats stets identisch mit der  Wertentwicklung des zugrunde gelegten Basiswertes. Manche Indexzertifikate haben eine begrenzte Laufzeit, viele laufen jedoch endlos. Die Papiere werden häufig mit einem Bezugsverhältnis von 100:1 emittiert, so dass ein Zertifikat jeweils ein Prozent des jeweiligen Index abbildet.

Welchen Vorteil haben Indexzertifikate?

Sie bieten gegenüber dem Kauf von Einzelaktien den Vorteil der Diversifikation über verschiedene Aktien. Außerdem sind diese Zertifikate eine kostengünstige Alternative zum klassischen Fondsinvestment.

Was sind Hebelzertifikate?

Hebelzertifikate sind häufig hochspekulativ, der Kapitaleinsatz ist gering, die Gewinnchance überproportional. Der Hebel gibt an, in welchem Verhältnis das Papier die Kursbewegung des Basiswertes nachvollzieht. Dax-Papiere gibt es bis zu einem Hebel von 200. So wird aus einem Kursplus von fünf Prozent beim Basiswert ein Plus von 1000 Prozent beim Zertifikat.

Können Hebelpapiere wertlos verfallen?

Ja. Fällt das Papier unter ein  festgeschriebenes Niveau, das sogenannte Knock-out-Niveau, wird es wertlos. Hebelzertifikate gibt es mit begrenzter Laufzeit und als Endlos-Papiere. Spekulieren können Anleger auf steigende (long) und fallende (short) Kurse.

Welche Vorteile haben kapitalgarantierte Zertifikate?

Kapitalgarantierte Zertifikate bieten einen Kapitalschutz oder eine Teilgarantie auf das zum Emissionszeitpunkt eingezahlte Kapital – wenn das Papier bis zur Fälligkeit gehalten wird. Zudem kann der Investor von einer positiven Kursentwicklung des Basiswertes, etwa einer Aktie, profitieren. Der Kapitalschutzbetrag sowie die Partizipationsquote werden direkt bei der Emission vom Emittenten festgelegt.

Wie hoch ist der Kapitalschutz?

Der Kapitalschutzbetrag kann bis zu 100 Prozent betragen. Entwickelt sich  das Zertifikat negativ, weil die Aktie zum Laufzeitende unterhalb des (garantieren) Basispreises notiert, erhält der Anleger mindestens diesen Betrag ausbezahlt. Die sogenante Partizipationsquote ist am Laufzeitende mitentscheidend für die Auszahlung an den Anleger. Notiert der Basiswert über dem Basispreis, erhält der Anleger den Nennwert zuzüglich der Differenz zwischen dem Schlusskurs des Basiswertes und dem Basispreis, multipliziert mit der Partizipationsquote zurück.

Was sind Aktien- und Indexanleihen?

Aktien- und Indexanleihen sind festverzinsliche Wertpapiere, die mit einem hohen, oft zweistelligen Coupon ausgestattet sind. Ihre Preisentwicklung ist an den Kursverlauf eines der Anleihe zugrunde liegenden Basiswertes, einer Aktie oder eines Index, gebunden. Die bei Emission einer solchen Anleihe fixierten Rahmenbedingungen enthalten den Basiswert, den zugehörigen Basispreis, die Laufzeit, die Höhe des Zinscoupons und den Nennwert.

Wie werden die Papiere zurückgezahlt?

Liegt der Kurs der Aktie am Stichtag unter dem festgelegten Basispreis, erhält der Anleger kein Bargeld, sondern eine bestimmte Anzahl von Aktien. Die Tilgung von Indexanleihen erfolgt durch Lieferung von Indexzertifikaten, Fondsanteilen oder durch die Zahlung des aktuellen Indexstands in Geld. Obwohl sie „Anleihen“ genannt werden, sind die Produkte Zertifikate.

Wann punkten Expresszertifikate?

Expresszertifikate sind Produkte mit begrenzter Laufzeit, mit denen sich in seitwärts tendierenden oder leicht steigenden Märkten Geld verdienen lässt. Sie beziehen sich auf einen Basiswert – eine Aktie, einen Aktienkorb oder einen Index. Obwohl sie mitunter Laufzeiten von mehreren Jahren haben, bieten sie die Chance einer Sonderzahlung, wenn sie bereits deutlich vor ihrem Laufzeitende fällig werden, etwa wenn der Basiswert am Ende einer Betrachtungsperiode, nach drei Monaten oder einem Jahr, gleich oder höher notiert ist als an ihrem Anfang. Der Anleger erhält dann den Emissionswert des Zertifikats zuzüglich dieser Sonderzahlung. Er erzielt eine vor Emission festgelegte Rendite, die höher sein kann als die Kurssteigerung der Aktie oder des Index.

Was passiert bei stark steigenden Kursen?

Bei stark steigenden Kursen verdient er allerdings weniger als mit dem Basiswert. Zwischen den Beobachtungstagen darf das Papier in die Verlustzone geraten, wichtig ist nur, dass an einem der Beobachtungstage das Startniveau erreicht wird. Nach unten besteht volles Verlustrisiko, falls das Produkt keine Sicherheitsschwelle hat. Aber auch wenn Expresszertifikate einen Risikopuffer haben, können sie genauso viel verlieren wie eine Aktie oder ein Index. Das passiert, wenn der Kurs des Expresszertifikats am Fälligkeitstag auf oder unter der Untergrenze liegt.

Kommentare (43)

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Account gelöscht!

05.09.2011, 09:54 Uhr

Also Festgeld gegenzurechnen ist etwas daneben. Wenn die Alte Frau unbedingt Aktienanlagen haben möchte, wird sie kein Festgeld aktzeptieren. Hätte man ihr keine Sicherheitsfonds verkauft, hätte sie niedrigere Gebühren, aber heute wäre das Geschrei gross wegen der Verluste.

Harakirri

05.09.2011, 10:05 Uhr

Na so was! Von was bauen sich denn VR-Banken Glaspaläste in den Städten und Verwaltungspaläste auf der grünen Wiese? Von der Dummheit ihrer Einlagen-Genossen. Auf das Sparbuch 1,5% vor Steuern und auf den Kontokorrent 17,25%. Was hat das noch mit dem Wort "Volksbank" zu tun? Wer da sein Geld anlegt ist selber schuld.

PRhodan

05.09.2011, 10:16 Uhr

Da können die Kinder aber froh sein, dass ihre Mutter nicht bei der Postbank, der Deutschen Bank, Dresdner Bank und nicht zu vergessen der Staatsbank Commerzbank gewesen ist. Da hätte man auf die Risikoklasse der alten Dame wenig Rücksicht genommen (es gibt genug frisierte WPHG-Bögen), das Geld wäre weitgehend verbrannt u. a. in tollen geschlossenen Beteiligungen wie der virtuellen Riesenräder der Deutschen Bank, Immobilienfonds Südafrika von der Postbank usw. Und dann erklären sich die Banken für völlig unschuldig und es gibt leider nur wenige versierte Anwälte, die solchen Leuten wirklich helfen können. Und bevor ich es vergesse, zum Glück war die Frau auch nicht dem Sparkassenfinanzkonzept ausgeliefert, dessen Geschäftsmodell auf der Ahnungslosigkeit der meisten Deutschen in Finanzfragen basiert.

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