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07.04.2016

01:38 Uhr

Zinserhöhung

Die gespaltene Notenbank

VonAstrid Dörner

In der amerikanischen Geldpolitik zeichnet sich ein Richtungsstreit ab. Gegner des raschen Handelns plädieren für Abwarten, Befürworter für eine baldige Zinserhöhung. Fed-Chefin Yellen behält derzeit jedoch die Oberhand.

Fed-Chefin Janet Yellen: Die bestehenden Risiken einer Zinserhöhung für die US-Wirtschaft lässt die Notenbank zögern. AP

Janet Yellen

Fed-Chefin Janet Yellen: Die bestehenden Risiken einer Zinserhöhung für die US-Wirtschaft lässt die Notenbank zögern.

New YorkWohin steuert die amerikanische Geldpolitik? Die führenden Notenbanker des Landes geben sich in diesen Tagen betont uneinig. Fed-Chefin Janet Yellen hatte vergangene Woche in New York vor globalen Risiken gewarnt und ihren Kurs der behutsamen Zinsanhebungen bekräftigt. Doch eine ganze Reihe von Notenbankern hat sich gegen ihre Fahrtrichtung ausgesprochen und damit zu Verunsicherungen an den Märkten geführt.

Auf ihrer jüngsten Sitzung Mitte März haben die Mitglieder des Zinsausschusses intensiv über den richtigen Kurs diskutiert, wie aus dem Protokoll des Treffens hervorgeht, das am Mittwoch veröffentlicht wurde.

Sorgenkind Weltkonjunktur

Eine kleinere Gruppe von Notenbankern plädierte laut dem Protokoll für eine geldpolitische Straffung im April. Letztlich setzte sich allerdings Yellen mit ihrer Meinung durch, mit der nächsten Zinsanhebung noch eine Weile zu warten. Mehrere Ausschuss-Mitglieder hätten sich dafür ausgesprochen, bei der Anhebung vorsichtig vorzugehen oder hätten Bedenken geäußert, dass eine Zinssteigerung im April „eine Dringlichkeit signalisieren würde, die nicht angemessen wäre“, heißt es in dem Protokoll, das keine genaue Auskunft darüber gibt, wer welche Position vertreten hat.

Die Gegner raschen Handelns führten insbesondere die schwächelnde globale Konjunktur und die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten für ihre Bedenken an.

Die Fed hat die Geldpolitik im Dezember 2015 erstmals seit fast zehn Jahren gestrafft. Seither hält sie den Schlüsselsatz zur Versorgung der Finanzinstitute mit Geld in einer Spanne zwischen 0,25 und 0,5 Prozent und peilt für dieses Jahr zwei Erhöhungen von jeweils einem Viertel Prozentpunkt an. Im Dezember hatte Yellen noch vor, die Zinsen vier Mal in diesem Jahr anzuheben. Analysten stellen sich nun darauf ein, dass die Fed im Juni und im Dezember Zinserhöhungen verkünden könnte.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

Eine Anhebung bei der nächsten Sitzung im April ist nicht ganz vom Tisch. Einige Notenbanker hatten sich in den vergangenen Tagen noch einmal dafür stark gemacht, darunter der Präsident der regionalen Notenbank von Atlanta, Dennis Lockhart.

Die Notenbanker sind sich uneins darüber, wie nah man dem Ziel der Vollbeschäftigung ist und ob der jüngste Anstieg der Inflationsrate nur ein vorübergehender Effekt ist. Auch gibt es unterschiedliche Meinungen darüber, wie sehr sich die Probleme in anderen Teilen der Welt auf die US-Wirtschaft auswirken könnten. Yellen macht sich darüber große Sorgen. „Andere Mitglieder wiederum finden, dass die Risiken zurückgegangen sind, weil einige Zentralbanken zusätzliche Schritte unternommen haben“, sagt Ökonomin Sara Johnson vom Analysehaus IHS. So hatte die Europäische Zentralbank im März die Zinsen erstmals auf Null gesenkt. Die Notenbank in Japan hatte im Januar gar einen negativen Zinssatz eingeführt

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