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19.06.2014

14:52 Uhr

Tool der Woche

Mit Vollkasko an die Börse

VonJürgen Röder

Angesichts der Minizinsen ist mit Sparbuch, Tages- oder Festgeld nichts mehr zu holen. Doch mit speziellen Wertpapieren können sich auch risikoscheue Anleger auf die Aktienmärkte wagen.

Mit den passenden Produkten überstehen Anleger auch unruhige Börsenzeiten. Getty Images

Mit den passenden Produkten überstehen Anleger auch unruhige Börsenzeiten.

DüsseldorfSeit mehreren Jahren kennen die Aktienmärkte nur eine Richtung: nach oben. Um mehr als 50 Prozent sind die Blue Chips der Euro-Zone seit dem Sommer 2012 bereits nach oben geschnellt. Damals versprach Mario Draghi, die Gemeinschaftswährung um jeden Preis zu retten. Investoren glaubten dem Chef der Europäischen Zentralbank und trieben den Wert europäischer Aktien um insgesamt 2,1 Billionen Euro nach oben.

Die seit zwei Jahren anhaltende Rally am europäischen Aktienmarkt hat die Bewertungen auf Niveaus getrieben, die seit einem Jahrzehnt nicht mehr beobachtet wurden. Die Aktien im Stoxx Europe 600 Index notieren beim 17,5-fachen des Gewinns und damit so hoch wie zuletzt 2002, belegen Daten der Wirtschaftsnachrichten-Agentur Bloomberg. In den vergangenen vier Wochen sind aber die Kurse von überdurchschnittlich hoch bewerteten Unternehmen wie der britischen Baumarktkette Kingfisher und des französischen Stahlherstellers Vallourec eingebrochen, nachdem diese enttäuschende Zahlen vorgelegt hatten.

Zertifikate-Typen

Was sind Bonuszertifikate?

Bonuszertifikate bieten einen Risikopuffer gegen Kursverluste bis zu einer bestimmten Kursschwelle, gleichzeitig Gewinnchancen in seitwärts tendierenden Märkten und unbegrenzte Gewinnchancen in steigenden Märkten.

Wie funktionieren Bonuspapiere?

Die Papiere bestehen aus drei Komponenten: Erstens die Chance, an der positiven Entwicklung eines Basiswertes zu verdienen – ein Index oder eine einzelne Aktie; zweitens am Laufzeitende ein Bonus, der bei Auflage des Zertifikats festgelegt, aber nur dann gezahlt wird, wenn drittens eine deutlich unter dem Startwert des jeweiligen  Basiswertes liegende Kursbarriere, die sogenannte Knock-in-Schwelle, während der gesamten Laufzeit nie berührt oder unterschritten wurde. Bis zur Knock-in-Schwelle hat der Anleger also einen Risikopuffer.

Kann der Bonus verloren gehen?

Ja. Wird die Knock-in-Schwelle während der Laufzeit unterschritten oder auch nur berührt, wandelt sich das Produkt in ein klassisches Index- oder Partizipations-Zertifikat. Der Bonus geht verloren.

Wie funktionieren Discountzertifikate?

Im Vergleich zum Kauf einer Aktie oder eines Index bezahlen Anleger bei einem Discountzertifikat durch den Abschlag (Discount) einen günstigeren Preis. Notiert der Kurs des Basiswertes am Ausübungstag auf oder oberhalb des festgelegten Höchstbetrags (Caps) des Discountzertifikates, wird der maximal mögliche Auszahlungsbetrag erzielt. Steigt der Kurs des Basiswertes darüber hinaus, nehmen Anleger an dieser Kursentwicklung nicht mehr teil.

Wann profitieren Discounter?

Das Sicherheitspolster in Form des Discounts kommt insbesondere bei Seitwärtsbewegungen oder leicht fallenden Kursen des Basiswertes zum Tragen. Erst wenn der Kurs des Basiswertes unter den individuellen Kaufpreis des Discountzertifikates fällt, tritt ein teilweiser Kapitalverlust ein. Dafür sind die Gewinnchancen begrenzt – der Preis des Sicherheitspolsters. Ein Verlust ist bei einem Discounter immer geringer als bei dem zugehörigen Basiswert.

Wie funktionieren Indexzertifikate?

