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08.06.2017

16:20 Uhr

Zinsentscheid

EZB deutet vorsichtige Änderung der Geldpolitik an

VonFelix Holtermann

Zarter Hoffnungsschimmer für Sparer im Euroraum: Erstmals gibt die EZB Hinweise auf einen Einstieg in den Ausstieg aus ihrer ultralockeren Geldpolitik. Bis die Zinsen steigen, dürfte es allerdings noch dauern.

Dax-Ausblick

Anleger halten vor EZB-Erläuterungen den Atem an

Dax-Ausblick: Anleger halten vor EZB-Erläuterungen den Atem an

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DüsseldorfEuropas Währungshüter tasten sich an ein Ende ihrer Billiggeldschwemme heran. Zugleich warnte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, aber vor übertriebene Erwartungen auf ein schnelles Ende der Niedrigzinsen. „Ein außergewöhnliches Maß an geldpolitischer Unterstützung ist immer noch nötig“, sagte Draghi nach der auswärtigen Sitzung des EZB-Rates am Donnerstag in der estnischen Hauptstadt Tallinn.

Der Leitzins im Euroraum, der Schlüsselsatz für die Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld, bleibe bei 0,0 Prozent, teilten die Währungshüter mit. Auf diesem Rekordtief liegt der Leitzins bereits seit März 2016. Parken Finanzinstitute überschüssiges Geld bei der EZB, müssen sie dafür unverändert Strafzinsen zahlen: Der sogenannte Einlagensatz bleibt bei minus 0,4 Prozent. Für den Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen will die Notenbank bis mindestens zum Jahresende weiter monatlich 60 Milliarden Euro aufwenden.

Erstmals gab die EZB aber vorsichtige Hinweise auf einen Einstieg in den Ausstieg. Die Notenbank beurteilte die Wachstumsrisiken für den Euroraum als „weitgehend ausgeglichen“ statt „abwärtsgerichtet“ und betont die verbesserten konjunkturellen Rahmenbedingungen stärker. Zudem verzichteten die Währungshüter auf den Hinweis auf mögliche weitere Zinssenkungen.

Volkswirte zum EZB-Zinsausblick und zur Draghi-PK

Jörg Krämer (Commerzbank)

„Heute gab es von der EZB Zuckerbrot und Peitsche. Auf der einen Seite hat Draghi den Deutschen das Zuckerbrot gereicht, indem er die Konjunkturrisiken zum ersten Mal seit langem als ausgewogen bezeichnet hat und die Option einer weiteren Zinssenkung gestrichen hat. Die Peitsche ist der Verweis auf die hartnäckig niedrige Inflation, die nach Draghis Worten eine sehr lockere Geldpolitik notwendig macht. Ich bin mehr denn je der Meinung, das die EZB ihren Leitzins nach dem erzwungenen Ende ihrer Anleihekäufe nicht rasch anheben wird.“

Jan Bottermann (National-Bank)

„Wie erwartet hat die EZB heute keine materiell nachhaltige Kurskorrektur vorgenommen, sondern nur ihr Wording angepasst. Was die EZB auf keinen Fall wollte, ist eine Erwartungshaltung im Sinne baldiger Zinserhöhungen zu schüren. In den letzten Wochen und Monaten haben sich zwar die Stimmungsindikatoren für die Euro-Zone stärker belebt als mit Blick auf die ungelösten strukturellen Probleme zu erwarten stand. Nach wie vor funktioniert die Währungsunion suboptimal, da sich die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit bei konstanten Wechselkursen auseinanderentwickelt.“

Neil Wilson (Etx Capital)

„Mario Draghi ist ein vorsichtiger Mensch. Die EZB sendet gemischte Signale aus. Doch insgesamt sieht es so aus, als ob die Währungshüter den Aufschwung für gefestigter halten.“

Holger Schmieding (Berenberg Bank)

„Die EZB bewegt sich im Kriechgang auf den Ausstieg aus ihrer lockeren Geldpolitik zu. Als weiteren Mini-Schritt hat sie heute auf den ausdrücklichen Hinweis verzichtet, sie könne ihre Leitzinsen noch weiter absenken. Das hat ohnehin niemand mehr erwartet. Derzeit belässt sie ihre Zinsen und monatlichen Anleihekäufe noch unverändert. Das ist auch gut so. Denn trotz des robusten Wachstums verharrt der Inflationsdruck in der Eurozone bislang auf sehr niedrigem Niveau. Deshalb kann die EZB es sich leisten, die Wirtschaft langsam auf den Ausstieg vorzubereiten. Im September kommt der nächste Schritt. Dann wird die EZB vermutlich ankündigen, dass sie ab Januar 2018 ihre Anleihekäufe langsam auslaufen lassen wird.“

Ralf Umlauf (Helaba)

„Insgesamt ist das veränderte Wortwahl im Zinsausblick ein weiterer Trippelschritt in Richtung geldpolitischer Normalisierung. Mit baldigen Zinsveränderungen ist aber nicht zu rechnen.“

Marcel Fratzscher (DIW-Chef)

