Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.12.2015

00:13 Uhr

Zinserhöhung der Fed

Die große Wende in der Geldpolitik

VonFrank Wiebe

Die US-Notenbank nimmt nach Jahren Abschied von der Null-Zins-Politik. Der Leitzins steigt um einen Viertel Prozentpunkt. Der Schritt ist ein Signal, dass die Krise überwunden ist. Entscheidend ist, wie es weitergeht.

Die Fed-Chefin hat die erste Zinserhöhung seit Jahren verkündet. AFP

Janet Yellen

Die Fed-Chefin hat die erste Zinserhöhung seit Jahren verkündet.

New YorkIn einer historischen Entscheidung hat die US-Notenbank (Fed) den Leitzins angehoben. Er soll künftig in einer Bandbreite von 0,25 Prozent bis 0,5 Prozent schwanken. Die Spanne der Zinsen zuvor war mit 0,0 bis 0,25 Prozent vorgegeben, was meist einfach als Nullzins bezeichnet wurde. Nach dem Willen von Fed-Chefin Janet Yellen soll es in vorsichtigen Schritten weitergehen.

Die erste Anhebung seit fast zehn Jahren spiegele Fortschritte am Arbeitsmarkt wider, sagte Yellen am Mittwoch in Washington. Sie stehe auch für die Erwartung, dass es mit der US-Konjunktur weiter bergauf gehe.

Auf dem Arbeitsmarkt gebe es noch immer Verbesserungsmöglichkeiten, ergänzte Yellen. Die Normalisierung der Geldpolitik werde "graduell" erfolgen. Bei stärkeren Wachstumsraten oder einer höheren Inflation werde es deutlichere Schritte geben, im gegenteiligen Szenario langsamere Zinserhöhungen.

Viele Ökonomen und Investoren haben diesen Schritt sehnlichst erwartet. Sie fühlten sich nicht mehr wohl in einer Welt, in der die Kapitalmärkte vor allem von niedrigen Notenbankzinsen getrieben werden. Oft war die Befürchtung zu hören, die Kurse seien letztlich verzerrt und kein Spiegelbild der wirtschaftlichen Verhältnisse. Entsprechend nervös waren Investoren auch im Vorfeld der Entscheidung.

Wie es nach dem Fed-Entscheid weitergeht

Zinswende bleibt vorerst aus

Noch scheuen sich die Geldpolitiker um Fed-Chefin Janet Yellen, erstmals seit Jahren wieder am Geldhahn zu drehen. Allerdings könnte die US-Notenbank noch in diesem Jahr handeln – und damit auch die Konjunktur im Euroraum anschieben. Seit Ende 2008 liegen die Zinsen in den USA, zu dem Banken Zentralbankgeld leihen können, auf dem Tief zwischen null und 0,25 Prozent.

Warum hat die Fed die Zinsen diesmal nicht angehoben?

Ein Hauptgrund sind die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten. Im August hatte ein Kurssturz in China Europas Börsen in einen Abwärtsstrudel gezogen und an der Wall Street für massive Verluste gesorgt. „Wir achten insbesondere auf China und aufstrebende Märkte“, sagt Yellen. Die Fed spricht von „globalen wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklungen“, die den Aufschwung gefährden könnten.

Spielt das die Hauptrolle für die Entscheidung der Notenbanker?

Nein. Am wichtigsten sind hohe Beschäftigung und ein stabiles Preisniveau. Die Inflation liegt aber noch deutlich unter dem Zielwert von zwei Prozent, und vom Arbeitsmarkt kommen trotz hoffnungsvoller Zeichen zwiespältige Signale. Aus Sicht von Ökonomen wie Deutsche-Bank-Chefvolkswirt David Folkerts-Landau ist eine Zinserhöhung angesichts der US-Konjunktur aber schon lange überfällig: „Die US-Wirtschaft dürfte weiter kräftig wachsen, es herrscht praktisch Vollbeschäftigung und die Inflation, obwohl auf niedrigem Niveau, sollte sich in Richtung Zielwert der Fed von zwei Prozent bewegen.“ Die aktuelle US-Konjunkturlage verlange eine Bewegung hin zu Leitzinsen zwischen 2 und 3 Prozent.

Also geht die Spekulation um die Zinswende weiter?

Die Mehrzahl der Notenbanker ist nach wie vor der Meinung, dass die Fed das Ende ihre Nullzinspolitik noch dieses Jahr einläuten sollte. Der Offenmarktausschuss tagt bis Jahresende nur noch zweimal: Ende Oktober und am 16. Dezember. Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank, erwartet spätestens im Dezember die Zinswende: „Reagieren Janet Yellen und ihre Kollegen auch nicht zum Jahresende, verspielen die Notenbanker ihre Glaubwürdigkeit.“

Ist die Fed zu zaghaft?

