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06.01.2002

08:34 Uhr

Finanzwirtschaftliche Exzesse sind noch nie gut ausgegangen

Verbrannte Investitionen

VonFREDMUND MALIK

Das Platzen der New-Economy-Blase brachte einige alte Wahrheiten zum Vorschein.

Fredmund Malik

Fredmund Malik

In der gesamten Wirtschaftsgeschichte gibt es nicht einen einzigen Fall, wo finanzwirtschaftliche Exzesse, wie wir sie in den vergangenen rund fünf Jahren erlebten, gut ausgegangen wären. Es hat niemals eine Stabilisierung auf hohem Niveau oder ein Softlanding gegeben, wie es mit Blick auf die Notenbanken erwartet wird.

Es gibt auch keinen Fall, in dem die Exzesse, die jeweils auf der Hand lagen und leicht erkennbar waren, nicht damit gerechtfertigt worden wären, dass diesmal alles neu und daher ganz anders ist. Regelmäßig hat sich der Glaube daran als eine Mischung aus geschichtlicher und wirtschaftlicher Unkenntnis sowie Naivität, vielleicht auch Dummheit entpuppt. Zusätzlich haben immer auch drei Turbotreiber an den Finanzmärkten eine entscheidende Rolle gespielt - Schulden, Gier und Angst.

Alles zusammen ergibt einen Stimmungscocktail, der massenpsychologisch gut erforscht ist, sowohl seine zunächst unmerkliche Entstehung als auch seine Verlaufsdynamik und sein Ende in Kollaps und Panik. Das Grundmuster ist immer dasselbe, nur die Erscheinungsform, die Verpackung, ist jeweils anders. Diese ist es auch - als einziges - was diesmal wirklich neu und anders ist: es ist die mediale Perfektion, die das Geschehen nicht nur begleitet, sondern Teil desselben ist. Es ist schwer vorstellbar, dass die Professionalität des Entertainments, mit der die Börsen- und Finanzszenerie präsentiert wird, noch wesentlich übertroffen werden kann.

Die ganze Jugendgeneration wurde zu einem falschen Wirtschaftsverständnis verführt

Das Ende solcher Boom- und Blasen-Epochen war, wie erwähnt, immer gleich: Kollaps und Panik, die Vernichtung nicht nur aller Scheinwerte, die vorher als solche nicht erkannt wurden, darüber hinaus auch vieler echter Werte, die in den Malstrom der Übertreibungen hineingerissen werden, und eine lange Zeit wirtschaftlicher Verwüstung.

Gravierend ist, dass diesmal eine ganze Jugendgeneration zu einem fundamental falschen Wirtschaftsverständnis verführt wurde. Praktisch alles, was wichtig ist für eine gesunde Wirtschaft, wird in solchen Perioden nicht nur ignoriert, sondern als altmodisch und überholt taxiert.

Drei Beispiele: Ein erstes ist Innovation. Wo von Visionen und Business Models geredet wurde, hätte man wissen müssen, dass richtig verstandene Innovation so gut wie nichts mit Ideen als solchen zu tun hat, sondern ausschließlich mit der Realisierung von Ideen. Das meiste, was in den letzten Jahren bombastisch als Startups bezeichnet wurde, sind noch nicht einmal ausreichend durchdachte Ideen gewesen. Die Moneyburnrate ist somit ein zwar drastischer, aber recht akkurater Indikator für geschäftliche Unerfahrenheit und Managementnaivität.

Ein zweites Beispiel ist, dass im Gegensatz zur allgemeinen Meinung und Propaganda Leistungskraft und Konkurrenzfähigkeit eines Unternehmens zu keinem Zeitpunkt von den Emissionserlösen und Aktienkursen abgeleitet werden können. Erfahrene Börsianer wissen das. Man kann zwar sagen, dass der Tagesschlusskurs die Erwartungen aller Wirtschaftssubjekte in die Aktie widerspiegelt, was das aber mit dem Unternehmen als solchem zu tun hat, ist eine ganz andere Frage.

Kreativität an falscher STelle war folgenschwer

Ein drittes Beispiel für Fehlsteuerung wirtschaftlichen Sachverstandes ist die Meinung, dass Aktienkurse langfristig immer nur steigen und es daher vernünftig sei, an seinem Portfeuille festzuhalten. Selbst wenn es richtig wäre, dass Kurse langfristig immer nur steigen, ist das für die Praxis der Geldanlage völlig bedeutungslos, weil niemand lange genug lebt, um "langfristig" abzuwarten. Wer 1929 Aktien gekauft hatte, damals im selben naiven Vertrauen auf deren langfristig immerwährendes Steigen, musste immerhin bis 1956 warten, bis sie wieder denselben Wert hatten, falls er nicht ohnehin das Pech hatte, jene Papiere zu besitzen, die das Jahr 1932 gar nicht überlebten, weil die Firmen in den Bankrott gingen. Wer die These vom ewigen Steigen der Kurse mit dem Dow Jones-Index belegen zu können glaubt, sollte sich im Kleingedruckten wenigstens vor der Prospekthaftung schützen, denn der Dow Jones-Index von 1929 war etwas ganz anderes als jener von 1933, weil dazwischen viele der im Index enthaltenen Firmen konkurs und vom Kurszettel verschwunden waren. Dasselbe spielt sich zurzeit in Nemax und Nasdaq ab.

Was solche Perioden vor allem bringen, ist Kreativität - leider am falschen Ort, nämlich kreative Buchhaltung und zweckgerichtetes Schönen ökonomischer Zahlen. Hätte man die an die Mitarbeiter anstelle von Löhnen ausgerichteten Stock Options ordnungsgemäß verbucht, so wären die Gewinne der Jahre 1998 und 1999 um rund die Hälfte niedriger gewesen; und würden die Informatikinvestitionen in den USA richtig gerechnet, so hätte die Wachstumsrate des Sozialproduktes im selben Zeitraum bestenfalls zwei Prozent betragen. Weder ein Grund, von einem Boom zu reden, noch von einer New Economy. Und nicht der kleinste Grund, Unsinn der anderswo gemacht wird, naiv nachzumachen.

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