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16.01.2002

19:29 Uhr

Firmen reklamieren Markenrechte

Afilias prüft tausende .info-Adressen

VonSusanne Wesch

Der Streit um die Markennamen als Internet-Adressen mit der neuen Endung .info geht in die nächste Runde. 1580 Anträge auf Überprüfung eingetragener Adressen sind bei Afilias Ltd. eingegangen, 1280 Adressen wurden beanstandet.

DÜSSELDORF. Der Streit um die Markennamen als Internet-Adressen mit der neuen Endung .info geht in die nächste Runde. Insgesamt 1580 Anträge auf Überprüfung eingetragener Adressen sind beim für die Vergabe der Domains zuständigen Konsortium Afilias Ltd. eingegangen, 1280 Adressen wurden beanstandet. Das sagte Roland LaPlante, Marketing-Chef bei Afilias, dem Handelsblatt. "960 dieser Streitfälle sind noch nicht entschieden", fügte er hinzu. 30% der so genannten Herausforderer - Individuen oder Firmen, die die Markenrechte für sich reklamieren - kommen aus Deutschland, 15% der Herausgeforderten - also derjenigen, die die entsprechende Seite besitzen - sind hier beheimatet.

In drei Vierteln der entschiedenen Fälle wechselte die Domain den Besitzer oder ging zurück in den großen Topf freier Adressen. So erkämpfte sich der Autohersteller Porsche die Domain zu seinem Modell 911, www.911.info. Die Adresse war von einer Privatperson registriert worden. Ähnlich ging es dem Softwarekonzern SAP mit www.sap.info. Auch www.bundesregierung.info war schon vergeben, an eine Marketingagentur. Und die Domain www.apple.info, unter der die meisten wohl Nachrichten vom gleichnamigen US-Computerhersteller erwarten, hatte sich der jetzt zum Konkurrenten Hyundai gehörende koreanische Autobauer Kia gesichert. In 22% der Fälle gewann der ursprüngliche Adressinhaber, 2% wurden abgewiesen. Eine Liste aller Entscheidungen steht im Internet auf der Seite der internationalen Schiedsstelle WIPO unter http://arbiter.wipo.int/domains/decisions/index-info.html.

Neue Endungen - so genannte Top Level Domains (TLD) - wie .info, .biz, .coop und .name sollen mehr Platz im Internet schaffen. Vor allem populäre Endungen wie .com, die mehr als 23 Millionen Mal vergeben worden ist, sollten so entlastet werden und einprägsame Namen dann mehrmals verwendbar sein. Die Endung .info, deren Vergabe nicht auf bestimmte Personengruppen beschränkt ist, gilt dabei als wichtigste neue Adresse. "Sie signalisiert, dass dort Informationen und Bildung zu finden sind", sagt LaPlante. "Da will nicht gleich einer was verkaufen." Bis Ende dieses Jahres will er eine Million Info-Adressen registriert haben - ein ausgesprochen niedrig gestecktes Ziel angesichts der Tatsache, dass bereits jetzt 700.000 Adressen registriert sind. Mehr als die Hälfte der Adressen ist in Europa registriert worden, sagt LaPlante. Der Grund: Die Internet-Wirtschaft entwicklete sich hier später als in den USA, so waren viele kurze, einprägsame Namen schon vergeben.

Vergabe von ".biz" läuft auch nicht problemlos

Die TLD .biz, die wie .info im Herst an den Start ging, ist hingegen für Unternehmen reserviert. Auch die Vergabe dieser Adressen läuft nicht problemlos: Der Verwalter Neulevel Inc. ist von Kunden verklagt worden, weil seine Vergabepraxis populärer Adressen wie www.show.biz einer verbotenen Lotterie gleiche. Unter .name sollen Privatpersonen Seiten registrieren - die TLD ist seit dem 14. Januar 2002 am Netz. Nach den Erfahrungen mit Adresshändlern aus der Anfangszeit des Internet, wo Unternehmen mitunter Millionen für ihre Adresse an Privatpersonen gezahlt haben, die bei der Registrierung schneller waren, haben sich die Verwalter der Adressen bemüht, Inhabern von Markennamen diesmal ein Vorrecht einzuräumen. Die Domaingrabber sollten keine Chance kriegen. Afilias hat dazu eine so genannte Sunrise-Periode vor die eigentliche Vergabe der Adressen geschaltet, in der nur Inhaber von Marken Adressen registrieren durften.

Allerdings ist dieses Experiment nicht ganz gelungen - etliche Markeninhaber hatten das Nachsehen. "Etwa 20% der Registrierungen waren unberechtigt, schätzen wir", sagt der deutsche Rechtsanwalt Phillipp Grabensee, der im Aufsichtsrat von Afilias sitzt. Der Grund: Das Unternehmen hat sich zwar die Daten über die Markeneintragung geben lassen, diese aber nicht überprüft. Die Folge: Wer etwa als Registrierungsnummer für seine angebliche Marke dreist ein "unknown" - unbekannt - eingetragen hat, ist in den Auswahlprozess gekommen und hatte somit eine Chance, die Domain zu kriegen. Nur wer ein Feld freigelassen hat, fiel auf und wurde aussortiert.

