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19.07.2013

15:36 Uhr

Risiko-Abschlag

Türkei-Investment bietet jetzt Chancen

VonMatthias von Arnim

Die Aktienkurse an der Börse in Istanbul sind im Sommer unter Druck geraten. Investoren fürchten nicht nur die politischen Unsicherheiten nach den Protesten. Für antizyklische Anleger können sich jetzt Chancen ergeben.

Ein Haus in Istanbul - dekoriert mit einer großen türkischen Flagge und einem Abbild von Mustafa Kemal Atatürk, Gründer der modernen Türkei. Kurzfristig sind Investitionen in den türkischen Aktienmarkt riskant, langfristig aber aussichtsreich. Reuters

Ein Haus in Istanbul - dekoriert mit einer großen türkischen Flagge und einem Abbild von Mustafa Kemal Atatürk, Gründer der modernen Türkei. Kurzfristig sind Investitionen in den türkischen Aktienmarkt riskant, langfristig aber aussichtsreich.

DüsseldorfWer einen tiefen Schluck aus dem Ikea-Glas „Pokal“ nimmt und dabei auf dessen Boden blickt, erfährt, dass der Schweden-Becher „made in Turkey“ ist. Das ist kein Zufall. Schon lange hat sich die Türkei als Industriestandort etabliert. „In vielen türkischen Städten wurde in den vergangenen Jahren gezielt Industrie aufgebaut“, erklärt Kemal Bagci von der Royal Bank of Scotland. Präsident Erdogan und seine Partei AKP trieben mit Eifer Reformen voran, die für eine beeindruckendes Wirtschaftswachstum im Land sorgten.

Von 2002 bis 2011 hat sich die Wirtschaftsleistung des Landes mehr als verdoppelt. In den Jahren 2010 und 2011 wuchs das Bruttoinlandsprodukt jeweils um rund neun Prozent. Auch haushaltspolitisch machte die türkische Regierung mit einer stetigen Verringerung der Schuldenquote in den zurückliegenden Jahren ihre Hausaufgaben. Die Türkei hat im Mai 2013 ihre Kredite beim IWF vollständig bedient. Die Staatsverschuldung liegt aktuell bei 36 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts (BIP) und dürfte sich in den nächsten Jahren weiter reduzieren.

Zum Vergleich: Deutschland ist derzeit laut Eurostat mit rund 81 Prozent des BIP verschuldet, Italien mit 127 Prozent und Griechenland mit 157 Prozent. Mit den Kennziffern für Schuldenstand und Haushaltsdefizit erfüllt die Türkei in vollem Umfang die Maastricht-Kriterien. Das kann derzeit nicht jeder Euro-Staat von sich behaupten. Daher galten Türkei-Investments noch bis vor kurzem aufgrund der positiven wirtschaftlichen Entwicklung in den vergangenen Jahren als chic. Der MSCI Turkey, Gradmesser für die Entwicklung türkischer Aktien, verdoppelte seinen Wert zwischen 2009 und 2011 und noch einmal von Anfang 2012 bis Sommer 2013.

Zertifikate-Typen

Was sind Bonuszertifikate?

Bonuszertifikate bieten einen Risikopuffer gegen Kursverluste bis zu einer bestimmten Kursschwelle, gleichzeitig Gewinnchancen in seitwärts tendierenden Märkten und unbegrenzte Gewinnchancen in steigenden Märkten.

Wie funktionieren Bonuspapiere?

Die Papiere bestehen aus drei Komponenten: Erstens die Chance, an der positiven Entwicklung eines Basiswertes zu verdienen – ein Index oder eine einzelne Aktie; zweitens am Laufzeitende ein Bonus, der bei Auflage des Zertifikats festgelegt, aber nur dann gezahlt wird, wenn drittens eine deutlich unter dem Startwert des jeweiligen  Basiswertes liegende Kursbarriere, die sogenannte Knock-in-Schwelle, während der gesamten Laufzeit nie berührt oder unterschritten wurde. Bis zur Knock-in-Schwelle hat der Anleger also einen Risikopuffer.

Kann der Bonus verloren gehen?

Ja. Wird die Knock-in-Schwelle während der Laufzeit unterschritten oder auch nur berührt, wandelt sich das Produkt in ein klassisches Index- oder Partizipations-Zertifikat. Der Bonus geht verloren.

Wie funktionieren Discountzertifikate?

