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30.04.2012

10:08 Uhr

Streitgespräch über Rohstoffe

„Jeder kleine Landwirt spekuliert“

VonJörg Hackhausen, Oliver Stock, Walter Epp

Ohne Hegde-Fonds fehlt den Märkten etwas, sagt Agrarpolitik-Professor Michael Schmitz. Unsinn, meint Foodwatch-Chef Thilo Bode, Spekulanten verursachen Hunger. Ein Streitgespräch über den Handel an Rohstoffmärkten.

Die „Streithähne“: Thilo Bode (l.) und Prof. Michael Schmitz. Bert Bostelmann für Handelsblatt

Die „Streithähne“: Thilo Bode (l.) und Prof. Michael Schmitz.

Handelsblatt Online: Meine Herren, die Lebensmittelpreise sind in den vergangenen Jahren weltweit gestiegen. Sind daran Spekulanten schuld?

Thilo Bode: Für mich ist exzessive Spekulation mitverantwortlich für Hunger. Deshalb müssen wir sie verbieten.

Woran machen Sie das fest?

Bode: In den vergangenen Jahren ist massiv Geld von Spekulanten in Agrarrohstoffe geflossen. Seit dem Jahr 2000, als die Politik die Rohstoffterminbörsen für Investoren geöffnet hat, hat sich das Kapital am Terminmarkt von 15 Milliarden auf 600 Milliarden Dollar erhöht. Das hat zu Preisblasen und phasenweise höheren Lebensmittelpreisen geführt.

Michael Schmitz: Die Spekulation auf Terminmärkten kann nicht für die Preisentwicklung auf den Kassamärkten verantwortlich gemacht werden und der Hunger ist vor allem ein hausgemachtes Problem der Entwicklungsländer.

Bode: Aber hören Sie, das leugnen doch nicht mal die Rohstoffhändler!

Schmitz: Die Preisschwankungen waren Anfang der 70er Jahre ähnlich hoch wie heute – ohne große Zuflüsse an Kapital. Im Übrigen sind die Preise 2007/08 auch auf Märkten explodiert, wo keine Indexfonds aktiv waren wie beispielsweise bei Reis, und wo gar keine Terminmärkte existierten. Die Behauptung, dass Spekulation an den Terminmärkten die Lebensmittelpreise nach oben treibt, stimmt also nicht.

Kommentare (33)

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Mazi

30.04.2012, 10:41 Uhr

"Ein sehr interessantes Thema, das bestimmt weitere Dimensionen hat, als hier angesprochen.

Ich möchte den Fokus auf die sogenannten nachwachsenden Rohstoffe lenken.

Wer landwirtschaftliche Fläche, als Fläche zur Produktion von Lebensmitteln so umwidmet, dass dort Rohstoffe wachsen, die zur Treibstoffgewinnung dienen und damit die produzierten Lebensmittel zur Produktion von Treibnstoff für unsere Autos künstlich verknappt, ist in meinen Augen pervers, handelt unmoralisch.

Da dies staatlich verordnet abläuft (E10-Regelung), zeigt die Unehrlichkeit der Gesprächsführung auf.

Aufgrund dieser künstlich herbeigeführten Lebensmittelverknappung führen wir einen verschärften Ressourcenkampf gegen die Dritte Welt mit ungleichen Eingangsvoraussetzungen.

Man mag über die Funktion der Spekulanten streiten wollen, aber die vorgenannten Misstände sind elementarer und befeuern den Resourcenkampf nachhaltiger.

Politiker, die diese lebensfeindliche Einstellung vertreten, handeln verantwortungslos, können ethisch und moralisch keinen Anspruch auf ein Volksvertretungsmandat erheben. Eine EU, die dies per Dekret umsetzen will, hat ihre Legitimation verloren.

Account gelöscht!

30.04.2012, 10:43 Uhr

In meiner Lebenszeit (76 Jahre) hat sich die Weltbevölkerung verdreifacht. Das Produkt aus Agrarfläche mal Hektarertrag (das ist die Nahrungsmittelerzeugung) ist im selben Zeitraum beträchtlich gewachsen, hat sich aber kaum verdreifacht. Und nun beschert uns die Globalisierung einen überproportionalen Nachfragezuwachs, denn mit zunehmendem Lebensstandard werden die Menschen Fleischesser, vor allem in Asien und den BRIC-Staaten.

Lebensmittel müssen ganz einfach teurer werden unter diesen Umständen. Es ist höchste Zeit, daß der Unfug der Subventionierung, sowohl in den Überschußländern (EU, USA) als auch in den Abnehmerländern (Brot- und Getreideverbilligung) eingestellt wird, damit die richtigen Preissignale die Produktion anregen. Solange Lebensmittel gar gratis abgegeben werden, werden Bauern weiterhin ihre Felder brach liegen lassen und ihre Hühner mit Importgetreide füttern (selbst beobachtet!).

RD1

30.04.2012, 11:02 Uhr

"damit die richtigen Preissignale die Produktion anregen."
Sie haben vollkommen recht.
Das größte Problem bei diesen Diskussionen aber ist, dass Leute über Wirtschaft und Märkte diskutieren (so wie Herr Bode), ohne jemals deren Funktionsweise vertanden zu haben.
Ich habe schon zahllose solcher Diskussionen erlebt.
Immer wieder kommt das Argument, dass Spekulanten die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben. Wenn ich denen dann einen Chart des Reispreises vorlege (mal hoch mal runter) und danach frage warum der Preis zu bestimmten Zeiten denn gefallen sei und ob die fallenden Preise nicht auch durch Spekulanten verursacht sei, dann ist Schweigen im Raum.
Dass Lebensmittelpreise auch nach unten gehen, wird von den meisten Spekulationskritikern ausgeblendet, da es nicht in ihr Welt(Feind-)bild der Spekulanten passt.
Was in deutschland fehlt, sind Pflichtstunden in Wirtschsft für jeden Schüler und zwar keine Theorie, sondern in dem man durch Spiele im Klassenzimmer Märkte simuliert. Hier gibt es ganz hervorragende Anleitungen im Internet.
Erst dann kapieren die Leute, warum Märkte so reagieren wie sie reagieren.


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