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25.01.2002

06:00 Uhr

Forscher verharren in der Warteposition

Wissenschaftler kritisieren Zickzack-Kurs der Politik

VonCatrin Bialek

Ob in Forschungsinstituten oder in Biotech-Firmen, deutsche Wissenschaftler fühlen sich ausgebremst. Die Politik, so der Vorwurf, habe ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Die von Berlin geplante Novellierung des Gentechnik-Gesetzes sorgt für Verstimmung.

HB DÜSSELDORF. "Wenn die Regierung mit ihrer Wackelpolitik so weitermacht, sehe ich die Gefahr, dass hervorragende deutsche Wissenschaftler ins Ausland abwandern werden", warnt Jens Katzek, Geschäftsführer der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie (DIB), deren Mitgliedsunternehmen vor allem in der grünen Gentechnik tätig sind. Erstes Indiz: Einige Biotech- und Saatgutfirmen haben bereits angekündigt, die Forschung mit gentechnisch veränderten Pflanzen auf Grund der unsicheren Rechtslage nach Nordamerika zu verlagern.

Dabei sind sich Vertreter der grünen wie auch der roten Gentechnik einig, dass sich die Grundstimmung in Deutschland - im Gegensatz zum restriktiven Kurs in der Gentechnik in den 70er- und 80er-Jahren - wesentlich verbessert hat. "Die Situation für die deutsche Genforschung ist nicht so schlecht", sagt etwa Detlev Ganten, Vorsitzender der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren. Es sei deutlich erkennbar, dass die rot-grüne Bundesregierung die Biotechnologie fördern wolle. So seien beispielsweise die Finanzmittel für das nationale Genomprojekt kräftig erhöht worden.

Diese positive Grundeinschätzung teilt auch Katzek: Programme wie Bio-Regio und dessen Nachfolgeprogramm Bio-Profile aus dem Bundesforschungsministerium hätten der Branche starken Aufwind gegeben, meint er. Hinter dieser optimistischen Grundeinstellung steht allerdings ein dickes "Aber". Katzek klagt über eine "Ambivalenz der Politik": Auf der einen Seite wolle sie die Biotechnologie fördern, auf der anderen Seite schaffe sie in vielen Bereichen nicht die nötigen Rahmenbedingungen und verhindere die Vermarktung, sagt Katzek.

Bislang unsichere Rechtslage

"Ein hohes Maß an Unsicherheit" sieht denn auch der Helmholtz-Vorsitzende Ganten in Deutschland. Immer lauter wird daher der Ruf nach Klarstellungen in der bislang unsicheren Rechtslage. Dazu zählt zum Beispiel die Frage der Freilandversuche für gentechnisch veränderte Organismen (GVO). Die mangelnde Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber der grünen Gentechnik und vor allem die widersprüchliche Politik hätten dazu geführt, dass die Forscher verunsichert und die Zahl der Freilandversuche rapide gesunken seien, klagt Katzek.

Strittig ist, ob die Übertragung minimaler Spuren von gentechnisch veränderten Pflanzen auf benachbartes herkömmliches Saatgut toleriert werden kann. Bundesverbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne/Bündnis 90) beharrt bislang auf einen Nullwert. Die Wirtschaft fordert hingegen einen Schwellenwert von einigen Prozentpunkten, da ihrer Ansicht nach eine gewisse Verunreinigung durch Pollenflug nicht auszuschließen ist. Die Weigerung der Politik, einen praktikablen Schwellenwert zu akzeptieren, habe zu der Reduktion der Freilandversuche geführt, sagt Katzek.

Die Wirtschaft hofft nun auf die Umsetzung der wegen der BSE-Krise gestoppten Initiative von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Danach war ein großflächiger Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen geplant, der mit einem aufwendigen Monitoring begleitet werden sollte.

Im Herbst sollen aus dem Hause Künast Vorschläge für eine Wiederaufnahme der Gespräche vorgelegt werden. Darüber hinaus sorgt eine von der Bundesregierung geplante Novellierung des Gentechnikgesetzes in der Biotech-Branche für Verstimmung. Danach sollen künftig Forschungsarbeiten der niedrigsten Sicherheitsstufe eins, worunter die meisten Arbeiten fallen, den Behörden angemeldet werden.

Bislang gilt nach einer Richtlinie der Europäischen Union lediglich eine Anzeigepflicht - ohne zusätzliche umfangreiche Dokumentationen. In Deutschland wären nach Angaben Katzeks rund 3 000 Labore von dieser Veränderung betroffen. "Und das nur aus Gründen der politischen Opportunität, weil die SPD den Grünen entgegenkommen will", sagt Katzek.

Offene Frage der Biopatente

Ein weiteres Hindernis ist für viele Forscher die noch immer offene Frage der Biopatente. Denn die Koalition schreckt davor zurück, eine entsprechende EU-Richtlinie umzusetzen. "Gerade für kleine Unternehmen sind die Patente sehr wichtig", meint Katzek. Sie könnten oftmals die Produktentwicklung nicht alleine bewältigen, sondern müssten mit Großunternehmen kooperieren.

Helmholtz-Vorsitzender Ganten fordert außerdem eine "zügige Entscheidung" zur Forschung mit embryonalen Stammzellen. Die Wissenschaftler sollen nach dem Willen der Bundesregierung zunächst die Empfehlung des nationalen Ethikrates abwarten, die in diesem Herbst erwartet wird. Erst danach will die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) über einen Antrag der Bonner Wissenschaftler Oliver Brüstle und Otmar Wiestler entscheiden, die embryonale Stammzellen für Forschungszwecke nach Deutschland importieren wollen.

"Wir müssen unbedingt Zugang zu Stammzelllinien bekommen", fordert Ganten. Nach seiner Vorstellung sollte sich langfristig ein internationales Konsortium bilden, das die Forschungsziele festlegt, damit Stammzellen nicht verschwendet werden.

Die unklare Rechtslage in Deutschland führe letztendlich dazu, dass sich immer weniger Unternehmen im Bereich der grünen Gentechnik gründen würden, meint Katzek. Dabei verzeichnete die Biotech-Branche bislang enorme Wachstumszahlen: Seit Anfang der 90er-Jahre entstanden hier zu Lande 332 Firmen, die insgesamt mehr als 10 000 Arbeitsplätze schufen.

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