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07.01.2003

09:30 Uhr

Frankreich

Aus sieben mach acht

VonChristoph Neßhöver , Andreas Bohne, Handelsblatt

Ein Gericht entscheidet über den neuen Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Es geht um Bilanzfälschung bei Crédit Lyonnais. Sprechen die Richter Jean-Claude Trichet frei, wird er wahrscheinlich Wim Duisenbergs Nachfolger. Verurteilen sie Trichet, ist seine Karriere beendet.

Paris, Justizpalast, kurz nach 14 Uhr. Ein ganzer Pulk Fotografen und Kameraleute packt Objektive, Stative und Mikrofone zusammen. Jean-Claude Trichet, 60, der Gouverneur der Banque de France, ist nicht gekommen. Er wollte keine Bilder davon, wie er als Angeklagter die berüchtigten 44 Stufen zum Pariser Justizpalast heraufsteigt. Also ist er durch einen Hintereingang in den Prozesssaal geschlichen.

Der Mann hat Großes vor. Er will im Juli Wim Duisenberg als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) ablösen. Sein Staatspräsident Jacques Chirac unterstützt ihn, auch die Stimmen der anderen Regierungschefs hat er so gut wie sicher. Aber da ist noch der Prozess. In einer auf sechs Wochen angesetzten Gerichtsverhandlung muss Richter Olivier Perusset entscheiden, ob Trichet 1992 und 1993 die Bilanz der früher staatlichen Bank Crédit Lyonnais gefälscht hat. Wird der Zentralbankchef freigesprochen, ist der Weg für ihn frei. Bleibt etwas an ihm hängen, sind seine Pläne gestorben.

Neben Trichet sitzen auf der Anklagebank Jean-Yves Haberer, von 1988 bis 1993 Chef der Skandalbank, der damalige Zentralbankchef Jacques de Larosière de Champfeu und sechs ihrer früheren Mitarbeiter. Ermittlungsrichter Philippe Courroye wirft ihnen vor, sie hätten die bedrohlichen Verluste der damals größten Bank Europas verschleiert. Der gute Ruf des Finanzplatzes Paris stand auf dem Spiel. So steht es im Ermittlungsbericht der Staatsanwälte, der dem Handelsblatt vorliegt.

Trichet war damals Direktor des Schatzamtes, das die Beteiligungen des französischen Staats verwaltet. Damit fungierte er als Bindeglied zwischen dem Management der Staatsbank und der sozialistisch geführten Regierung. Aber ist er auch mitschuldig?

Jean-Claude Trichet gibt sich am ersten Prozesstag unbeteiligt. Schon vor seinen acht Mitangeklagten sitzt er im Saal, abgeschottet von den Objektiven der Kameraleute. Das Gesicht versteinert, den Kopf auf die Hand gestützt, die Augen nach oben auf die vergoldete Holzvertäfelung gerichtet, lässt er die erregten Diskussionen der Anwälte über sich ergehen.

Ein bisschen ist es wie immer: Frankreichs Notenbankchef zeigt in der Affäre bisher jene kühle Kontrolle, die den erfahrenen Notenbanker auszeichnet. "Sie wissen doch, dass ich zu derartigen Dingen grundsätzlich nichts sage", antwortet er seit Jahren gleich auf die Frage nach der Skandalbank - in Pressekonferenzen genauso wie in Hintergrundgesprächen im Palais der Banque de France in Paris.

Nur unter vier Augen lässt er bei der Antwort schon mal ein komplizenhaftes Lächeln aufblitzen. Und bei einem zufälligen Treffen im Louvre deutet Trichet schon bei den einleitenden Höflichkeiten gereizt an, mit welchem Thema man die anwesenden Ehefrauen bitte nicht belasten solle.

Ähnlich wie für Trichet heute ging es für Crédit Lyonnais im März 1993 um alles: Kurz bevor der Verwaltungsrat der Bank die Bilanz für 1992 verabschieden sollte, zeigten Schätzungen, dass sie kaum solide ausfallen würde. Die Mindestdeckungsrate der Bank - das "Cooke-Ratio" genannte Verhältnis von Eigenkapital zu Risikoinvestments - drohte unter den im Geldgewerbe geforderten Mindestwert von acht Prozent zu sinken. Zentralbankchef de Larosière hielt das für nicht akzeptabel, glaubt die Staatsanwaltschaft heute. Er "teilte Crédit Lyonnais mit, dass er eine Mindestdeckungsrate von über acht Prozent wünschte".

Es begannen hektische Verhandlungen zwischen der von de Larosière geführten Bankaufsicht und Crédit Lyonnais, wie sich aus der Sieben noch eine Acht vor dem Komma der Cooke-Ratio machen lasse. Bankboss Haberer verlangte von Larosière "Interpretationsmargen", um Abschreibungen etwa auf die US-Filmfirma Metro Goldwyn Mayer zu strecken und so die Verluste zu minimieren. Schließlich stimmte de Larosière zu. Am 26. März 1993 beschloss der Verwaltungsrat der Bank die Bilanz für 1992: Der Verlust lag bei umgerechnet 270 Millionen Euro, die Cooke-Ratio bei 8,2 Prozent - aus der Sieben ist eine Acht geworden.

Ohne Trichets Zutun? Seine Anwälte geben sich optimistisch. In acht Jahren Untersuchung fanden die Staatsanwälte keine Beweise dafür, dass Trichet an der Trickserei beteiligt war, die den Zusammenbruch der Bank einleitete. So hoffen die Verteidiger, dass der 60 Jahre alte Trichet entlastet wird, bevor Wim Duisenberg am 9. Juli die EZB-Präsidentschaft abgibt.

Dabei stützen sie sich auf Mitangeklagte. So entlastete Haberers Vize François Gille Trichet sogar ausdrücklich: "Ich habe vom Schatzamt keine Anweisungen bezüglich der Höhe des Resultats oder der Streckung von Abschreibungen erhalten." Trichet kommt auch zugute, dass er sich bereits 1991 um die Situation der Bank sorgte und dem Management mehrfach vorwarf, ihm als Vertreter des Mehrheitsaktionärs Staat Wissen vorzuenthalten.

Trichet, Absolvent der staatlichen Kaderschmiede ENA, stieg noch 1993 zum Gouverneur der Banque de France auf - und machte sich dort als Verfechter einer strengen Geldpolitik in der europäischen Zentralbankerszene einen guten Namen. Vielen Franzosen klang Trichets Politik des starken Franc zwar viel zu sehr nach Frankfurt. Doch Trichet hielt Kurs.

Diese Unabhängigkeit will sich der überzeugte Staatsdiener vor zehn Jahren als Chef des Schatzamtes noch nicht geleistet haben. Er sei an Weisungen gebunden gewesen, lautet ein zentrales Argument von Trichets Anwälten. Sein Vorgesetzter war Finanzminister Michel Sapin.

Aber noch ist er nicht aus dem Schneider - auch weil seine Mitangeklagten ihn in ein gefährliches Schwarze-Peter-Spiel verwickeln. So zitierte Haberers Anwalt gestern genüsslich Dokumente, auf die im Ermittlungsbericht direkte Hinweise fehlen. Sie deuten darauf hin, dass Trichet sehr wohl über die Bilanzkosmetik informiert war. "Der Ausweis eines höheren Verlustes hätte dazu geführt, dass die Mindestdeckungsrate von acht Prozent nicht eingehalten worden wäre und hätte Fragen nach der Solidität der größten europäischen Bank aufgeworfen", schrieb er am 23. März 1993 in einer "Note an den Minister" Sapin. Das war drei Tage vor der Verabschiedung der geschönten Bilanz.

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