"Afilias hat ein heilloses Chaos verursacht", wirft der aufs Internet spezialisierte Kölner Rechtsanwalt Burkhard Luhmer vor. Kritiker meinen, wenn sich Afilias die Urkunde über die Eintragung der Marke hätte zeigen lassen, hätten viele dieser Streitfälle vermieden werden können. Für die Markeninhaber besonders ärgerlich: Die beanstandeten Internet-Seiten sind bis zu einer Entscheidung des Challenge-Prozesses blockiert. Und immerhin sind heute, mehr als vier Monate nach Beendigung der Sunrise-Periode, noch 620 Streitfälle offen.

741 "Herausforderungen"

Und das ist noch nicht alles. Jetzt sortiert Afilias die nicht beanstandeten Anmeldungen noch einmal aus. "Wenn wir Ungereimtheiten im Registrierungsantrag finden, übernehmen wir die Rolle des Herausforderers", erläutert LaPlante das zweite Challenge-Verfahren. 741 solcher Herausforderungen gehen am Donnerstag in die elektronische Post, weitere werden folgen. LaPlante rechnet mit tausenden weiteren Fällen. Afilias will auf diese Weise die teilweise scharfe Kritik am Verfahren zum Schweigen bringen. Kriterien dafür sind etwa Ungereimtheiten bei den Nummern und Daten zu den Marken-Eintragungen wie der Eintrag "unknown". "Wir haben Anmeldungen für einen ganzen Schwung angeblicher Markennamen von einer Person, die alle die gleiche Markenzeichen-Nummer haben", sagt Grabensee.

Der österreichische Reiseanbieter Tiscover beantragte gleich 5000 neue Adressen, darunter viele Länder- und Städtenamen, aber auch golf-alpin.info und radtouren.info. So etwas ärgert Leute wie Rainer Redmann, Internet-Koordinator der Stadt Duisburg: "Wo ein Stadtname drauf steht, muss auch ein Stadtname drin sein." Das dachte sich wohl auch die Stadt Frankfurt am Main, die ihre Domain von einem Privatmann erstreiten musste. Afilias-Manager LaPlante stimmt dem zu: Eine Länder-Domain gehört dem Land - www.afghanistan.info wird deshalb bei den 741 Adressen dabei sein, die Afilias jetzt prüft. Bei www.audiobook.info ist der Antragsteller ein Deutscher, der angibt, die Marke sei in Chile eingetragen.

Schwieriger ist allerdings die Überprüfung generischer Begriffe - also der Wörter des Alltags wie Milch, Reisen, Arthritis oder Kalender, hinter denen zunächst niemand eine Marke vermuten würde. Aber auch hier gibt es nicht selten Überraschungen: So ist "expert" eine Marke in Japan für ein Modell des Autobauers Nissan, das gleiche gilt für "Golf" und "sports" in den USA. "Sex ist in Deutschland eine eingetragene Wortmarke", sagt Grabner, der das für einen Klienten überprüft hat. In solchen Fällen checkt Afilias dann, ob der Markeninhaber auch derjenige ist, der die Seite angemeldet hat. "Wenn nicht, ist die Seite wieder frei verfügbar", sagt LaPlante. Dann muss der rechtmäßige Markeninhaber allerdings schnell reagieren, denn inzwischen gilt: Wer zuerst kommt, kriegt die Adresse.

"Wir wollen demnächst eine Liste mit den wieder frei gewordenen Adressen veröffentlichen", kündigt LaPlante an. Die Aussortierung durch Afilias soll Ende März, spätestens Anfang April abgeschlossen sein. Bei vielen Verfahren rechnet er mit einer schnellen Lösung: "Wer eine Adresse mit einem Markennamen zu unrecht angemeldet hat, beantwortet die Herausforderung meist erst gar nicht", sagt der Manager. Denn die Antwort kostet-ebenso wie die Herausforderung - 295$. Wenn nach 20 Tagen Wartezeit keine Antwort eingegangen ist, erhält der Herausforderer die Adresse. Das sei wesentlich rascher als beim regulären Schiedsverfahren, erst recht als bei einer Klage vor Gericht.

Ganz ausräumen lässt sich das Problem allerdings nicht. Denn die neue Adressendung gilt weltweit, wenn also ein und derselbe Name in mehreren Ländern als Marke geschützt ist, kommt wieder das Zufallsprinzip zum Tragen - wen das virtuelle Los trifft, der hat die Adresse. Und Afilias prüft nicht, ob der Markeneintrag berechtigt war - das ist nach wie vor Sache der Gerichte.

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