Im Vergleich zum Kauf einer Aktie oder eines Index bezahlen Anleger bei einem Discountzertifikat durch den Abschlag (Discount) einen günstigeren Preis. Notiert der Kurs des Basiswertes am Ausübungstag auf oder oberhalb des festgelegten Höchstbetrags (Caps) des Discountzertifikates, wird der maximal mögliche Auszahlungsbetrag erzielt. Steigt der Kurs des Basiswertes darüber hinaus, nehmen Anleger an dieser Kursentwicklung nicht mehr teil.

Wann profitieren Discounter?

Das Sicherheitspolster in Form des Discounts kommt insbesondere bei Seitwärtsbewegungen oder leicht fallenden Kursen des Basiswertes zum Tragen. Erst wenn der Kurs des Basiswertes unter den individuellen Kaufpreis des Discountzertifikates fällt, tritt ein teilweiser Kapitalverlust ein. Dafür sind die Gewinnchancen begrenzt – der Preis des Sicherheitspolsters. Ein Verlust ist bei einem Discounter immer geringer als bei dem zugehörigen Basiswert.

Wie funktionieren Indexzertifikate?

Index- oder Partizipationszertifikate bilden einen Index eins zu eins ab. Somit ist die Performance des Zertifikats stets identisch mit der  Wertentwicklung des zugrunde gelegten Basiswertes. Manche Indexzertifikate haben eine begrenzte Laufzeit, viele laufen jedoch endlos. Die Papiere werden häufig mit einem Bezugsverhältnis von 100:1 emittiert, so dass ein Zertifikat jeweils ein Prozent des jeweiligen Index abbildet.

Welchen Vorteil haben Indexzertifikate?

Sie bieten gegenüber dem Kauf von Einzelaktien den Vorteil der Diversifikation über verschiedene Aktien. Außerdem sind diese Zertifikate eine kostengünstige Alternative zum klassischen Fondsinvestment.

Was sind Hebelzertifikate?

Hebelzertifikate sind häufig hochspekulativ, der Kapitaleinsatz ist gering, die Gewinnchance überproportional. Der Hebel gibt an, in welchem Verhältnis das Papier die Kursbewegung des Basiswertes nachvollzieht. Dax-Papiere gibt es bis zu einem Hebel von 200. So wird aus einem Kursplus von fünf Prozent beim Basiswert ein Plus von 1000 Prozent beim Zertifikat.

Können Hebelpapiere wertlos verfallen?

Ja. Fällt das Papier unter ein  festgeschriebenes Niveau, das sogenannte Knock-out-Niveau, wird es wertlos. Hebelzertifikate gibt es mit begrenzter Laufzeit und als Endlos-Papiere. Spekulieren können Anleger auf steigende (long) und fallende (short) Kurse.

Welche Vorteile haben kapitalgarantierte Zertifikate?

Kapitalgarantierte Zertifikate bieten einen Kapitalschutz oder eine Teilgarantie auf das zum Emissionszeitpunkt eingezahlte Kapital – wenn das Papier bis zur Fälligkeit gehalten wird. Zudem kann der Investor von einer positiven Kursentwicklung des Basiswertes, etwa einer Aktie, profitieren. Der Kapitalschutzbetrag sowie die Partizipationsquote werden direkt bei der Emission vom Emittenten festgelegt.

Wie hoch ist der Kapitalschutz?

Der Kapitalschutzbetrag kann bis zu 100 Prozent betragen. Entwickelt sich  das Zertifikat negativ, weil die Aktie zum Laufzeitende unterhalb des (garantieren) Basispreises notiert, erhält der Anleger mindestens diesen Betrag ausbezahlt. Die sogenante Partizipationsquote ist am Laufzeitende mitentscheidend für die Auszahlung an den Anleger. Notiert der Basiswert über dem Basispreis, erhält der Anleger den Nennwert zuzüglich der Differenz zwischen dem Schlusskurs des Basiswertes und dem Basispreis, multipliziert mit der Partizipationsquote zurück.

Was sind Aktien- und Indexanleihen?

Aktien- und Indexanleihen sind festverzinsliche Wertpapiere, die mit einem hohen, oft zweistelligen Coupon ausgestattet sind. Ihre Preisentwicklung ist an den Kursverlauf eines der Anleihe zugrunde liegenden Basiswertes, einer Aktie oder eines Index, gebunden. Die bei Emission einer solchen Anleihe fixierten Rahmenbedingungen enthalten den Basiswert, den zugehörigen Basispreis, die Laufzeit, die Höhe des Zinscoupons und den Nennwert.