„Die EZB hat vorsichtig die geldpolitische Wende eingeleitet, wenn auch nur mit Worten. Sie hat die Kommunikation geändert und die Ankündigung, notfalls ihre expansive Geldpolitik auszuweiten, gestrichen. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Vielen in Deutschland mag die geldpolitische Wende zu langsam gehen. Viele unterschätzen aber die Tragweite der EZB-Entscheidung, die zum ersten Mal seit über zehn Jahren eine nachhaltige Straffung der Geldpolitik signalisiert. Die EZB handelt richtig, den Ausstieg aus ihrer expansiven Geldpolitik graduell und nicht abrupt vorzubereiten, damit keine schädliche Verunsicherung entsteht, sondern Unternehmen und Investoren langfristig planen können. Die EZB muss auch in Zukunft eine Politik der kleinen Schritte verfolgen, um unnötige Volatilität in den Märkten zu vermeiden.“

Volker Wieland (Wirtschaftsweise)

„Endlich hat die EZB die asymmetrische Ausrichtung ihres Zinsausblicks aufgegeben. Der EZB-Rat erwartet nun nicht mehr, dass die Notenbankzinsen weiter gesenkt werden könnten, sondern lediglich dass sie weiter auf dem aktuellen Niveau verharren. Eine minimale und lange überfällige Anpassung, aber bei weitem nicht das, was notwendig wäre. Angesichts der deutlichen Erholung im Euro-Raum in den letzten Jahren wäre es längst an der Zeit, die Politik aus dem Krisenmodus herauszuholen. Die EZB sollte eine Strategie und Zeitplan für das Auslaufen der massiven Wertpapierkäufe kommunizieren.“

Der EZB-Beschluss enthält folgenden Passus: „Der EZB-Rat geht davon aus, dass die EZB-Leitzinsen für längere Zeit und weit über den Zeithorizont des Nettoerwerbs von Vermögenswerten hinaus auf ihrem aktuellen Niveau bleiben werden.“ Bei den letzten Zinsentscheiden war die Formulierung immer durch den Zusatz „oder einem niedrigeren Niveau“ ergänzt worden. Beide Änderungen gelten unter Ökonomen als erstes Signal, dass sich die Währungshüter allmählich an eine Normalisierung ihrer Geldpolitik herantasten.

EZB-Ratssitzung: Mario Draghis Balanceakt

EZB-Ratssitzung

Mario Draghis Balanceakt

Nicht nur klassische Verfechter einer straffen Geldpolitik wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann plädieren für einen baldigen Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik. Doch welche Signale sendet EZB-Präsident Mario Draghi?

Der Bankenverband BdB begrüßte die „ersten Trippelschritte in Richtung Ausstieg aus der extrem expansiven Geldpolitik“, hätte sich angesichts der stabilen Konjunkturentwicklung im Euroraum aber ein „entschlosseneres Vorgehen gewünscht“, wie BdB-Hauptgeschäftsführer Michael Kemmer sagte.

Kritik am EZB-Kurs kommt seit langem aus wirtschaftlich starken Ländern wie Deutschland. Denn Sparer bekommen kaum noch Zinsen, Banken tun sich mit dem Geldverdienen schwer. Allerdings profitieren auf der anderen Seite Kreditnehmer von günstigen Konditionen – zum Beispiel beim Kauf von Häusern und Wohnungen. Ökonomen erwarten, dass die EZB schrittweise erst das Anleihenkaufprogramm („Quantitative Easing“/QE) zurückfahren wird und dann – womöglich erst 2019 – die Zinsen allmählich anheben wird.

Best of Mario Draghi

3.11.2011

„Wir werden von niemandem gedrängt. Wir sind unabhängig. Wir bilden uns unsere eigene Meinung. Das ist es.“

(Draghi bei seiner ersten Pressekonferenz nach seinem Amtsantritt am 3.11.2011 in Frankfurt)

26.7.2012

„Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein.“

(Draghi am 26.7.2012 in London)

3.4.2014

„Der EZB-Rat ist sich einig, dass die EZB gegebenenfalls auch weitere unkonventionelle Maßnahmen im Rahmen ihres Mandats einsetzen wird, um die Risiken einer zu langen Periode niedriger Inflationsraten in den Griff zu bekommen.“

(Draghi nach der Sitzung des EZB-Rates am 3.4.2014 in Frankfurt)

26.5.2014

„Wir werden nicht zulassen, dass die Inflation zu lange auf zu niedrigem Niveau bleibt.“

(Draghi am 26.5.2014 bei einer EZB-Konferenz im portugiesischen Sintra)

5.6.2014

„Das ist ein bedeutendes Maßnahmenpaket. Sind wir schon am Ende? Nein. Wir sind hiermit nicht am Ende, solange wir uns im Rahmen unseres Mandates bewegen.“

(Draghi am 5.6.2014 in Frankfurt nachdem die Notenbank ein ganzes Bündel von Maßnahmen gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche im Euroraum beschlossen hat)

4.9.2014

„Wir mussten etwas tun, das ist unsere Pflicht.“

(Draghi am 4.9.2014 in Frankfurt zum EZB-Beschluss, Kreditverbriefungen und Pfandbriefe zu kaufen)

