Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.01.2003

08:55 Uhr

Frankreichs Fußballrechtestreit geht ins Elfmeterschießen – Geheime Zahlungen

Wenn zwei Sender sich streiten

VonChristoph Nesshöver

Ein Gericht entscheidet, wer die Übertragungsrechte für den französischen Profifußball für die Jahre 2004 bis 2007 kaufen darf. Die Anhörung in dieser Woche war wie das Elfmeterschießen einer dramatischen Partie, die sich der Pay-TV-Sender Canal+ und der Satellitenkanal TPS um das Rechtepaket liefern. Doch erst der Spruch des Gerichts am 23. Januar entscheidet über die finanzielle Zukunft des nationalen Fußballs.

PARIS. Angepfiffen wurde der verbissene Machtkampf im Herbst 2002 von Frédéric Thiriez, dem Boss von Frankreichs Profiliga LPF. Während anderswo die Rechtepreise purzelten, schaukelten in Frankreich zwei Bieter die Preise nach oben. "Thiriez erkannte, dass das für die Liga eine einmalige Gelegenheit war", sagt der Sportbuchautor Eric Maitrot. Thiriez handelte: Ehe sich die beiden Konkurrenten besannen und - fatal, fatal - fusionierten, schrieb er zwei Jahre vor Ablauf des laufenden Vertrages die Rechte für die erste und zweite Liga für 2004 bis 2007 neu aus.

Fernsehkönig Patrick Le Lay ging gleich in die Offensive. Der Chef des populärsten Senders TF1, der 67 Prozent an TPS hält, lud Canal+ zu Geheimverhandlungen. Ziel: Eine Absprache, um die Preise zu drücken. Canal+ lehnte ab, Le Lay tobte - und änderte die Taktik.

Mit BNP-Paribas-Chef Michel Pébereau geheimbündelte er daraufhin über eine Übernahme von Canal+, Tochter des angeschlagenen Mischkonzerns Vivendi Universal (VU). Aber auch dieser Plan scheiterte. Im November 2002 pfiff Liga-Boss Thiriez ab: Canal+ bekam den Zuschlag für 480 Millionen Euro pro Jahr - ein Fünftel mehr als für den laufenden Vertrag 2001 bis 2004. "Das ist ein großer Sieg für den französischen Fußball", frohlockte der LPF-Chef.

Verlierer Le Lay konnte darüber gar nicht lachen und ging in die Verlängerung. TPS, der 430 Millionen Euro pro Jahr geboten hatte, sei von der LPF "betrogen" worden, schimpfte der TF1-Boss. Er vermutete eine Verschwörung: "Wir haben das Gefühl, dass Canal+ die Liga kontrolliert." Kurz darauf wurden Beweise für Le Lays Verdacht publik: 1999 hatte Canal+ mit den sechs größten Klubs Paris St. Germain (PSG), Olympique Marseille, Girondins Bordeaux, Olympique Lyon, AS Monaco und FC Lens einen Geheimvertrag geschlossen.

Für 250 Millionen Euro garantieren die Teams dem Sender bis 2005 ein Vorkaufsrecht, sollten sie ihre TV-Rechte bald selbst vermarkten dürfen. Tatsächlich gaben im Verwaltungsrat des Ligaverbandes, der knapp für das Angebot von Canal+ votierte, ihre Stimmen mit den Ausschlag. Jetzt hofft Le Lay, dass das Gericht den Treffer von Canal+ wegen Schiebung aberkennt und TPS in einer neuen Versteigerung eine zweite Chance bekommt.

Dennoch bleibt TPS Außenseiter. Denn Konkurrent Canal+ ist seit seiner Gründung 1984 Partner Nummer eins des Fußballs. Die Hälfte des Ligaetats stammt aus der Firmenkasse, Sportfive - die gemeinsame Tochter von Canal+ und Bertelsmann - vermarktet die meisten Klubs. Mit dem PSG, bei dem mit Brasiliens Ronaldinho der einzige Weltstar der sonst mittelmäßigen Liga kickt, gehört ein Topteam dem Sender gleich ganz. Und wenn ein Topverein wie Marseille absteigt, schießt Canal+ auch mal flugs sechs Millionen Euro in die Klubkasse als "Kredit auf künftige Europacup-Einnahmen".

Doch die Liaison ist gefährlich. "Ohne Fußball ist Canal+ nicht mehr viel wert", heißt es bei Vivendi. Knapp die Hälfte der 4,8 Millionen Abonnenten gelten als Sportfans. Um den Preis für die TV-Rechte wieder einzuspielen, will Xavier Couture, Chef von Canal+, dank des neuen Rechtepakets "drei Millionen neue Abonnenten" gewinnen. Das muss er auch, denn Werbung gibt es bei Canal+ kaum: 94,5 Prozent des Umsatzes stammen aus den Abo-Gebühren.

"Utopisch" findet ein Analyst einer Pariser Großbank den Plan Coutures: "In zwei Jahren hat Canal+ 140 000 Abonnenten verloren, obwohl sie mehr Fußball zeigen als je zuvor." Der Preis, den Canal+ für die Rechte zahlen will, sei eindeutig überhöht. Die Börse sieht das ebenso: Als der Kaufpreis bekannt wurde, verlor die Aktie von Vivendi elf Prozent.

Quelle: Handelsblatt

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×