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30.08.2013

06:29 Uhr

Währungen

Der geplatzte Traum vom Boom der Schwellenländer

VonMatthias von Arnim

Emerging Markets-Investments sind derzeit mit Vorsicht zu genießen. Auf eine Trendwende dort deutet nichts hin - sowohl bei Währungen als auch an den Aktienmärkten. Wie Anleger von der Situation dennoch profitieren.

Gegen Emerging-Markets-Währungen hat der Euro in den vergangenen Monaten und Wochen massiv aufgewertet.

Gegen Emerging-Markets-Währungen hat der Euro in den vergangenen Monaten und Wochen massiv aufgewertet.

FrankfurtEuroland ist abgebrannt? Von wegen. Ausgerechnet die europäische Gemeinschaftswährung mit ihren krisengeschüttelten, hoch verschuldeten Mitgliedern erlebt ein Comeback an den Devisenmärkten: Gegenüber dem britischen Pfund hat der Euro in den vergangenen zwölf Monaten neun Prozent und gegenüber dem japanischen Yen rund 30 Prozent an Wert gewonnen. Selbst im Vergleich zum US-Dollar, der selbst zuletzt gegenüber den meisten frei handelbaren Währungen aufgewertet hat, zeigt der Euro Stärke: Heute kostet ein Euro an den Wechselbörsen in US-Dollar sieben Prozent mehr als vor einem Jahr.

Insbesondere gegenüber Emerging-Markets-Währungen hat der Euro in den vergangenen Monaten und Wochen massiv aufgewertet. Anlegers ehemalige Lieblinge, insbesondere im asiatischen Raum, aber auch Brasilien und andere lateinamerikanische Staaten, leiden darunter, dass US-Notenbankchef Ben Bernanke jüngst andeutete, die lockere Geldpolitik Amerikas künftig straffen zu wollen. „Während die Renditen für US-Anleihen nun wieder steigen, ziehen internationale Investoren ihre Gelder aus den Emerging Markets ab und legen ihr Geld in den USA und Europa an.

Das ist ein Trend, der nun schon einige Monate anhält, zuletzt aber noch einmal zusätzlich Fahrt aufgenommen hat“, erklärt Peter Bösenberg von der Société Generale. Die Folge: Der Index für lokale Schwellenländeranleihen (JP Morgan GBI-EM-Index) ist in den vergangenen zwölf Monaten um 11,5 Prozent gesunken.

Steckt die Welt im Währungskrieg?

Warum hat der Euro an Wert gewonnen?

Der Höhepunkt der Euro-Krise im Jahr 2012 war ein Tiefpunkt für den Euro. Der Wechselkurs fiel bis auf 1,20 Dollar. Seitdem hat sich die europäische Währung wieder erholt. Aktuell notiert sie bei 1,35 Dollar.
Für Europas obersten Währungshüter, EZB-Chef Mario Draghi, ist klar: „Die Aufwertung ist ein Zeichen der Rückkehr des Vertrauens in den Euro.“ Dazu kam die sehr lockere Geldpolitik in Japan und den USA: Die dortigen Notenbanken öffneten ihre Geldschleusen extrem weit, machten damit ihre Währungen billig. Das funktioniert so: Investoren verkaufen Wertpapiere in Dollar oder Yen (zum Beispiel an die Zentralbank, die sie ihnen mit frisch gedrucktem Geld abnimmt) und kaufen stattdessen welche in Euro. Als Konsequenz ändern sich die Wechselkurse - die „Preise“ für Währungen, die Angebot und Nachfrage widerspiegeln.

Welche Ziele verfolgen die Notenbanken in den USA und Japan?