22.1.2015

„Ich könnte ein paar Witze dazu erzählen. Aber ich lese einfach noch mal das Eingangsstatement vor. Denn das ist alles, was wir heute sagen können. Und ich vermeide Witze in dieser Sache lieber.“

(Draghi am 22.1.2015 auf die Frage eines Journalisten: „War's das jetzt? War's das - oder können die Leute erwarten, dass die Geldpolitik demnächst noch verschärft wird?“)

3.9.2015

„Wir haben den Willen und die Fähigkeit zu reagieren, falls dies notwendig ist.“

(Draghi am 3.9.2015 zu einer möglichen Ausweitung des Anleihenkaufprogramms)

9.3.2017

„Unsere Geldpolitik war erfolgreich.“

(Draghi am 9.3.2017 zum Anstieg der Inflation auf zwei Prozent)

9.3.2017

„Es gibt nicht mehr das Gefühl, dass das Risiko einer Deflation drängend ist.“

(Draghi am 9.3.2017 zum Erfolg seiner expansiven Geldpolitik)

Das viele billige Geld soll im Idealfall die Konjunktur anschieben und die Teuerungsrate nachhaltig in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent treiben – weit genug weg von der Nulllinie. Dauerhaft niedrige Preise auf breiter Front gelten als Risiko für die Konjunktur: Unternehmen und Verbraucher könnten Investitionen aufschieben, in der Hoffnung, dass es noch billiger wird.

Im Mai lagen die Verbraucherpreise im Euroraum nach Zahlen des europäischen Statistikamts Eurostat um 1,4 Prozent über dem Vorjahreswert. Die Kerninflation ohne schwankungsanfällige Energie- und Lebensmittelpreise erreichte 0,9 Prozent.

Vor allem wegen der niedrigen Ölpreise werden die Verbraucherpreise nach Einschätzung der EZB allerdings langsamer steigen als zuletzt erwartet. Für das laufende Jahr rechnet die Notenbank nun mit einer Teuerungsrate von 1,5 Prozent (März-Prognose: 1,7 Prozent). Auch für 2018 und 2019 senkten die Währungshüter ihre Prognose.

Der Wirtschaft im Euroraum traut die Notenbank indes ein stärkeres Wachstum zu als noch im März. Für das laufende Jahr erwartet sie nach einem schwungvollen Auftakt einen Zuwachs von 1,9 (1,8) Prozent beim Bruttoinlandsprodukt (BIP). Im ersten Quartal hatte die Wirtschaft in den 19 Ländern des Währungsraums nach Angaben von Eurostat um 0,6 Prozent zum Vorquartal zugelegt. Auch 2018 und 2019 rechnet die Notenbank mit einem kräftigeren Plus als noch im Frühjahr.

Kommentare (13)

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G. Nampf

08.06.2017, 13:50 Uhr

"Der Leitzins im Euroraum bleibt auf dem Rekordtief von null Prozent."

Komisch, warum ist niemand darüber erstaunt?

Herr Hans-Jörg Griesinger

08.06.2017, 14:00 Uhr

Der EZB-Beschluss enthält folgenden Passus: „Der EZB-Rat geht davon aus, dass die EZB-Leitzinsen für längere Zeit und weit über den Zeithorizont des Nettoerwerbs von Vermögenswerten hinaus auf ihrem aktuellen Niveau bleiben werden.“

So siehts aus, alles andere wäre das Ende des Euros und mancher völlig überschuldeter Staaten.
Längere Zeit meint mind. 2 bis 3 Jahrzehnte, enn nicht noch länger.
Die ganze Welt ist massiv überschuldet, die Wirtschaft kann nur noch durch die Geldschwemmen der Zentralbanken am Laufen gehalten werden.
Staaten, Private und viele Unternehmen sind überschuldet und hängen an den Kreditlinien der Banken.
Werden diese Kreditlinien aufgekündigt, kollabiert wegen unmöglicher Rückzahlungsmöglichkeit das System.
Warum machen sich unsere Medien nicht endlich ehrlich und bringen die tatsächliche Verschuldungslage der Welt auf die Agenda?
Klare Fakten, anstatt diese täglichen fakenews und Durchhalteparolen!
Gleiches gilt für den desaströsen Zustand der EU und des Euros.
Traut auch endlich der Wahrheit ins Auge zu sehen und auch darüber zu schreiben!

Herr Hans-Jörg Griesinger

08.06.2017, 14:07 Uhr

Die Geldschulden der einen, sind die Geldvermögen der anderen.
Verteilungsquote der Vermögenswerte liegt weltweit bei 1% zu 99%.
1% verfügt über immense Kapital- Produktions- und Sachwertbesitze, die restlichen 99% der Menschheit müssen zusehen, wie sie über die Runden kommen oder leben bereits jetzt in biterster Armut.
In Afrika verhungern täglich 20 Mio. Menschen, während wir hier uns über neue DAX-Höchststände wundern und den neuesten überteuerten Apple-Tant zum Konsum angeboten bekommen.
Diese Welt ist wirklich zutiefst krank, sie ist ein Irrenhaus und wir sind unfreiwillig, da hier reingeboren, die Insassen.

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