Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.06.2016

16:11 Uhr

Zins-Entscheid der Zentralbank

„EZB schafft das Bargeld nicht ab“

Die Europäische Zentralbank hält den Leitzins im Euro-Raum auf dem Rekordtief von null Prozent - auch weil die Inflationsrate zunächst niedrig bleibt. Schlechte Nachrichten gab es für griechische Banken.

Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, während der Konferenz im Wiener Hofburg-Palast. Reuters

EZB-Konferenz

Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, während der Konferenz im Wiener Hofburg-Palast.

Frankfurt/WienNach dem EZB-Beschluss zum Aus für den 500-Euro-Schein ist Notenbank-Präsident Mario Draghi Sorgen vor einer Abschaffung des Bargelds entgegengetreten. „Unsere Entscheidungen zum 500-Euro-Schein haben nichts, aber auch wirklich gar nichts zu tun mit der Abschaffung oder der möglichen Abschaffung von Bargeld“, betonte Draghi am Donnerstag nach der auswärtigen Sitzung des EZB-Rates in Wien. Der 500er werde im Gegenteil dadurch ersetzt, dass mehr 200-Euro-Scheine gedruckt würden.

Anfang Mai hatte die Europäische Zentralbank (EZB) beschlossen, die Ausgabe des 500-Euro-Scheins „gegen Ende 2018“ einzustellen. Begründet wurde der Schritt mit dem Kampf gegen kriminelle Geschäfte. Die im Umlauf befindlichen 500er bleiben aber gesetzliches Zahlungsmittel und sollen unbegrenzt umtauschbar sein. Die anderen hohen Banknoten, der 200er und der 100er, soll es weiterhin geben.

Beschlüsse der EZB am 10. März 2016

Niedrigerer Leitzins

Die EZB senkt den Leitzins von 0,05 auf 0,00 Prozent. Der Schritt selbst hat wenig direkte Auswirkungen. Hierbei geht es vor allem um das damit verbundene Signal, dass die EZB entschlossen handelt.

Höherer Strafzins

Die EZB senkt den Einlagenzins im Euro-Raum von minus 0,3 auf 0,4 Prozent. Das heißt: Banken, die über Nacht Geld bei der EZB parken, zahlen dafür eine noch höhere Strafe. Damit will die Notenbank die Geldhäuser dazu animieren, mehr Kredite zu vergeben, statt überschüssige Liquidität bei ihr zu horten. Je höher die Strafe, desto stärker der Anreiz, so das Kalkül. Allerdings belastet dies den labilen Bankensektor. Deshalb war im Vorfeld der Ratssitzung auch über eine Staffelung des Einlagezinses diskutiert worden, ähnlich wie in der Schweiz. Dabei würde der negative Einlagenzins erst dann greifen, wenn die bei der Notenbank geparkte Liquidität einer Bank eine bestimmte Obergrenze überschreitet.
Draghi hat sich aber gegen ein solches Modfell entschieden. Dies sei in einer Währungsunion mit sehr unterschiedlichen Banken nur schwer umzusetzen, sagte er.

Mehr Anleihenkäufe

Die EZB weitet das Volumen ihrer monatlichen Anleihekäufe von 60 auf 80 Milliarden Euro aus. Dadurch erhöht sich Gesamtvolumen bis März 2017 um 240 Milliarden auf 1,74 Billionen Euro. Anleihekäufe seien ein Signal, das der Markt versteht, hatte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding im Vorfeld gesagt.

Dieser Schritt galt aber als durchaus umstritten. Für die Deutsche Bundesbank, die eine weitere Lockerung der Geldpolitik kritisch sieht, ist diese Pille schwerer zu schlucken, als die Senkung des Einlagenzinses. Draghi sagte jedoch, der EZB-Rat habe die Maßnahmen mit einer „überwältigenden Mehrheit“ beschlossen. Durch das höhere Volumen stößt die EZB bei ihren Käufen schneller an Grenzen: Ihren selbst auferlegten Regeln zufolge darf sie keine Bonds kaufen, deren Zinsen unter dem Einlagesatz liegen (jetzt minus 0,4 Prozent). Und sie darf auch nicht mehr als 33 Prozent der ausstehenden Anleiheschulden eines Landes erwerben.

Bei Anleihen von internationalen Organisationen oder Entwicklungsbanken wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) weitet sie dieses Limit nun auf 50 Prozent der ausstehenden Anleihen aus.

Firmenanleihen

Um Knappheit zu verhindern, weitet die EZB außerdem die Auswahl der von ihr gekauften Anleihen aus. Im Dezember hat sie das Sortiment bereits um Anleihen von Regionen und Kommunen im Euro-Raum erweitert. Nun kauft sie außerdem auch von in Euro notierenden Unternehmensanleihen mit gutem Rating (Investment Grade).

Kredite zum Traumtarif

Die EZB weitet ihr Programm aus, mit dem sie Banken zu sehr günstigen Konditionen langfristig Geld leiht, wenn sie mehr Kredite vergeben. Ab Juni sollen vier spezielle Kreditlinien – im Fachjargon TLTRO II genannt – für die Finanzinstitute mit einer Laufzeit von vier Jahren aufgelegt werden. Die Kosten orientierten sich am Einlagenzins, den die EZB jetzt auf minus 0,4 Prozent gesenkt hat. Banken können also Geld damit verdienen, sich Geld zu leihen.

Bereits seit 2014 bieten die Währungshüter gezielte Geldspritzen an. Sie sollen Geschäftsbanken dazu bewegen, mehr Kredite an Firmen zu vergeben. Allerdings brauchen viele Banken gar nicht mehr Liquidität. Dies hilft deshalb wohl lediglich einigen angeschlagenen Instituten.

Die EZB rechnet trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs und wieder steigender Ölpreise mit einer anhaltend niedrigen Inflation in der Euro-Zone. Die Verbraucherpreise dürften in diesem Jahr nur um 0,2 Prozent zulegen, sagten die Experten der Notenbank am Donnerstag in ihren Projektionen voraus. Im März war noch von 0,1 Prozent ausgegangen worden. Für 2017 werden unverändert 1,3 und für 2018 weiterhin 1,6 Prozent erwartet. Damit würde das EZB-Ziel von knapp zwei Prozent zumindest näher rücken. Diesen Wert erachtet die EZB als ideal für die Wirtschaftsentwicklung.

„Die Inflationsraten werden in den kommenden Monaten niedrig oder sogar negativ sein, bevor sie in der zweiten Hälfte 2016 anziehen“, sagte EZB-Präsident Mario Draghi während der Pressekonferenz nach dem auswärtigen Treffen der Notenbanker in Wien. „Gestützt von unseren geldpolitischen Maßnahmen und der erwarteten Konjunkturbelebung sollen sich die Teuerungsraten 2017 und 2018 weiter erholen.“

Im Kampf gegen eine Deflation - ein wirtschaftlich gefährlicher Preisverfall auf breiter Front - hat die EZB im März ihre Geldpolitik erneut gelockert: Der Leitzins wurde auf null gesetzt, die Strafgebühren für die bei ihr geparkten Einlagen der Banken erhöht und der Kauf von Wertpapieren ausgedehnt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×