Index- oder Partizipationszertifikate bilden einen Index eins zu eins ab. Somit ist die Performance des Zertifikats stets identisch mit der  Wertentwicklung des zugrunde gelegten Basiswertes. Manche Indexzertifikate haben eine begrenzte Laufzeit, viele laufen jedoch endlos. Die Papiere werden häufig mit einem Bezugsverhältnis von 100:1 emittiert, so dass ein Zertifikat jeweils ein Prozent des jeweiligen Index abbildet.

Welchen Vorteil haben Indexzertifikate?

Sie bieten gegenüber dem Kauf von Einzelaktien den Vorteil der Diversifikation über verschiedene Aktien. Außerdem sind diese Zertifikate eine kostengünstige Alternative zum klassischen Fondsinvestment.

Was sind Hebelzertifikate?

Hebelzertifikate sind häufig hochspekulativ, der Kapitaleinsatz ist gering, die Gewinnchance überproportional. Der Hebel gibt an, in welchem Verhältnis das Papier die Kursbewegung des Basiswertes nachvollzieht. Dax-Papiere gibt es bis zu einem Hebel von 200. So wird aus einem Kursplus von fünf Prozent beim Basiswert ein Plus von 1000 Prozent beim Zertifikat.

Können Hebelpapiere wertlos verfallen?

Ja. Fällt das Papier unter ein  festgeschriebenes Niveau, das sogenannte Knock-out-Niveau, wird es wertlos. Hebelzertifikate gibt es mit begrenzter Laufzeit und als Endlos-Papiere. Spekulieren können Anleger auf steigende (long) und fallende (short) Kurse.

Welche Vorteile haben kapitalgarantierte Zertifikate?

Kapitalgarantierte Zertifikate bieten einen Kapitalschutz oder eine Teilgarantie auf das zum Emissionszeitpunkt eingezahlte Kapital – wenn das Papier bis zur Fälligkeit gehalten wird. Zudem kann der Investor von einer positiven Kursentwicklung des Basiswertes, etwa einer Aktie, profitieren. Der Kapitalschutzbetrag sowie die Partizipationsquote werden direkt bei der Emission vom Emittenten festgelegt.

Wie hoch ist der Kapitalschutz?

Der Kapitalschutzbetrag kann bis zu 100 Prozent betragen. Entwickelt sich  das Zertifikat negativ, weil die Aktie zum Laufzeitende unterhalb des (garantieren) Basispreises notiert, erhält der Anleger mindestens diesen Betrag ausbezahlt. Die sogenante Partizipationsquote ist am Laufzeitende mitentscheidend für die Auszahlung an den Anleger. Notiert der Basiswert über dem Basispreis, erhält der Anleger den Nennwert zuzüglich der Differenz zwischen dem Schlusskurs des Basiswertes und dem Basispreis, multipliziert mit der Partizipationsquote zurück.

Was sind Aktien- und Indexanleihen?

Aktien- und Indexanleihen sind festverzinsliche Wertpapiere, die mit einem hohen, oft zweistelligen Coupon ausgestattet sind. Ihre Preisentwicklung ist an den Kursverlauf eines der Anleihe zugrunde liegenden Basiswertes, einer Aktie oder eines Index, gebunden. Die bei Emission einer solchen Anleihe fixierten Rahmenbedingungen enthalten den Basiswert, den zugehörigen Basispreis, die Laufzeit, die Höhe des Zinscoupons und den Nennwert.

Wie werden die Papiere zurückgezahlt?

Liegt der Kurs der Aktie am Stichtag unter dem festgelegten Basispreis, erhält der Anleger kein Bargeld, sondern eine bestimmte Anzahl von Aktien. Die Tilgung von Indexanleihen erfolgt durch Lieferung von Indexzertifikaten, Fondsanteilen oder durch die Zahlung des aktuellen Indexstands in Geld. Obwohl sie „Anleihen“ genannt werden, sind die Produkte Zertifikate.

Wann punkten Expresszertifikate?