Wie werden die Papiere zurückgezahlt?

Liegt der Kurs der Aktie am Stichtag unter dem festgelegten Basispreis, erhält der Anleger kein Bargeld, sondern eine bestimmte Anzahl von Aktien. Die Tilgung von Indexanleihen erfolgt durch Lieferung von Indexzertifikaten, Fondsanteilen oder durch die Zahlung des aktuellen Indexstands in Geld. Obwohl sie „Anleihen“ genannt werden, sind die Produkte Zertifikate.

Wann punkten Expresszertifikate?

Expresszertifikate sind Produkte mit begrenzter Laufzeit, mit denen sich in seitwärts tendierenden oder leicht steigenden Märkten Geld verdienen lässt. Sie beziehen sich auf einen Basiswert – eine Aktie, einen Aktienkorb oder einen Index. Obwohl sie mitunter Laufzeiten von mehreren Jahren haben, bieten sie die Chance einer Sonderzahlung, wenn sie bereits deutlich vor ihrem Laufzeitende fällig werden, etwa wenn der Basiswert am Ende einer Betrachtungsperiode, nach drei Monaten oder einem Jahr, gleich oder höher notiert ist als an ihrem Anfang. Der Anleger erhält dann den Emissionswert des Zertifikats zuzüglich dieser Sonderzahlung. Er erzielt eine vor Emission festgelegte Rendite, die höher sein kann als die Kurssteigerung der Aktie oder des Index.

Was passiert bei stark steigenden Kursen?

Bei stark steigenden Kursen verdient er allerdings weniger als mit dem Basiswert. Zwischen den Beobachtungstagen darf das Papier in die Verlustzone geraten, wichtig ist nur, dass an einem der Beobachtungstage das Startniveau erreicht wird. Nach unten besteht volles Verlustrisiko, falls das Produkt keine Sicherheitsschwelle hat. Aber auch wenn Expresszertifikate einen Risikopuffer haben, können sie genauso viel verlieren wie eine Aktie oder ein Index. Das passiert, wenn der Kurs des Expresszertifikats am Fälligkeitstag auf oder unter der Untergrenze liegt.

Doch mit dem Börsen-Glanz scheint es nun erst einmal vorbei zu sein: Im Schnitt brachen die Kurse türkischer Aktien zwischen Mai und Juli dieses Jahres um rund 20 Prozent ein. Just in dieser Zeit ging die türkische Regierung mit Wasserwerfern gegen Demonstranten auf dem Taksim-Platz in Istanbul vor. An den wirtschaftlichen Grunddaten hatte sich jedoch nicht viel geändert. „Da liegt der Schluss nahe, einzig die politische Entwicklung habe großen Einfluss auf die Börse gehabt. Doch in diesem Fall sind weitere Gründe für den Kursrückgang verantwortlich“, sagt Gökhan Kula, Investmentstratege und Fondsmanager des Myra Dynamic Turkey Fund.

„Denn im Sommer sind nicht nur die Aktienkurse in Istanbul, sondern weltweit in fast allen Schwellenländern unter Druck geraten. Der Auslöser dafür war die Ankündigung des US-Notenbankchefs Bernanke, mittelfristig die Zinsen in den USA wieder anzuheben“, so Kula. Allein diese Ankündigung trieb Investoren, die sich in den USA preiswert Geld geliehen und in Schwellenländern angelegt hatten, dazu, ihre Engagements aufzulösen und Gewinne rechtzeitig vor der Zinswende mitzunehmen. Auch Türkei-Investoren zogen ihre Gelder in großem Umfang ab. „Wenn alle durch dieselbe Tür wollen, kann es solche Ausverkaufs-Effekte geben“, erklärt Gökhan Kula.

Kommentare (3)

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GrandLEXUS

18.07.2013, 17:16 Uhr

Die türk. Bevölkerung ist im Schnitt >20 jahre jünger als Rentnerdeutschland und Resteuropa.

Die Türkei wird in max. 15-20 Jahren wirtschaftlich stärker sein als jedes Land der bankrotten Rentner-EU. Das ist eine Gewissheit.

Nostradamus

19.07.2013, 19:08 Uhr

Die türkische Bevölkerung ist im Schnitt bis über beide Ohren verschuldet - und das bei geringer Produktivität. Die Türkei wird das Schicksal Griechenlands ereilen, nämlich von einer jahrelangen Rezession gebeutelt werden. Auch das ist eine Gewissheit!

TSK

20.07.2013, 20:11 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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