Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.01.2002

19:00 Uhr

Flaggschiffe der ehemaligen Staatsindustrie organisieren Abwehrfront

Privatisierung auf Wiener Art

VonMatthäus Kattinger

Die Wiener Parteien streiten noch, ob sie die Industrie völlig privatisieren oder dem Staat Sperrminoritäten erhalten. Die Unternehmen handeln schon: Sie suchen sich selbst neue Kernaktionäre.

HB WIEN. Die österreichische Industrie hat eine ganz eigene Spielart der Privatisierung erfunden: Nicht der Staat bietet seine restlichen Firmenbeteiligungen zum Kauf an, die Unternehmensführungen suchen sich einfach selbst ihnen genehme Aktionäre. Die Stahlkonzerne Voestalpine AG, Linz, und Böhler-Uddeholm AG, Wien, haben in den vergangenen Wochen jeweils Sperrminoritäten von gut 25 % ihrer Aktien in "feste private Hände" gegeben. Jetzt wollen sie auch noch die restlichen Staatsanteile nach ihrem Gusto verkaufen. Investmentbanken, die schon lukrative Aufträge gewittert hatten, bleiben außen vor.

Seit Monaten laufen Gewerkschaften Sturm gegen die Pläne der Mitte-Rechts-Regierung, die verbliebenen Staatsanteile an Voestalpine (38 %), an der Öl- und Gasgruppe OMV (35 %), an Böhler-Uddeholm (25 %) und am Anlagenbauer VA Technologie (24 %) komplett zu verkaufen. Arbeitnehmer fürchten ebenso wie die Opposition und auch einige Regierungspolitiker, dass die nur im nationalen Maßstab großen Industriebetriebe als "verlängerte Werkbänke" multinationaler Konzerne enden.

Als warnendes Beispiel dafür gilt die 1986 von dem Reifenhersteller Continental AG, Hannover, übernommene Semperit Reifen AG, deren Stammwerk in Traiskirchen jetzt geschlossen wird. Ähnliche Befürchtungen gibt es für die 2001 an die britische Gallaher-Gruppe verkaufte Austria Tabak.

Befürworter einer vollen Privatisierung warnen hingegen, dass der Privatisierungsagentur ÖIAG für die Rolle des strategischen Partners sowohl Geld als auch Expertise fehlen. Zudem sei das starke Engagement des Staats in der Industrie der Hauptgrund dafür, dass institutionelle Anleger die Wiener Börse meiden. "Wenn die ÖIAG die Aktionärsbasis verbreitern will, dann soll sie die Beteiligungen ausschreiben und sich dabei Beratern bedienen, die den Prozess transparent und im Interesse aller Aktionäre abwickeln", fordert Klaus Requat, Geschäftsführer der österreichischen Investmentbank CA IB Corporate Finance, die bisher bei der Privatisierung der Staatsindustrie die meisten Mandate erhalten hatte.

Als erster suchte sich der im August bei einem Bergunfall verstorbene Vorstandschef der Voestalpine, Peter Strahammer, neue Aktionäre. Er gewann die Hausbanken Raiffeisenlandesbank OÖ und Oberbank dafür, je 6,5 % der Voestalpine-Aktien zu übernehmen, 6 % gingen an die Allianz-Elementar. Eine Mitarbeiter-Stiftung übernahm mit einem Teil der Lohnerhöhung weitere 5 %. Sie will den Anteil laut Strahammer-Nachfolger Franz Struzl bis 2004 auf 10 % aufstocken. Struzl denkt schon weiter: "Wenn sich die ÖIAG auf die Sperrminorität zurückziehen will, könnten wir die 13 % innerhalb eines Monats bei institutionellen Anlegern in Österreich und den USA an den Mann bringen."

Ähnliches gilt für Böhler-Uddeholm. Außer der ÖIAG (25 %) gab es vor wenigen Monaten noch keinen Aktionär mit mehr als 5 %. Doch eine Investorengruppe um einen Wirtschaftsanwalt aus Baden bei Wien kaufte über die Börse 25 % der Böhler-Aktien zusammen. Jetzt fordert das Konsortium, dass ihm die ÖIAG bei einer Privatisierung weitere Anteile zuerst andiene.

"Die neuen privaten Kernaktionäre entsprechen ganz unseren Vorstellungen", freut sich Vorstandschef Claus Raidl. "Sie sind an einem langfristigen Engagement interessiert, wollen Dividende und Wert steigern."

Noch nicht so weit ist die VA Tech. Sie spricht mit dem austro- amerikanischen Industriellen Gerhard Andlinger über einen Einstieg. VA-Tech - Großaktionäre sind die ÖIAG mit 24 % und Voestalpine mit 19 %, der Rest ist in Streubesitz.

Der Öl- und Gaskonzern OMV sieht sich nicht unter Zeitdruck, neue Aktionäre zu finden. Über ein Syndikat gehören 35 % der ÖIAG, die staatliche IPIC aus Abu Dhabi hält 20 %. Daran wird sich wohl erst etwas ändern, wenn der OMV der Einstieg in die polnische PKN Orlen gelingt. Dann will OMV den Polen eine Beteiligung anbieten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×