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27.06.2000

19:20 Uhr

Flut von Neuemissionen belastet Banken

Einsame Aktie sucht Analysten

VonSVENJA WILKE

Viele Analysten fühlen sich überlastet, weil immer mehr Unternehmen um ihre Aufmerksamkeit buhlen. Denn für eine Aktie ist es enorm wichtig, beobachtet zu werden. Andernfalls versinkt sie in der Bedeutungslosigkeit. Ohne Nachrichten und Empfehlungen wenden sich die Investoren von ihr ab.

HB DÜSSELDORF. Sie ist ideenreich und aktiv, hat eine große Zukunft vor sich und das nötige Kleingeld schon in der Tasche. Immer mehr Unternehmen müssen ihre Aktie so vollmundig anpreisen, um sie unter die Haube zu bringen. Oder genauer: Für sie einen Platz in den Coverage-Listen der Banken und Wertpapierhäuser zu bekommen. Denn Analysten haben inzwischen bei den Werten, die sie verfolgen und für die sie Empfehlungen herausgeben, die Qual der Wahl. Die vielen Neuemissionen haben den Markt unübersichtlich gemacht; die Kapazitäten reichen nicht mehr aus, um alle Werte zu covern.

Doch von Analysten beobachtet zu werden, ist für die Entwicklung des Aktienkurses immens wichtig: "Sonst herrscht tote Hose. Die Aktie wird beiseite gelegt, weil der News-Flow fehlt. Der Kurs sinkt schließlich", erklärt Gerhard Grebe, Chef-Stratege beim Bankhaus Julius Bär. Die Privatbank reagiert auf die Schwemme von neuen Titeln mit einer Umstrukturierung. Bisher werden rund 20 Werte am Neuen Markt verfolgt. "Ende des Sommers sollen es 50 bis 60 sein", lautet Grebes Ziel. Im Gegenzug würden dafür die Hälfte der gelisteten M-Dax-Werte fallen gelassen, vor allem aus dem Textil- und Konsumbereich.

Bereits rausgefallen sind beim Bankhaus Julius Bär der Haushaltswarenhersteller WMF und Alno-Küchen. WMF-Pressesprecher Jürgen Vogler nimmt die Nachricht gelassen hin: "Der Neue Markt steht nun mal im Vordergrund, aber wenn die ersten Unternehmen wieder ausscheiden, wird sich die Lage normalisieren."

Dabei erwirtschaftete die WMF AG im vergangenen Jahr einen Gewinn von 13,6 Mill. Euro, der Umsatz belief sich auf knap 410 Mill. Euro - Zahlen von denen viele Wachstumswerte noch weit entfernt sind. Vom Potenzial des Unternehmens will Vogler nun abtrünnige Analysten bei zusätzlich geplanten Konferenzen überzeugen: "Wir müssen unsere Stärken mehr herausstellen. Schließlich wird es immer schwieriger bei der Vielzahl von Meldungen, Aufmerksamkeit zu bekommen."

Der Analyst Roland Zänder sieht bei soliden Titeln, die nicht gecovert werden, sogar eine Gelegenheit zum günstigen Einstieg: "Diese Werte sind meist günstiger bewertet." Doch auf Entscheidungshilfen von Analysten muss der Anleger dabei verzichten, als Preis für die Unterbewertung. "Solche Aktien werden daher von den Investoren gemieden."

Auswahlkriterien sind für Banken vor allem die Höhe der Marktkapitalisierung und das Geschäftsmodell eines Unternehmens, zu letzterem gehören beispielsweise die Wachstumserwartungen und die Qualität des Managements. "Wir überprüfen auch, was zum Wissen der Analysten passt", erklärt Zänder von der BHF-Bank. Aus verwandten Werten würden dann Pools gebildet, ein erfahrener Analyst könne so zehn bis 15 Aktien verfolgen.

Dschungelbuch für Branchenexperten



Das Bankhaus HSBC Trinkaus hat eigens ein Strategiepapier mit dem Titel "Wege durch den Dschungel" entwickelt. In ihm wird erklärt, wie das Anlage-Universum eingegrenzt wird. "Bei der Branchenauswahl konzentrieren wir uns auf das zentrale Thema Wachstum", heißt es. Dazu gehören unter anderem der IT-Bereich, Maschinenbau, Medien, Finanzdienstleistungen und Pharma. Die notwendige Größe hat ein Unternehmen nach den Maßstäben von HSBC Trinkaus erfüllt, wenn es im Nemax-50 eine Marktkapitalisierung von rund 300 Mill. Euro erreicht, bei M-Dax-Titeln sind es 280 Mill. Euro. Insgesamt deckt das Bankhaus so ein Anlageuniversum von 130 Aktien ab.

Die DG Bank verfolgt sogar 300 Werte, davon rund 100 am Neuen Markt. "Das werden so schnell mehr, dass man selbst nicht mehr den genauen Stand aus dem Stehgreif kennt", sagt Lothar Weniger, Leiter der Aktienanalyse bei der DG-Bank.
Durch das Raster der Analysten fallen auch Unternehmen am Neuen Markt, die den Sprung in die Listen erst gar nicht schaffen. Ein Beispiel dafür ist die Euromed AG, die ein High-Tech-Kliniksystem für Privatpatienten und Selbstzahler entwickelt hat: Kein einziges renommiertes Bankhaus hat für den Wert in den vergangenen 12 Monaten eine Empfehlung ausgesprochen. Der Kurs liegt bei unter fünf Euro, seit Jahresanfang hat die Aktie 20 % an Wert verloren.

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