Draghi ist überzeugt: Es geht nicht um einen „Währungskrieg“ oder einen Wettlauf um die billigste Währung. Vielmehr seien die aktuellen Wechselkursbewegungen ein Nebeneffekt der diversen Bemühungen, die Wirtschaft anzuschieben. Allerdings ist der Ansatz der Notenbanken teils völlig verschieden: Während Preisstabilität vorrangiges Ziel der EZB ist, hat die US-Notenbank Fed explizit einen doppelten Auftrag: Stabile Preise und möglichst hohen Beschäftigungsstand. „Man löscht dann dort eben das Feuer, das am heißesten brennt“, erklärt Commerzbank-Notenbankexperte Bernd Weidensteiner. In Japan übte die Regierung massiv Druck auf die Notenbank aus, die Geldschleusen noch weiter zu öffnen - ein fatales Signal, wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann meint: Die Unabhängigkeit der Zentralbank sei essenziell.

Wie reagiert die Europäische Zentralbank?

EZB-Präsident Draghi erklärte, die Notenbank habe die Euro-Aufwertung als potenzielles Risiko für Konjunktur und Geldwertstabilität im Auge. In einen „Währungskrieg“ will sich die EZB aber bisher nicht hineinziehen lassen - auch weil geldpolitische Schritte zur gezielten Euro-Abwertung Reformen der Krisenstaaten bremsen könnten. „Bei einem Krieg gibt es immer nur Verlierer“, sagte EZB-Direktor Jörg Asmussen dem „Handelsblatt“. „Wenn andere Notenbanken einen anderen Weg gehen, müssen wir dem nicht automatisch folgen.“

Wer profitiert von einem starken Euro?

Für Verbraucher in Deutschland bringt ein starker Euro mehrere Vorteile: Urlaubsreisen in ferne Länder werden tendenziell günstiger, ebenso wie der Sprit an der Tankstelle. Tendenziell werden alle importieren Waren günstiger. Auch Unternehmen, die für ihre Produktion Rohstoffe wie Erdöl einführen müssen, können preiswerter einkaufen. Denn diese Rohstoffe werden in Dollar abgerechnet.

Wem schadet ein starker Euro?

Vor allem der deutschen Exportwirtschaft. Seit Sommer 2012 hat der Euro zu vielen Währungen aufgewertet. Waren aus dem Euroraum werden im außereuropäischen Ausland tendenziell teurer, das könnte die konjunkturelle Erholung im Euroraum gefährden. Deutsche Maschinenbauer spüren den stärkeren Euro bereits, weil ihre Produkte gegenüber der Konkurrenz aus den USA oder Asien teurer werden. Doch während sich deutsche Maschinen, Autos und Elektroprodukte auch über guten Ruf und Qualität verkaufen, dürfte der erstarkte Euro vor allem Euro-Krisenländern wie Griechenland, Portugal und Spanien zu schaffen machen. Allerdings bezweifelt EZB-Direktoriumsmitglied Asmussen, dass das Wechselkursthema entscheidend ist für die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder: „Da geht es um Lohnstückkosten, Bürokratiekosten, mangelnde Produktivität und überregulierte Produktmärkte.“

Ist der Euro gegenüber Dollar oder Yen schon überbewertet?

Laut Draghi bewegt sich der Euro in der Nähe seines langfristigen Durchschnittswerts. 2008 hatte der Euro mal beinahe 1,60 US-Dollar gekostet, 2003 weniger als 90 US-Cent. Glaubt man dem „Big-Mac-Index“ des Magazins „Economist“, dann ist der japanische Yen gegenüber Euro und US-Dollar noch unterbewertet. Der Index vergleicht den Preis für den gleichen Burger in verschiedenen Währungsräumen. Demnach kostete der Big Mac in den USA im Januar 4,37 Dollar, im Euroraum 4,88 Dollar, in Japan nur 3,51 Dollar. Bereinigt um die Wirtschaftskraft pro Kopf ist der Burger damit in Japan um 17,1 Prozent zu billig, in der Eurozone aber um 20,8 Prozent zu teuer. In Deutschland kostet der Big Mac übrigens demnach „nur“ 17,7 Prozent mehr als in den USA, in Griechenland aber 28,1 Prozent, in Italien sogar satte 34,6 Prozent mehr.

