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16.06.2000

13:29 Uhr

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Frankreich sieht den Atom-Ausstieg mit gemischten Gefühlen

Die Regierung will sich im Energiebereich alle Optionen offen halten, die Grünen erhoffen sich Rückenwind im Atomland Frankreich.

dpa PARIS. Der enge Energiepartner Frankreich betrachtet das deutsche Ausstiegsszenario zur Atomkraft mit gemischten Gefühlen. In Paris wird durchaus mit spürbaren wirtschaftlichen Folgen auch für die französische Wirtschaft gerechnet - wobei sich der deutsche Weg in eine Zukunft ohne Kernkraftwerke positiv wie auch negativ zu Buche schlagen könnte. In nahezu uneingeschränkter Freude priesen lediglich die französischen Grünen den Ausstieg - sie versprechen sich davon den notwendigen Rückenwind im Atomland Frankreich für eine vertiefte Diskussion in der rotgrünen Regierungskoalition über den Atomstrom.

Keineswegs überrascht, aber dennoch irritiert ist Frankreichs Wiederaufarbeitungsunternehmen Cogema, die Atommüll aus deutschen Landen in der Anlage von La Hague in der Normandie aufbereitet. Das Geschäft mit Deutschland macht etwa zehn Prozent des konsolidierten Cogema-Umsatzes aus, wobei der deutsche Atommüll rund ein Viertel des Materials umfasst, das zur Wiederaufarbeitung nach La Hague gelangt. Cogema-Chefin Anne Lauvergeon will auf die Einhaltung aller Verträge pochen, die Gewerkschaften befürchten den Abbau von Arbeitsplätzen.

Die französische Regierung will sich nach dem gegenwärtigen Stand im Energiebereich alle Optionen offen halten. Das scheint angesichts der 58 Kernreaktoren im Lande, die fast 80 Prozent des französischen Stroms produzieren, auch nahe liegend zu sein. Der für die Industrie zuständige Staatssekretär Christian Pierret wie auch Medien in Frankreich werfen die Frage auf, wie Berlin bei einem Atomausstieg die Kyoto-Vereinbarungen zur Verringerung der Treibhausgase erfüllen will. Das werde "äußerst schwierig" sein, meinte der Staatssekretär.

Der Energiekonzern Electricité de France (EDF) dürfte die Dinge rosiger sehen. Mit dem EDF-Einstieg bei dem baden-württembergischen Elektrizitätsversorger EnbW hatte der weltgrößte Atomstrom-Produzent bereits den Fuß in den deutschen Markt gesetzt. Der Konzern hat die anti-atomare Weichenstellung jenseits des Rheins ohne Kommentar zur Kenntnis genommen. Doch könnte EDF davon profitieren. "Das wäre wohl eine gute Gelegenheit für Frankreich, ein bisschen mehr Strom nach Deutschland zu verkaufen", freute sich jedenfalls der Staatssekretär.

Beim Exportgeschäft der EDF liegt Deutschland bereits an dritter Stelle. Im vergangenen Jahr ließ die französische Gruppe insgesamt 13,8 Terawattstunden in deutsche Netze fließen. Nur nach Italien und Großbritannien geht mehr Strom aus Frankreichs Atomanlagen. Ob Cogema oder EDF, die weltweiten Zukunftsaussichten der Kernkraft sind gerade in Frankreich mit Blick auf die Arbeitsplätze ein heikles Thema. Die deutsche Entscheidung bringe noch düstere Farben in das Geschäftsbild der Wiederaufarbeiter, meinte die Cogema-Chefin. Neue Märkte müssten jetzt erschlossen werden. Anderswo in Europa und vor allem in Asien.

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