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26.07.2000

08:03 Uhr

Flugschreiber gefunden

Nach Concorde-Absturz werden Angehörige der Opfer in Paris erwartet

Absturzursache war nach ersten Erkenntnissen ein Problem mit dem Triebwerk. Viele Angehörige der 113 Opfer werden in Paris erwartet.

dpa PARIS/NEW YORK. Nach dem verheerenden Absturz eines Concorde-Überschallflugzeuges wird am heutigen (Mittwoch) die Suche nach der Unglücksursache fortgesetzt. Viele Angehörige der 113 Opfer werden zugleich in Paris erwartet. Am Flughafen Charles de Gaulles sollen die Familien der Toten, darunter 96 Deutsche, in einem Notfallzentrum von Psychologen, Ärzten und Krankenschwestern betreut werden. Auf dem Expo-Gelände in Hannover wird es am Vormittag einen ökumenischen Gottesdienst zum Gedenken an die Opfer geben, an dem Bundeskanzler Gerhard Schröder und sein Kabinett teilnehmen wollen.

Den Angehörigen wird es nach Behördenangaben in Paris jedoch nicht erlaubt sein, die Unglückstelle beim Flughafen aufzusuchen. Wegen der schweren Verbrennungen sei es selbst für nahe Verwandte unmöglich, die Leichen zu identifizieren, teilten die Behörden mit.

Zwei Minuten nach seinem Start am Dienstagnachmittag war das Überschallflugzeug, das etwa vier Stunden für den Flug nach New York gebraucht hätte, nahe am Flughafen aufgeschlagen. Absturzursache war nach den ersten Erkenntnissen ein Problem mit dem Triebwerk. Genauere Hinweise werden von der Auswertung der beiden Flugschreiber erwartet, die fünf Stunden nach dem Unglück gefunden wurden. Auf den beiden so genannten "black boxes" sind die technischen Daten des Fluges und die Gespräche im Cockpit gespeichert. Ihre Auswertung könnte bis zu 48 Stunden dauern, berichtete der Zivilluftfahrt-Direktor Pierre Graf.

Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt (SPD) hatte mit französischen Ministern die Absturzstelle aufgesucht, wo sich die Trümmer auf einer Fläche in der Größe eines Fußballfeldes verteilten. Es werde alles getan, um den Angehörigen zu helfen, versicherte er.

Die Passagiere des Unglücksflugzeugs der Air France waren auf dem Weg nach New York. Von dort aus wollten sie auf eine Kreuzfahrt in die Karibik aufbrechen. Flug AF 4590 war von der deutschen Reederei Deilmann gechartert worden. Nach den Angaben der Rederei findet die Kreuzfahrt mit dem Luxusschiff "MS Deutschland" trotz der Katastrophe statt. 33 Reisende waren dabei knapp dem Inferno entgangen. Sie waren vorher auf einer Concorde-Linienmaschine des gleichen Typs in Paris gestartet, weil in dem Charter-Flugzeug kein Platz mehr für sie war.

Unter den 100 Passagieren befanden sich neben den Deutschen auch zwei Dänen, eine Österreicherin und ein Amerikaner. Insgesamt standen 49 Frauen, 48 Männer und drei Kinder auf der Passagierliste. Die deutschen Touristen kamen aus fast allen Landesteilen: Allein 39 Opfer lebten in Nordrhein-Westfalen, elf in Hessen und zehn in Bayern. Die weiteren Reisenden kamen aus Berlin (8), Niedersachsen (8), Hamburg (7), Schleswig-Holstein (7), sowie Mecklenburg- Vorpommern, Baden-Württemberg und Brandenburg (jeweils zwei Tote). Die neun getöteten Besatzungsmitglieder stammten aus Frankreich. Zudem kamen vier Menschen in einem nahe der Unglückstelle gelegenen Hotel um: zwei Polen, eine britische Touristin und eine französische Putzfrau.

Der Absturz ereignete sich am Dienstagnachmittag gegen 16.45 Uhr unmittelbar vor dem Pariser Vorort Gonesse. Augenzeugen berichteten, das linke Triebwerk des Flugzeugs habe unmittelbar nach dem Abheben Feuer gefangen. Das Überschallflugzeug habe in ungewöhnlich niedriger Höhe noch die nahe gelegene Autobahn überquert und sei aus einer Höhe von etwa 50 Metern abgestürzt. Dabei fiel es teilweise auf das Hotel.

Air-France-Chef Jean-Cyril Spinetta sagte, der Absturz gehe wahrscheinlich auf ein Problem mit dem Triebwerk zurück. Risse an den Tragflächen habe die Unglücksmaschine nicht gehabt. Am Vortag war von Rissen an vier der sechs Maschinen der französischen Concorde-Flotte berichtet worden. Die abgestürzte Maschine sei aber erst am 21. Juli umfassend gewartet worden. Die Piloten hätten eine Erfahrung von mehr als 10 000 Flugstunden gehabt, der Co-Pilot war Concorde-Ausbilder.

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