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21.03.2003

10:33 Uhr

Formel 1 in Malaysia durch Irak-Krieg nicht gefährdet

Ein Rennen mit Abfangjägern

VonElmar Brümmer (Sepang)

Der Neu-Start der Formel 1 in Australien hat eine Menge Ausrufezeichen gesetzt, aber am Ende auch weit mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben. Weshalb Malaysia an diesem Wochenende einen großen Preis der großen Fragezeichen erlebt.

SEPANG. Die lange Liste, die es auf der Strecke von Sepang abzuarbeiten gilt, wird seit gestern Morgen um eine weitere Ungewissheit ergänzt: Auch das weltweite Reise- und Prestigeunternehmen Formel 1 ist vom Irak-Krieg eingeholt worden, als bedeutendste weltweite Sport-Veranstaltung, die derzeit läuft.

Die offizielle Linie heißt "business as usual". An eine Absage denkt der Veranstalter, der am Sonntag 100 000 Zuschauer in Sepang erwartet, nicht. Weltmeister Michael Schumacher steht stellvertretend für den Zwiespalt des fahrenden Personals - einerseits will er beweisen, dass mehr in ihm und seinem Ferrari steckt als der vierte Platz beim Saisonauftakt, andererseits blickt er weit über den Rückspiegel hinaus: "Wir verschließen nicht die Augen davor, was im Irak passiert. Der Krieg berührt auch uns."

In seiner ohnmächtigen Betroffenheit unterscheidet er sich keinen Deut von allen anderen, die diese Attacke nicht befürworten: "Es wird uns alle bedrücken, es wird uns alle mitnehmen, jeder hat wohl auf seine Weise gehofft, dass es nicht passiert, aber deshalb alles stehen und liegen zu lassen - ich glaube nicht, dass das irgendjemandem helfen würde."

Kaum war er vom Podium der Pressekonferenz gestiegen, meldete CNN den ersten Bombenangriff. Gleichzeitig stiegen über der Rennstrecke, nur einen Steinwurf vom internationalen Flughafen entfernt, vier Abfangjäger der malaysischen Luftwaffe auf und drehten ihre Runden. Eine Übung für die am Renntag üblichen Überflüge oder eine Demonstration für die Sicherheitsgarantie, die die Regierung des Vielvölkerstaates allen Ausländern im Land gegeben hat?

Rest-Unwohlsein bleibt

Es ist nicht wirklich Angst zu spüren im Fahrerlager der Formel 1, aber die notwendige Rückkehr zur Professionalismus kann das allgemeine Rest-Unwohlsein nicht völlig übertünchen. "Es ist eine kritische Situation", sagt BMW-Motorsportdirektor Mario Theissen. "Wir versuchen Sport und Politik zu trennen, soweit es zu trennen ist - und hoffen, dass diese Region nicht betroffen wird." Terrorakte sind gerade in einem Land, in dem 53 Prozent der Menschen Muslime sind, nicht auszuschließen. Angeblich soll es Drohungen gegen die Twin-Towers in Kuala Lumpur gegeben haben.

"Es ist eine Frage der Mentalität", sagt Schumacher auf die Frage nach einem Startverzicht. Das Tiger Woods seine Teilnahme am Golf-Turnier in Dubai unlängst abgesagt hatte, hält der Sprecher der Fahrergewerkschaft nicht für vergleichbar: "Das war die Entscheidung eines Einzelnen. In der Formel 1 ist man in eine viel größere Struktur eingebettet." Die meisten Piloten sind vielleicht sogar ganz froh, dass sie von den Offiziellen gar nicht vor die Frage gestellt wurden, ob sie unter den veränderten Umständen fahren wollen - beschwert hat sich keiner.

Aber wie sieht?s unter dem Visier aus? Bange machen darf nicht gelten, wenngleich Schumacher nach dem Attentat vom 11. September 2001 eine Absage bei den unmittelbar danach ausgetragenen Großen Preisen von Italien und der USA erwogen hatte, und dann absichtlich nicht unter die ersten Drei gefahren war, um sich die Podiumszeremonie zu ersparen. Diesmal ist das kein Thema. Schumacher fühlt sich in Malaysia zudem keineswegs in Gefahr: "Ich denke, es ist alles unter Kontrolle. Nicht nur für uns, sondern auch für die Zuschauer. Es ist nicht an uns, über eine Absage zu entscheiden, wir sind offensichtlich ein kleines Glied in dieser Kette. Max Mosley könnte das."

Irak-Krieg Hauptthema der Formel 1

Doch der Präsident des Automobilverbandes Fia hat zum zweiten Mal in Folge einen angekündigten Grand- Prix-Besuch abgesagt. Diesmal, weil das Abendessen, zu dem Malaysias scheidender Regierungschef Mahathir Mohamad eingeladen hatte, abgesagt wurde. Damit war auch die Pressekonferenz, bei der Mosley über die Regelreform sprechen wollte, hinfällig. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum neuen Reglement gab es daraufhin schriftlich. Der vor Ort am meisten diskutierte Punkt wurde nicht direkt angesprochen, aber indirekt: "Ich denke, wir sollten jetzt mit dem Rennsport fortfahren. Meine Anwesenheit in Sepang würde von dem ablenken, was wirklich zählt auf der Strecke."

Keine Frage, dass die anderen Diskussionsthemen, die die Formel 1 derzeit beschäftigen, vergleichsweise unwichtig erscheinen. Friedliche Lösungen sind aber auch hier nicht in Sicht. Vermarkter Bernie Ecclestone sieht laut "Auto, Motor und Sport" im Machtkampf mit den Automobilherstellern nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Spaltung in zwei Serien nach Ablauf des bis Ende 2007 geltenden Vertrages mit den Teams oder eine Einigung zwischen ihm, Rennställen und Konzernen über ein neues Vertragswerk, das bis 2020 gelten soll - mit höherer Gewinnausschüttung.

Angeblich plant die Vereinigung Grand Prix World Championship aber schon für 2005 eine eigene Serie. Konkreter ist schon der Zeitplan, der für mögliche Modifikationen des neuen Regelwerks gefasst wurde: Am 9. April treffen sich die Cheftechniker der Teams mit dem Fia-Delegierten Charlie Whiting, zwei Tage später sind die Teamchefs zu einer Diskussion geladen. Etwaige Änderungen für die am 20. April beginnende Europasaison bedürfen jedoch der Einstimmigkeit.

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