Und es ist keine Erholung in Sicht. „Das Segment hat in den vergangenen Wochen stärker gelitten als die Rentenmärkte in den etablierten Industrienationen“, sagt Christian Bender von der Hamburger Kapitalanlagegesellschaft Hansainvest. Hierfür gebe es gute Gründe. Zum einen fehlten kapitalkräftige Käufer, nachdem ausländische Anleger umfangreiche Mittel abgezogen hätten. „Banken reduzieren ihre Nachfrage, weil sie bei einem Erwerb dieser Papiere mehr wertvolles Eigenkapital vorhalten müssten“, so der Fondsmanager.

Zum anderen arbeite beispielsweise Japan an einer Reflationierung. Regierung und Notenbank betrieben eine gezielte Yen-Abschwächung, um die eigene Exportwirtschaft zu stimulieren. „Es kommt daher nicht von ungefähr, dass sich zuletzt auch die Währungen in benachbarten Regionen unterdurchschnittlich entwickelten“, deutet der Rentenexperte auf einen möglichen Abwertungswettlauf hin.

Der Kapitalabfluss trifft dabei nicht alle Schwellenländer gleich. Besonders unter die Räder geraten sind Länder mit einem großen Leistungsbilanzdefizit, die von ausländischer Finanzierung abhängig sind. Dazu zählt beispielsweise die Türkei, wo die zehnjährigen Renditen auf türkische Lira-Staatsanleihen mit fast zehn Prozent auf dem höchsten Niveau seit 2011 stehen. Trotz Maßnahmen der Zentralbanken in den jeweiligen Ländern fiel auch die indische Rupie auf den niedrigsten Stand in ihrer Geschichte, die indonesische Rupiah und der brasilianische Real notieren aktuell auf einem Vierjahrestief.

Kommentare (17)

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Account gelöscht!

30.08.2013, 08:25 Uhr

Es gab nie einen Traum vom Boom. Jeder der in einem Schwellenland mal war, weiß auch darum.

Träume werden suggeriert von internationalen Institutionen, Lobbyisten und Gesellschaften mit dem Ziel das jewile Land eine Zeitlang zu plündern, oder weil es Geostrategischen Interessen nützt. Die Machhaber und Politik des Landes fällt dann immer drauf rein, zumindest in den meisten Fällen. Schwellenländer sind nichts anderes als billige Produktionsverortungen in menschenreichen Gebieten, mit dem Ziel der Billigstproduktion. Eine Ämmaherung an die etablierten Industrieländer ist auf weite Sicht eben nicht in Sicht. Es ist war und bleibt ein Trugschluss.

schnippschnappschnudi

30.08.2013, 09:07 Uhr

@Zecke
Ihrem Kommentar entnehme ich, dass Sie offensichtlich noch nicht selber in Schwellenlaendern waren, sonst wuerden Sie nicht diese ueberholte 70er Jahre These vertreten. Und ausserdem kann man die Schwellenlaender nicht in einen Topf werfen. So hat z.B. das vor Jahren so hoffnungsvolle Indien massive Probleme, waehrend Indonesien wesentlich bessere Potentiale hat.
Jeder, der etwas von der Sache versteht, weiss, dass man hier erstens sehr differenziert analysieren muss, und zweitens einen langen Atem braucht. Solche Investitionen sind eben nichts fuer den kurzfristigen Anleger.

Account gelöscht!

30.08.2013, 09:37 Uhr

@schnippel:
6 Jahre Mexiko, 4 Jahre Brasilen, China und Indien, Pakistan durch viele Geschäftsreisen.

Und ich sage IHnen es ist überall dasselbe. OSZE, WTO und Konsorten setzen den LÄndern Flusen ins Ohr, damit sie die Beine stillhalten, wenn sie sehen das internationale Konzerne Und Investmentbanken das Land vergewaltigen.

Es ist dasselbe agierende Geit wie der der sogenannten "Heuschrecke". Diejenigen die davon im Land oder als Native partizipieren sind im Nachhinein die schlimmsten Einpeitscher.

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