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30.07.2000

14:47 Uhr

Frankreich will Flüge wieder aufnehmen

Concorde-Absturz: Druck auf Fluggesellschaften wächst

In Deutschland forderten Experten, die Concorde-Flotte stillzulegen. Dagegen will Frankreich neue Sicherheitsvorschriften erlassen und die Flüge schon in den kommenden Tagen wieder aufnehmen.

dpa PARIS/LONDON/HAMBURG. Die Zukunft der Concorde wird immer heftiger diskutiert und der öffentliche Druck auf die Fluggesellschaften Air France und British Airways wächst, die Maschinen aus dem Verkehr zu ziehen. In Deutschland forderten Experten am Wochenende, die Concorde-Flotte von nur noch 12 Maschinen stillzulegen. In Großbritannien wurden Stimmen laut, British Airways sollte die Flüge wenigstens vorläufig einstellen. Dagegen will Frankreich neue Sicherheitsvorschriften erlassen und die Flüge dann wahrscheinlich schon in den kommenden Tagen wieder aufnehmen. Als möglicher Auslöser der Katastrophe mit 114 Toten gilt inzwischen ein beim Start am vergangenen Dienstag geplatzter Reifen.



Paris berät über neue Vorschriften

Schon an diesem Montag, knapp eine Woche nach dem Absturz einer Concorde bei Paris, kommen Experten in der französischen Hauptstadt zusammen, um über die neuen Vorschriften zu beraten. Paris verlassen haben am Wochenende indes die meisten Angehörigen der 97 deutschen Opfer. Einige Tote sind bereits identifiziert. Das Gerichtsmedizinische Institut gab nach Angaben vom Sonntag die Leichen frei, sie könnten umgehend nach Deutschland übergeführt werden. In Mönchengladbach, der deutschen Stadt mit den meisten Opfern, gedachten am Wochenende 1 700 Menschen der 13 Toten.



Geplatzter Reifen könnte Absturz ausgelöst haben

Bei der Suche nach der Absturzursache verdichtete sich am Wochenende die Vermutung, ein geplatzter Reifen könnte den Brand und den Triebwerkausfall ausgelöst haben. Bergungsexperten untersuchen die mehr als 100 000 Trümmerteile. Die Untersuchungskommission hat für Ende August einen Zwischenbericht angekündigt.



Professor: Concorde eine "fliegende Zeitbombe"

Dessen ungeachtet fordern deutsche Fachleute den Verzicht auf den Einsatz des Überschalljets. "Die Concorde ist eine fliegende Zeitbombe, sie gehört aus dem Verkehr gezogen", sagte der Berliner Professor für Luftfahrtrecht, Elmar Giemulla, der "Bild am Sonntag". Die Maschinen hätten das Ausmusterungsalter erreicht, das technische Risiko sei zu hoch. Geplatzte Reifen dürften normalerweise nicht zu einer solchen Katastrophe führen. "Angesichts eines solchen banalen Zwischenfalls ist es ein Wunder, dass nicht schon früher etwas passiert ist." Für eine "Pensionierung" der seit 1976 eingesetzten Concorde sprach sich in der BamS auch Bodo Baums aus, Dekan des Fachbereichs Luft- und Raumfahrttechnik der Fachhochschule Aachen: Schon jetzt könne die Sicherheit offenbar nur mit einem Riesenaufwand gewährleistet werden.



Mindestens einmal im Jahr ein Reifen geplatzt

Britischen Zeitungen vom Sonntag zufolge sind die beiden Fluggesellschaften in den vergangenen Jahren in einer "Serie von Berichten" auf die Anfälligkeit der Concorde für geplatzte Reifen und Triebwerksbrände aufmerksam gemacht worden. Bei den sieben britischen Concordes sei seit 1988 durchschnittlich mindestens einmal im Jahr ein Reifen geplatzt, schrieb die "Sunday Times". Britische und US- Behörden hätten zudem vor vier verschiedenen Triebwerkproblemen gewarnt. Ein BA-Vertreter sagte, alle Auflagen seien erfüllt worden: "Es gab damals keine unmittelbare Bedrohung, und heute gibt es sie auch nicht."



US-Luftaufsichtsbehörde berichtet von einer Pannenserie

Dagegen berichtete die "Bild am Sonntag" unter Berufung auf die US-Luftaufsichtsbehörde FAA von einer Pannenserie bei britischen und französischen Concordes. Allein am New Yorker John F. Kennedy- Flughafen habe es von November 1996 bis Juni 2000 vierzig schwere Zwischenfälle gegeben, bei denen der Start abgebrochen wurde oder die Maschinen zum Flughafen zurückkehren mussten. In den USA werde über eine Sperrung des Flughafens für den Jet nachgedacht. "Wir werden mit den französischen Kollegen über die Sicherheit der Concorde-Flüge beraten", zitiert die Zeitung einen FAA-Sprecher. "Dabei werden wir auch über einen Entzug der Landeerlaubnis auf amerikanischen Flughäfen diskutieren müssen."

Frankreich will der Kritik mit neuen Vorschriften begegnen, nach denen die Maschinen künftig vor jedem Start gründlicher überprüft werden sollen. "Für alle Concorde-Flüge soll ein verstärktes Wartungs- und Prüfungssystem installiert werden", sagte ein Sprecher der französischen Zivilluftfahrt-Behörde DGAC (Direction generale de l'aviation civile) der Zeitung "Le Journal du Dimanche". Zur darüber kommen am Montag Vertreter der französischen und britischen Zivilluftfahrtbehörden, des Pariser Verkehrsministeriums, der Hersteller der Concorde, des Triebwerksherstellers Rolls Royce sowie von Air France und wahrscheinlich auch von British Airways zusammen.



Britische Concorde Tankproblem nicht starten

Fünf Tage nach dem Concorde-Absturz ist unterdessen der Start einer Concorde der britischen Luftfahrtgesellschaft British Airways wegen eines Problems beim Auftanken annuliert worden. Das Überschallflugzeug wurde am Sonntagmorgen durch eine andere Concorde ersetzt, wie British Airways in London mitteilte. Das Ersatzflugzeug sei mit 75 Minuten Verspätung vom Londoner Flughafen Heathrow gestartet und ohne Probleme an seinem Zielort New York gelandet.

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