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04.06.2000

19:00 Uhr

Formel 1 in Monte Carlo lockt Pauschaltouristen und wirklich Wichtige

Formel 1: Unverschämte Schönheiten, schöne Unverschämtheiten

VonELMAR BRÜMMER

Es ist meist das bürgerliche Bodenpersonal, das mit Bus und Bahn anreist. Der Jetset hingegen nutzt Concorde und Hub- schrauber. Wenn die Formel 1 in Monte Carlo gastiert, gibt es immerhin das parfümierte Wasser der Kehrmaschine gratis. Und ein Sitten- und Unsittengemälde der ganz besonderen Art.

MONTE CARLO. Genau vor dem Schaukasten der Fremdenlegion im Bahnhof von Nizza knallt der junge Mann seine Sporttasche auf den Boden. Wie lang seine Reise gewesen muss, lässt sich an der Anzahl der Ringe unter seinen Augen ablesen. Mit den hellbraunen Söldnerkappen in der Vitrine hat er nichts am Hut. Zielstrebig befördert er den wichtigsten Bestandteil seiner Uniform für das Wochenende hervor: eine knallrote Schumi-Mütze. Ein untrügliches Signal: Der Zug mit den deutschen Formel-1-Fans ist da.

Grob geschätzt dürfte ein Viertel der 100 000 Zuschauer, die das Fürstentum für ein Formel-1-Königreich halten, Deutsch sprechen. Auch wenn sie mehr die fliegenden Händler als die ortsansässigen Juweliere frequentieren, sind sie bei den Monegassen beliebter als die Russen, die sonst die Herrschaft übernommen haben. Das PS-Monopoly ist ein Gesellschaftsspiel, bei dem der Jetset aufs bürgerliche Bodenpersonal trifft. Männer, Mädchen und Motoren - wenn dieser Mythos noch irgendwo Bestand hat, dann hier. Und er wirkt. Allein 1,5 Mrd Menschen sitzen auf der ganzen Welt vor dem Fernseher. Im Steuerparadies kann sich jeder seinen Status kaufen. Die Arrangements der 20 Spezialreiseveranstalter passen sich nahezu jeder Geldbörse an. Schon die TUI-Pauschalreisenden auf der MS Arkona (die Kabine von 5 500 Mark an aufwärts), die vor Monaco geankert hat, dürfen sich erhaben fühlen über jene, die für zwei Tage Rennvergnügen ebenso lange im Bus gesessen sind, für 495 DM. Von ganz oben herab blicken wiederum diejenigen, die per Concorde nach Nizza gejettet sind und die letzte Etappe im Helikopter absolviert haben (Preis nach Vereinbarung). Jene, die sich sogar im Paddock Club aufhalten dürfen, müssen wirklich wichtig sein - zumindest für eines der Teams. Denn im Gegensatz zu allen anderen Rennen, wo das exklusive Häppchen-Dasein im Fahrerlager für rund 5 000 Mark für jedermann zu haben ist, kommen die VIP-Tickets in Monaco erst gar nicht in den freien Verkauf. Wenn die Lebedame Formel 1 an der Cote d'Azur zur Sommerfrische absteigt, sind die Verhältnisse klar: Die Formel 1 braucht Monte Carlo - und Monte Carlo braucht die Formel 1. Der Glamour des einen strahlt auf den anderen. Es ist ein gegenseitiges Geben (und vor allem Nehmen). Angeblich soll an den Grand-Prix-Tagen im Zwergstaat eine Viertelmilliarde Mark umgesetzt werden. Kein Wunder, das Prinz Albert das Rennen so einschätzt: "Auf einer Skala von eins bis zehn würde ich eine Zwölf geben." Monaco ist wie Wimbledon. Nicht immer wird der beste Sport geboten, die Faszination entwickelt sich aus dem Ambiente. Eine Schein-Welt, in doppeltem Sinne. Den Zwiespalt gibt es umsonst. Unverschämte Schönheit, entsprechend schön sind die Unverschämtheiten. Monaco, ein Sitten- und Unsittengemälde. Jeder darf so sein, wie er gern möchte. Die meisten möchten gern. Jaguar beispielsweise hält in dieser Saison die Pole-Position bei den Marketing-Ausgaben: 600 Gäste werden bewirtet. Ein Logenplatz auf den Hotelterrassen schlägt mit bis zu 15 000 Mark zu Buche. Wer sich auf einem privaten Balkon vergnügen will, ist ab 2 500 Mark dabei. Die Besitzer haben ihre Wohnung vorübergehend verlassen. Auch für sie ein gutes Geschäft: Mit dem Erlös finanziert mancher die Miete für ein halbes Jahr. Enrico Bertaggia, der mehrere Terrassen vermarktet, weiß, warum so viele Firmen - so auch die Deutsche Bank - sich einmieten: "In dieser Atmosphäre lassen sich gute Geschäfte machen." Hasso Plattner, Mitbegründer der Software-Schmiede SAP wird das bestätigen. Im piekfeinen Yacht Club serviert er über Hummern die Nachricht, dass sein Unternehmen Titelsponsor des Formel-1-Laufs in Indianapolis wird. Verrücktes Monte Carlo, verrückt sein nach Monte Carlo. Pünktlich zum Großen Preis und passend zur Kundschaft wurde der Bahnhof tiefer gelegt. Wenn die letzten Besucher zurück in die Vorortquartiere ruckeln, wischt eine Kehrmaschine nass auf. Sie versprüht dabei parfümiertes Wasser. Der Duft der großen weiten Welt. Und sogar gratis.

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