Expresszertifikate sind Produkte mit begrenzter Laufzeit, mit denen sich in seitwärts tendierenden oder leicht steigenden Märkten Geld verdienen lässt. Sie beziehen sich auf einen Basiswert – eine Aktie, einen Aktienkorb oder einen Index. Obwohl sie mitunter Laufzeiten von mehreren Jahren haben, bieten sie die Chance einer Sonderzahlung, wenn sie bereits deutlich vor ihrem Laufzeitende fällig werden, etwa wenn der Basiswert am Ende einer Betrachtungsperiode, nach drei Monaten oder einem Jahr, gleich oder höher notiert ist als an ihrem Anfang. Der Anleger erhält dann den Emissionswert des Zertifikats zuzüglich dieser Sonderzahlung. Er erzielt eine vor Emission festgelegte Rendite, die höher sein kann als die Kurssteigerung der Aktie oder des Index.

Was passiert bei stark steigenden Kursen?

Bei stark steigenden Kursen verdient er allerdings weniger als mit dem Basiswert. Zwischen den Beobachtungstagen darf das Papier in die Verlustzone geraten, wichtig ist nur, dass an einem der Beobachtungstage das Startniveau erreicht wird. Nach unten besteht volles Verlustrisiko, falls das Produkt keine Sicherheitsschwelle hat. Aber auch wenn Expresszertifikate einen Risikopuffer haben, können sie genauso viel verlieren wie eine Aktie oder ein Index. Das passiert, wenn der Kurs des Expresszertifikats am Fälligkeitstag auf oder unter der Untergrenze liegt.

Da die Unternehmensgewinne zuletzt nicht Schritt halten konnten mit den Aktienkursen, steigt die Gefahr für Rückschläge. Gerade risikoscheue Anleger stehen daher vor einem Dilemma: Aktien sind nicht mehr billig - mit festverzinslichen Papieren ist aber auch kaum noch etwas zu holen. Zumal die letzte Zinssenkung der Europäischen Zentralbank sich auch auf Zinskonten auswirkt: Dieser Trend geht bei vielen Instituten sogar in Richtung Nulllinie, wie eine Auswertung der FMH Finanzberatung für Handelsblatt Online ergab.

Eine Alternative zu herkömmlichen Aktieninvestments stellen sogenannte Kapitalschutzzertifikate in Aussicht. Jetzt bieten die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW, WKN LB0XUV) und die Deutsche Bank (WKN DB9Z8G) jeweils eine neue Variante an. Die Funktionsweise: Käufer sollen an der Wertentwicklung des Euro Stoxx 50 teilhaben und zum Ende der Laufzeit ihren Einsatz fast vollständig zurückerhalten. Selbst bei einem Börsencrash beschränkt sich der Verlust auf Transaktions- und Ausgabegebühren.

Dass sich so eine Anlage mit „Airbag“ lohnen kann, zeigt der Chart eines vergleichbaren Produkts, das schon länger auf dem Markt ist und seine Feuertaufe hinter sich hat (WKN: SG1LBU). Den Euro-Stoxx-Absturz Mitte 2011 um knapp 30 Prozent überstand das Zertifikat, das 2010 aufgelegt wurde und keine Gewinnbegrenzung hat, nahezu spurlos (siehe Grafik). Derzeit hat das strukturierte Produkt der französischen Großbank Société Générale nur eine geringere Performance als der europäische Auswahlindex selbst.

Diesen Schutz gibt es aber nicht umsonst: Zum einen sind die Ertragschancen bei den aktuellen Angeboten beschnitten. Denn die Entwicklung des europäischen Börsenbarometers wird von den beiden Zertifikaten der LBBW und der Deutschen Bank nicht unbegrenzt nachvollzogen, sondern nur bis zu einer Obergrenze. So münzt das LBBW-Papier nur Indexanstiege von insgesamt bis zu 144 Prozent des Startwerts in Depotgewinne um, gerechnet für die gesamte Laufzeit.

Das Zertifikat der Deutschen Bank profitiert gar nur bis zu einem Plus von 123 Prozent. So können Anleger bestenfalls – unter Abzug des Aufgabeaufschlags – eine Rendite von umgerechnet jährlich 4,4 Prozent beziehungsweise 3,4 Prozent erzielen. Nicht sonderlich viel, aber zumindest deutlich über der aktuellen Teuerungsrate in der Euro-Zone von einem halben Prozentpunkt. Es gilt natürlich: Kein Gewinn bei fallenden Kursen. Dann ist auch der Ausgabeaufschlag von 1,5 Prozent weg.

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