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25.05.2000

20:51 Uhr

ews ESSEN. "Wir fühlen uns auch für den Alleingang stark genug, werden aber nichts tun, um unsere Kunden zu vergrätzen." Jochen Melchior, Vorstandsvorsitzender der Steag AG, Essen, sieht sich in einer delikaten Situation. Der Steinkohlenverstromer, der auch Standbeine als International Power Producer (IPP) und in Electronic Systems erfolgreich ausbaut, verkauft 81 % seines Stromabsatzes von 26,2 Mrd. kWh an die Fusionskandidaten RWE AG, Essen, und VEW AG, Dortmund. Die zählen auch direkt oder indirekt zu den Anteilseignern. Großaktionär aber ist die RAG AG (früher Ruhrkohle), Essen, an der die Düsseldorfer Veba AG den größten Anteil hält. Die Veba ist aber auch noch über eine gemeinsame Gesellschaft mit RWE an der Steag direkt beteiligt.

Nach der Liberalisierung der Strommärkte in Deutschland mit einem Preisverfall von bis zu 50 % hatte RWE schon frühzeitig signalisiert, die Kraftwirtschaft der Steag übernehmen zu wollen. Auch die Steag sei nach eingehenden Untersuchungen zu dem Ergebnis gekommen, dass eine "Zukunftsperspektive Seite an Seite mit RWE" möglich sei, wie Melchior erklärte: "Größenbedingte Wettbewerbsvorteile mit dem Ziel der Kostenführerschaft und dem Bau neuer Kraftwerke lassen sich am besten in einer engen Partnerschaft realisieren."

Daraus wurde bisher nichts. Denn die vollständige Integration der Steag-Energieaktivitäten in den neuen Konzern würde die Wertschöpfungskette - Kohleförderung, -handel und-verstromung - im RAG-Konzern empfindlich beeinträchtigen, heißt es nun zur Begründung bei Melchior und RAG-Chef Karl Starzacher. Die Steag-Aktionäre würden allerdings diskutieren, wie die Gesellschaftsverträge gelockert werden könnten, die dem Unternehmen so manche Aktivitäten untersagten. Einer der Beteiligten könnte allerdings nur indirekt mit am Tisch sitzen. Denn wie aus der Brüsseler Wettbewerbsbehörde zu hören ist, soll die Veba ihre direkte Beteiligung an der Steag im Rahmen ihrer Fusion mit der Viag AG, München, abgeben. Die EU-Kommission prüft diese Verschmelzung, für RWE/VEW ist das Bundeskartellamt in Bonn zuständig.

Aber für die "Prognose einer erfolgreichen Selbständigkeit" der Kraftwirtschaft bei der Steag hat Melchior gewichtige Gründe: Zum einen könnten sich die Steinkohlenkraftwerke im Benchmarking mit Wettbewerbern aus anderen liberalisierten Märkten messen, zum anderen würde noch im Juni die Finanzierung eines 3,3-Mrd.-Kraftwerks-Projekts in der Türkei stehen. "Wir verfügen über drei Trümpfe: eine gut gefüllte Kriegskasse, Kompetenz im Kraftwerksbau und internationale Vorzeigeprojekte", resümiert der Steag - Chef.

Mit dem türkischen Projekt Iskenderun, einem Steinkohlenkraftwerk mit einer Leistung von 1 300 MW, wird die größte Investition der Unternehmensgeschichte und weitere Internationalisierung in Angriff genommen. Ein Viertel der Summe will Steag aus eigenen Mitteln finanzieren, 2,5 Mrd. werden von einem Konsortium von KfW, Dresdner Bank und WestLB bereit gestellt. Mit der RWE Energie AG werde zudem über eine Beteiligung von 25 % an diesem Projekt verhandelt, so Melchior. Von dieser Investition werden auch die Mutter RAG und die RWE-Tochter Rheinbraun Brennstoff profitieren. Sie sollen jährlich 3 Mill. t Steinkohle liefern.

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