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14.01.2002

16:31 Uhr

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"Flug in Höhe 0"

VonGeorg Weishaupt

Unermüdlich vermarkten Siemens und Thyssen im Emsland den Transrapid. Dort lassen sie Kunden den Zug testen. Und hoffen doch nur, dass er bald in China fährt.

LATHEN. Sie sehen aus wie die übrigen Urlauber: Sie tragen weite Sommerhosen, dunkle Blousons und haben sich um den Hals einen Fotoapparat gehängt. Nur dass die sechs Herren an diesem trüben Tag nicht zu ihrem Vergnügen nach Lathen ins Emsland gekommen sind. Sie sind geschäftlich hier an der Einstiegsplattform für Testfahrten mit dem Transrapid.

Die Männer gehören zu einer Expertengruppe, die an einer Studie für den Bau der Magnetschnellbahn zwischen den US-Städten Baltimore und Washington arbeitet. Jetzt wollen sie zum ersten Mal mit dem Zug fahren, den sie bislang nur aus Zeichnungen und Videos kennen.

"Ich bin wirklich sehr beeindruckt", verkündet Ernie Baisden wenige Minuten später, als er in den stahlblauen Polstern des Zugs sitzt und die Felder mit 407 Kilometern pro Stunde am Fenster vorbeifliegen. Nicht nur der bärtige Chefingenieur beim Ministerium für Massenverkehrsmittel des Bundesstaates Maryland ist begeistert. "Die Fahrgeräusche sind erstaunlich leise", findet Gerald Jannetti von der US-Beratungsfirma Parsons Brinckerhoff, die an dem Projekt mitarbeitet.

Solche Kommentare hört Manfred Wackers gerne. Der große, schlanke Mann mit der Hornbrille ist Vertriebschef von Transrapid International (TRI) in Berlin. Er ist für das Gemeinschaftsunternehmen von Siemens und Thyssen-Krupp weltweit unterwegs, um die "Hochtechnologie für den Flug in Höhe 0", so der Werbeslogan, zu verkaufen. Bisher allerdings mit geringem Erfolg: In seiner mehr als zwanzigjährigen Transrapid-Karriere ist Wackers dies erst einmal gelungen, und zwar im Frühjahr. China (siehe Text oben) will den Zug auf der 30 Kilometer langen Strecke von Schanghai zum Flughafen einsetzen.

Trotz dieses Erfolgs bleibt das Geschäft zäh. Es laufen weltweit zwar gut ein Dutzend Projekte. Aber von Präsentationen und Studien bis zur Unterschrift unter einen Milliarden-Kaufvertrag vergehen Jahre.

Woran liegt es? "An endlosen politischen Querelen, langwierigen Genehmigungsverfahren, heftigen Diskussionen über die Umweltverträglichkeit und vor allem an den Problemen mit der Finanzierung", erzählt Wackers aus seiner Erfahrung mit dem vor allem in Deutschland umstrittenen Magnetbahnsystem.

Die von Hamburg nach Berlin geplante Strecke wurde vor zwei Jahren gekippt, weil sie sich nicht rechnete. Und die Zukunft der zwei neuen Projekte, des Metrorapids von Dortmund nach Düsseldorf und der Schnellbahn zwischen dem Flughafen und der Stadt München, ist noch völlig offen.

Doch der Auftrag aus China gibt Mister Transrapid wieder Hoffnung. Mehr denn je setzt Wackers alle Hebel in Bewegung, um neue Aufträge für die High-Tech-Bahn an Land zu ziehen. "Fünf bis sieben Millionen Mark" wird er dieses Jahr für Marketing und Vertrieb alleine im Ausland ausgeben. So können sich noch mehr Leute um Kunden kümmern wie die Experten aus den USA.

Die sechs Amerikaner werden während ihres Deutschlandtrips rund um die Uhr betreut. Sie hören Vorträge und diskutieren über die Antriebstechnologie, die Umweltverträglichkeit und die Wirtschaftlichkeit, werden zum Essen eingeladen und gehen zwischendurch auch schon mal zum Shopping.

Aber der Höhepunkt jeder Besuchstour ist die Transrapid Versuchsanlage Emsland. Dort dürfen die Amerikaner gleich mehrere Runden mit dem Zug drehen, die Versuchslabors besuchen und das Gelände besichtigen. Da stehen sie nun im Regen an der dicken Betontrasse und untersuchen die Gleise.

Wackers und sein Team haben reichlich Routine mit Besuchern. Jedes Jahr locken sie 300 bis 500 Experten und Politiker aus aller Welt ins Emsland. Sie laden die Gäste ins historische Gewölbe des Bremer Ratskellers ein und buchen das beste Hotel der Stadt. Und wenn es sein muss, wird sogar ein ICE-Zug in den Provinzbahnhof von Lathen umgeleitet. Rekordverdächtig sind dabei die Abordnungen aus Las Vegas. Schon seit 1982 kommt jedes Jahr eine Gruppe, weil immer neue Politiker für das Projekt zuständig sind. Aber das Werben hat bisher wenig genutzt. Nach wie vor scheitert die geplante Schnellbahn nach Kalifornien am Geld. Auch die vielen Delegationen aus Australien brachten keinen Erfolg. Der Auftrag für den Zug von Canberra nach Sydney ging zunächst an das französische TGV- Konsortium. Einziger Trost: Die Strecke wurde letztlich doch nicht gebaut.

Und so hat Chefverkäufer Wackers wohl einen der frustrierendsten Jobs in der deutschen Industrie. Doch im Konferenzraum der Versuchsanlage gibt er sich ganz als Optimist: "Wenn in China erst mal die erste kommerzielle Magnetbahn in Betrieb ist, wird es für uns leichter."

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