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18.07.2012

15:20 Uhr

Zertifikate

„Das gesunde Maß ist längst überschritten“

Dieter Lendle kennt die deutsche Derivatelandschaft wie kaum ein anderer. Mit Sorge beobachtet er das stetig wachsende Produktangebot. Auf absehbare Zeit rechnet der Experte mit großen Veränderungen am Derivatemarkt.

Dieter Lendle: „Schon die 500.000 Produkte vor zwei Jahren waren hart an der Grenze.“ Pressebild

Dieter Lendle: „Schon die 500.000 Produkte vor zwei Jahren waren hart an der Grenze.“

Frankfurt„Bei der Produktanzahl ist das gesunde Maß mit fast einer Million Zertifikaten und Hebelprodukten längst überschritten“, sagte Dieter Lendle, Vorstand der Gesellschaft Anlagematrix, die Vermögensverwalter bei Investitionen in Derivate berät, am Dienstag in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. „Schon die 500.000 Produkte vor zwei Jahren waren hart an der Grenze.“

Lendle kennt die deutsche Derivatebranche wie kaum ein Anderer, denn er hat sie in den vergangenen Jahren aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachtet: In den 1990er Jahren hat er als Händler und im Vertrieb bei verschiedenen Emittenten gearbeitet. Zwischen 1999 und 2002 war er Vorstand der Derivatebörse Euwax und von 2004 bis 2008 geschäftsführender Vorstand des Branchenverbandes Deutsches Derivate Institut (DDI), einem Vorgänger des Deutschen Derivate Verbandes (DDV). Im Juni 2012 hat er sich mit seinem Unternehmen Anlagematrix selbständig gemacht.

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Das stark wachsende Angebot trägt Lendle zufolge zur Intransparenz bei. „Auf der einen Seite bringt es dem Anleger eine erfreulich große Auswahl an Produkten und Basiswerten. Dies erspart häufig hohe Transaktionskosten, die beim Ordern an ausländischen Märkten anfallen“, sagte er. „Andererseits macht es für viele Anleger schwierig, sich im Produktedschungel zurechtzufinden.“

Lendle kritisiert auch, dass viele Emittenten ihr Geschäft nicht kontinuierlich betreiben würden. „Es kommt immer wieder vor, dass Anbieter mit großen Produktpaletten, engen Spreads und großen Werbeoffensiven auf den Markt kommen, ihr Serviceverhalten dann aber binnen weniger Monate drastisch verändern.“ Plötzlich würden die handelbaren Stückzahlen deutlich reduziert und die Spannen zwischen den An- und Verkaufskursen erweitert. „So etwas trägt nicht gerade zum Vertrauen in einen kontinuierlich guten Service bei und verklärt den Blick darauf, dass einige Emittenten seit vielen Jahren einen konstant guten Job machen.“

Das große Angebot ist Lendle zufolge nicht das Einzige, was den Durchblick am Derivatemarkt erschwert. „An vielen Stellen gehen die Emittenten nach wie vor nicht einheitlich vor, was den Vergleich zwischen ihnen beeinträchtigt.“ Beispielsweise würden für Knock-Out-Produkte noch immer Namen wie Mini-Future, Turbo oder Wave verwendet. Und die Bereitschaft der Emittenten, auf hauseigene Namen zu verzichten, sei sehr begrenzt - obwohl sich die DDV-Mitglieder schon im März 2010 auf einheitliche Fachbegriffe geeinigt haben. Auch bei der Berechnung der Finanzierungskosten von Knock-Outs gingen die Emittenten nicht einheitlich vor.

„All das könnten die Emittenten ohne viel Aufwand vereinheitlichen, was zu mehr Transparenz beitragen würde“, sagte Lendle. Dabei will er der Branche die Bemühungen um mehr Transparenz nach der Lehman-Krise nicht absprechen. „Die Anbieter haben gerade bei der Vereinheitlichung inzwischen viel getan“, sagt er. „Wenn ich sehe, wie viele Informationen heute auf deren Internetseiten frei verfügbar sind, setzt das Maßstäbe für die gesamte Finanzbranche.“ Umso ärgerlicher sei es, wenn an anderen Stellen nach wie vor Unklarheit herrsche.

Neben den Emittenten sieht der Branchenkenner die Derivatebörsen Euwax und Scoach in der Pflicht, den Anlegern mehr Orientierung zu geben. „Denn die Börsen haben alle wichtigen Informationen, welche die Anleger brauchen, um Produkte vergleichen und die Güte der einzelnen Emittenten bewerten zu können“, sagte er. Dazu gehörten Veränderungen der Spreads, in den Stammdaten und bei den handelbaren Stückzahlen, Misstrades und Aussetzer bei den Quotierungen. „Wenn die Börsen diese Informationen den Anlegern auf verständliche Weise zur Verfügung stellten, brächte das die Transparenz der Branche einen großen Schritt voran.“

Lendle rechnet auf absehbare Zeit mit großen Veränderungen in der Derivatebranche. Er erwartet eine umfangreiche Marktbereinigung, bei der einige Emittenten und viele Produkte vom Markt verschwinden werden. „Ich weiß: So eine Marktbereinigung war schon vor Jahren im Gespräch - und nie ist sie eingetroffen“, sagte er. „Aber diesmal wird sie kommen.“ Denn die Bedingungen seien anders als in den vergangenen Jahren.

„Zum Einen sind die Umsätze deutlich zurückgegangen“, sagte Lendle. Das belaste die Erträge von Emittenten, Börsen und Handelshäusern. Zudem herrsche bei vielen Dienstleistern der Branche wie Datenverkäufern ein enormer Kostendruck. Denn die steigende Zahl an Produkten und Emittenten führe zu mehr Aufwand bei diesen Dienstleistern. Jedoch würden sie diese Kosten bislang nicht an die Emittenten weitergeben, um im harten Wettbewerb keine Nachteile zu erleiden.

„Das kann meiner Meinung nach nicht mehr lange so weitergehen“, sagte Lendle. „Irgendwann in naher Zukunft werden die Dienstleister den Emittenten höhere Kosten in Rechnung stellen. Und dann werden sich die Emittenten genau überlegen, ob sich ihr Geschäft in der bisherigen Form noch lohnt.“

Von

rtr

Kommentare (4)

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Mazi

17.07.2012, 13:17 Uhr

Schwacher Artikel!

Account gelöscht!

18.07.2012, 08:47 Uhr

Hähä ... ich auch .... der wird implodieren!

Ich sprach schon vor Jahren mit einem Vorstand der CoBa, der mir sagte, dass der ganze Markt am seidenen Faden hängt. Die Derivate "fließen" quasi immer im Kreis, kommt der Fluss durch irgendetwas zum stoppen, war's das und die paar Billionen kehren zu ihrem ursprünglichen Wert zurück: 0.

vandale

18.07.2012, 16:31 Uhr

Unausgesprochen bleiben die enormen Provisionen die auf den Zertifikaten lasten und diese für den Anlager unattraktiv machen.

Da Banker diese Produkte lieber als Fonds verkaufen nehme ich an, dass die Verkaufsprovisionen für Zertifikate für die Bank noch attraktiver sind.

Gut für die Bank...nicht ideal für den Anleger.

Vandale

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