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06.01.2003

09:01 Uhr

Finne vor Vierschanzentournee-Sieg

Schweigen im Walde

VonBenedikt Voigt (Handelsblatt)

Janne Ahonen wird wohl niemals zum Publikumsliebling werden. Der Skispringer gehört zwar schon lange zu den besten Vertretern seines Sports, doch an sein letztes Lächeln kann sich kaum jemand erinnern. Auch nach dem Sieg in Innsbruck blieb der Finne seiner Linie treu.

Janne Ahonen staunt selbst nicht schlecht nach seinem Sieg in Innsbruck. Foto: dpa

Janne Ahonen staunt selbst nicht schlecht nach seinem Sieg in Innsbruck. Foto: dpa

INNSBRUCK. Pressekonferenzen nach Sportveranstaltungen sind nicht immer angereichert mit bedeutsamen Aussagen. Sportjournalisten - vor allem jene, die über Fußball berichten - können ein Lied davon singen. Doch auch bei den Skispringern hält sich der Informationsgehalt bisweilen in engen Grenzen. Vor allem dann, wenn Janne Ahonen mit von der Partie ist. Als Sieger des dritten Springens der Vierschanzentournee in Innsbruck saß der Finne am Samstag zwischen dem Zweitplatzierten Florian Liegl und dem Dritten Martin Höllwarth und musste Auskunft geben. Was freilich ein Ding der Unmöglichkeit war, mehr oder minder.

Wie ihm das Springen gefallen habe, wurde Ahonen gefragt. "Das Wetter war wie Sommer", antwortete er. Ob er diese Bedingungen mag, hakte ein Journalist nach. "Warum nicht", entgegnete der Gewinner, der ansonsten das Mikro möglichst schnell an Liegl und Höllwarth weiterreichte. Okay, er sagte noch, dass Bischofshofen seine Lieblingsschanze sei. Und auch, dass 26 Punkte Vorsprung nicht viel seien. Irgendwann aber tat er nur noch das, was er - neben Skispringen - am liebsten tut: Schweigen im Walde, und auch außerhalb.

Zuvor auf der Bergisel-Schanze, als er sich zum entscheidenden Sprung fertig machte, hatte Janne Ahonen noch einmal kurz auf eine Wand aus grauem Spritzbeton geblickt. Ein freundlicher Helfer hatte neben der Anlaufspur eine gelbe Liste mit den Ergebnissen des ersten Durchgangs an die Wand geklebt, und der Finne las sich noch schnell die Platzierungen durch. Ganz oben stand hinter der größten Weite des ersten Durchganges sein Name: 122 Meter, Janne Ahonen.

Ein Anblick, der ganz nach dem Geschmack des 25-Jährigen war. Als Ahonen nach seinem Sprung vor 22 000 Zuschauern durch den Auslauf der Bergisel-Schanze rutschte, beugte er nur kurz das rechte Knie wie ein Fechter beim Ausfallschritt. Das ist seine Art zu jubeln. Durch den zweiten Sprung auf 115,5 Meter hatte er seinen ersten Platz in Innsbruck behauptet. Besser noch: Er steht auch vor dem Gewinn der diesjährigen Vierschanzentournee. Der österreichische Sportdirektor Toni Innauer sagte: "Er muss jetzt selber einen Fehler machen, sonst wird es schwer, ihn noch abzufangen."

In der Gesamtwertung führt der Finne mit 26,7 Punkten vor Sven Hannawald, der nach schwachem ersten und starkem zweiten Sprung noch Tagesrang vier erreicht hatte. Umgerechnet beträgt Ahonens Rückstand vor dem Tourneefinale in Bischofshofen (RTL übertragt das Springen am Montag live ab 13.45 Uhr) bemerkenswerte 15 Meter. Das ist, auch wenn der Finne es anders sieht, ein gewaltiger Vorsprung.

"Janne hat sich peu à peu nach vorne geschoben", sagte Hannawald. "Ich dagegen habe beim ersten Sprung einen entscheidenden Fehler gemacht, da fehlte mir die Lockerheit." Trotzdem war der 28-Jährige erneut bester Deutscher im Tagesklassement. Kollege Martin Schmitt sprang auf Rang neun und war damit zufrieden.

Seinen Fehler beim ersten Sprung, der eine bessere Platzierung kostete, erklärte Hannawald so: "Der eine Ski war noch nicht da, da musste ich ein bisschen warten." Als er schließlich in der Luft lag, hatte er zwar alle seine Skier beisammen, für einen guten Sprung reichte es jedoch nicht mehr. Zu verdreht lag er mit dem Oberkörper in der Luft. Es dürfte dieser Sprung gewesen sein, mit dem er den zweiten Tourneesieg in Folge endgültig verloren hat.

Hannawald wird dennoch alles versuchen, die geringe Chance auf den Gesamtsieg doch noch zu nutzen. In seinem etwas eigentümlichen Jargon klingt das so: "Vielleicht kann ich in Bischofshofen noch einmal zwei Granaten raushauen." Der Sturz von Garmisch-Partenkirchen hatte in Innsbruck im Übrigen keine Auswirkungen mehr. "Die Wade war kein Problem", berichtete Hannawald.

Vor dem Tourneeabschluss heute fällt das Zwischenfazit beim deutschen Team bescheiden aus. Drei Athleten sollten unter die besten 15 in der Gesamtwertung springen, doch das gelang bislang nur Hannawald. Michael Uhrmann (16.), Georg Späth (18.) und Martin Schmitt (21.) liegen weit hinter der Spitzengruppe. Und an eine Wiederholung des Vorjahressieges durch Hannawald glaubt selbst der Bundestrainer nicht mehr so richtig. "Nun ist ja vieles möglich", sagte Reinhard Heß, "aber der Janne ist eigentlich durch."

Die Qualifikation, auf die Hannawald erneut verzichtete, wurde gestern in Bischofshofen übrigens wegen widriger Verhältnisse nach zwei Stunden von der Jury abgebrochen. Im Probedurchgang heute werden nun die 50 Springer für den Wettkampf ermittelt. Somit kommt es beim Abschlussspringen zu keinen K.o.-Duellen.

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