Nach Einschätzung vieler Beobachter schon. „Einen Zeitpunkt, zu dem eine Zinserhöhung in einer völlig stabilen weltwirtschaftlichen Situation erfolgt und keine Risiken birgt, wird es kaum geben“, warnt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Das Problem ist, dass der Druck mit jedem Aufschub zunimmt. Schließlich soll beim ersten Zinsschritt nicht der Eindruck entstehen, dass die Ära des ultrabilligen Geldes schlagartig vorüber ist. „Die Haltung der Geldpolitik wird vermutlich noch für einige Zeit nach der anfänglichen Erhöhung der Leitzinsrate hochexpansiv bleiben“, versichert Yellen deshalb.

Warum sind die Zinsen überhaupt auf dem Rekordtief?

Mit den Mini-Zinsen hatte die Fed auf die Finanzkrise von 2008 und die folgende Rezession reagiert. Bei niedrigen Zinsen investieren Unternehmen tendenziell mehr, Verbraucher geben mehr Geld aus. Das schiebt die Konjunktur an.

Welche Folgen hätte eine Zinserhöhung?

Höhere Zinsen verhindern Blasen etwa an Immobilien- und Aktienmärkten sowie eine zu hohe Inflation. Banken verleihen mehr Geld, statt es zu parken. Für viele Sparer sind Zinserträge auch eine wichtige Einnahmequelle. Allerdings würde der Dollar an Wert gewinnen, wenn gleichzeitig andere Notenbanken auf Null-Zins-Kurs bleiben. Das hätte zwei Konsequenzen, betont Targobank-Chefvolkswirt Otmar Lang: „Zum einen brächen die US-Exporte weg, zum anderen würden aus den Schwellenländern sehr hohe Geldbeträge abfließen und dort einen dramatischen konjunkturellen Einbruch herbeiführen. Und das könnte die gesamte Weltwirtschaft schwer in Mitleidenschaft ziehen.“

Wird die EZB die Zügel im Euroraum bald anziehen?

Nein. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird die Geldschleusen noch lange weit geöffnet und den Zins nahe der Nulllinie lassen. EZB-Präsident Mario Draghi hat sogar weitere Lockerungen in Aussicht gestellt. Liane Buchholz vom Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB) rechnet frühestens 2017 mit einem ersten Zinsschritt: „Die extreme Niedrigzinsphase in Europa wird uns noch länger begleiten.“ Das ist gut für Häuslebauer, die ihre Immobilie extrem günstig finanzieren können. Aber es ist schlecht für Sparer, weil vermeintlich sichere Anlagen kaum Geld abwerfen.

Was würde eine frühere Zinserhöhung in den USA für Europa bedeuten?

Steigen die Zinsen in den USA, aber nicht in Europa, gewinnt der Dollar gegenüber dem Euro an Wert. In Dollar gehandelte Importe wie Rohstoffe werden so im Euroraum teurer. Das stärkt den mickrigen Preisauftrieb. Gleichzeitig werden hiesige Produkte auf dem Weltmarkt günstiger. Das befeuert den Export und die Konjunktur im Euroraum.

Die erste Zinserhöhung seit der Finanzkrise signalisiert in den Augen der Amerikaner aber auch, dass ihre Wirtschaft endgültig die Intensivstation verlassen hat und wieder gesund wird. Die Fed hatte den Zins vor sieben Jahren als Reaktion auf die Finanzkrise von einem Prozent auf das Niveau nahe Null gesenkt und dort belassen. Die letzte Zinserhöhung hatte im Jahr 2006 stattgefunden.

Bis zuletzt war der Zinsschritt bei Ökonomen und zum Teil wohl auch innerhalb der Fed umstritten. Grund dafür ist, dass die zwei wichtigsten Kennzahlen unterschiedliche Signale sendeten. Der Arbeitsmarkt hat sich trotz eines nur mäßigen Wirtschaftswachstum recht gut erholt. Die offizielle Arbeitslosigkeit liegt bei nur noch fünf Prozent, was in den Augen der Fed schon Vollbeschäftigung bedeutet. Auch der Offenmarktausschuss sei zu der Erkenntnis gekommen, dass sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt noch einmal erheblich verbessert habe, hieß es in einer Mitteilung der Notenbank.

US-Notenbank Federal Reserve: Die Zinswende ist da – und so reagieren die Märkte

US-Notenbank Federal Reserve

Die Zinswende ist da – und so reagieren die Märkte

Die US-Notenbank hat tatsächlich zum ersten Mal seit vielen Jahren die Zinsen erhöht. Rund um die Welt haben Anleger gespannt auf die Entscheidung gewartet – und reagieren so auf die Entscheidung.

Und selbst noch genauere Kennzahlen, die zum Beispiel den Anteil der Teilzeitarbeit mit berücksichtigen, zeigen an, dass die USA sich wieder auf dem Niveau von vor der Krise befindet. Auf der anderen Seite lag die Inflation hartnäckig bis vor kurzem weit unterhalb der gewünschten Zielmarke von zwei Prozent, die nach Definition der Fed Preisstabilität bedeutet. Doch in der Mitteilung vom Abend zeigte sich die Fed überzeugt, dass sich die Inflation wieder der Zielmarke annähere.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×