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05.02.2001

10:49 Uhr

Frankfurter Gespräch

Analysten wollen die Anleger stärker in die Pflicht nehmen

VonAnke Rezmer und Felix Schönauer (Handelsblatt)

Interessenkonflikte bestehen zwischen den Research-Berichten der Analysten und Kundenbeziehungen ihrer Arbeitgeber - darüber waren sich Analysten und Anlegerschützer beim Frankfurter Gespräch des Handelsblatts einig. Doch sehen sie unterschiedliche Wege, die Konflikte aus dem Weg zu räumen.

5.2.2001 FRANKFURT/M. Die Analysten wehren sich: Im Zuge des Kursdebakels am Neuen Markt der vergangenen Monate in die Kritik geraten, werfen die Bankprofis den Ball nun zu den Anlegern zurück. "Will man den Endkunden schützen, müsste man bei seiner Bildung ansetzen und seine Gier bremsen", sagt Christoph Bruns, Leiter des Aktienfondsmanagements beim Fondshaus Union Investment, beim Frankfurter Gespräch in der Handelsblatt-Redaktion. Allerdings sei das, was den Privatanleger vermittelt werde, oft zu plakativ, nimmt Bernd Meyer, Aktienstratege Europa bei Deutsche Bank Research, Private in Schutz. Aber auch wenn sie alles lesen würden, verstünden sie nicht alles, schränkt er ein: "Wir arbeiten für institutionelle Investoren."

Für Ulrich Hocker, den Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für den Wertpapierbesitz, ist das zu kurz gesprungen. "Die Analysten sind nicht mehr nur Dienstleister für Profis", meint er. Mittlerweile transportierten die Medien die Analysen genauso schnell an Privatanleger, deshalb könnten sich die Profis nicht mehr auf solche eine Position zurückziehen. Die Anleger müssen sich nur über eins im Klaren sein, sagt Markus Rausch, Leiter des Deutschland-Research bei der Deutschen Bank: "An die breite Öffentlichkeit gehen die Berichte mindestens einen halben Tag später, als an institutionelle Investoren." Dadurch könnten Profis schneller reagieren. Ein vernünftiger Anleger wisse zwar, dass der Aktienmarkt mit Risiken behaftet sei, sagt Hocker. Was er aber brauche, sei Vertrauen. "Das ist aber in den vergangenen Monaten verloren gegangen." Der Ehrenkodex der Analystenvereinigung Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) reiche deshalb nicht mehr aus (Handelsblatt, 31.1.). Es fehle eine Regelung, die breiter aufgestellt sei.

Ulrike Diehl, Geschäftsführerin der DVFA, hält dagegen den seit fünf Jahren bestehenden Ehrenkodex ihres Verbandes für ausreichend. Laut Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel gebe es kein Strafverfahren wegen schlechter Prognosen gegen Analysten. Auch habe die DVFA noch keinen Anlass gesehen, Mitglieder auszuschließen, berichtet Diehl. "Wenn Anleger Marktgurus verfallen, müssen sie mit den Konsequenzen leben", folgert sie. Allerdings spricht ihrer Ansicht nach auch nichts gegen einen auf bundespolitischer Ebene verankerten Kodex.

Das Thema Interessenkonflikte schätzen die Beteiligten unterschiedlich ein: "In einem Kodex müssen auch Sorgfaltspflicht und Interessenkonflikte geregelt sein", fordert Hocker. Dagegen sagt Stefan Winter, Vorstandsmitglied bei UBS Warburg: "Jede Investmentbank, die seriös arbeitet, kann Interessenkonflikte ausschließen." Wenn ein Analyst über ein Unternehmen schreibt, sei er erstens nicht in das Corporate Finance eingebunden. Zweitens lebe ein Broker von den institutionellen Kunden, die ihm seine Umsätze brächten. "Es gibt keine Gefälligkeitsgutachten", betont er. Nur wer mit dem Research zufrieden sei, zahle, indem er über die Investmentbank Kauf- und Verkaufaufträge abwickle, erläutert Winter. Auch Bruns sieht die Lösung der systembedingt vorhandenen Interessenkonflikte darin, sie zu kanalisieren: "Wer uns nutzt, bekommt unser Geld."

In der täglichen Arbeit, für die Union-Fondsmanager im übr igen viel externes Research analysierten, diskutiert Bruns am liebsten mit Vertretern einer gegensätzlichen Meinung, um sein eigenes Urteil zu überprüfen. Mit den jeweiligen Konsortialführern von Neuemissionen brauche man nicht zu sprechen, da sie abhängig seien. Meyer bestätigt: "Analysten kleiner Häuser sind oft unabhängiger, weil sie nicht die Chance zu großen Deals haben."

Die Analysten und der Ehrenkodex

Margareta Wolf war noch keine zwei Wochen im Amt, da machte die neue Staatssekretärin von Wirtschaftsminister Werner Müller schon von sich reden. Ende Januar forderte sie in einem Gespräch mit dem Handelsblatt "verbindliche Kriterien für die Unabhängigkeit von Analysten". Damit wurde die seit dem drastischen Kursrückgang am Neuen Markt schwelende Diskussion um die Verantwortung der Analysten und mögliche Interessenkonflikte der professionellen Marktbeobachter auf die politische Ebene gehoben.

Verbraucherschützer begrüßten die Initiative, doch beim Verband der Analystenzunft stieß sie sauer auf: Von der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) verlautete, es gebe bereits seit mehreren Jahren einen Ehrenkodex; ähnliche Statements kamen vom Bundesverband Deutscher Banken. In einem Spitzengespräch mit Anlegerschützern, Verbänden, Wissenschaftlern und Politikern vereinbarte man schließlich, ein unabhängiges Gremium einzusetzen, das einen Ehrenkodex erarbeiten soll. Im Gespräch ist auch eine Art "Gütesiegel" für Analysten, das nur bei Zustimmung der Analysten zu dem künftigen Ehrenkodex verliehen wird. Ein unabhängiges Gremium soll die Einhaltung der Standards überwachen.

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