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19.02.2002

07:32 Uhr

Freestyle-Gewinnerin übt vom Staudamm

Australien feiert verrückte Olympiasieger

Verwundert über die eigene Stärke feiert Australien in Salt Lake City seine ersten beiden Goldmedaillen bei Winterspielen und bejubelt dabei ziemlich schräge Olympiasieger.

HB/sid SALT LAKE CITY. Die spinnen, die Australier: Der eine erlitt einen Genickbruch, verblutete fast auf der Eisbahn und setzte seine Karriere trotzdem fort. Die andere springt übungshalber vom Staudamm und füttert vorher die Fische, damit sie den Dreck wegfressen.

Verwundert über die eigene Stärke feiert Australien in Salt Lake City seine ersten beiden Goldmedaillen bei Winterspielen und bejubelt dabei ziemlich schräge Olympiasieger: Shorttracker Steven Bradbury, der über 1 000 m unter kuriosen Umständen das historische erste Gold nach "Down Under" holte, und Freestyle-Springerin Alisa Camplin, die mit 19 Jahren zum ersten Mal auf Skiern stand.

"Es ist schon verrückt. Wir sind in der Medaillenwertung schon vor Österreich. Und das, obwohl wir eher ein sonniges Land sind und kaum Schnee haben", sagt die 27-jährige Camplin grinsend, und ihre geflochtenen blonden Zöpfen wippen lustig durch die Gegend.

Bradbury, der bei seinem Triumph zunächst an letzter Stelle lag und von einem Massensturz in der letzten Kurve profitierte, in den auch US-Favorit Apolo Anton Ohno verwickelt war, ist schon wenige Tage später auf einer Briefmarke verewigt - und wird in Gedenken an die jamaikanischen Bobfahrer als "australische Version von Cool Runnings" gefeiert.

Dabei hat der 28 Jahre alte Schiffbauer aus Brisbane, der am Mittwoch über 1 500 m erneut startet, schon schlechtere Zeiten hinter sich. Vor acht Jahren bei einem Sturz in Montreal schnitt ihm die Kufe eines anderen Fahrers die Halsschlagader auf. "Ich habe nur gedacht: Mach bloß nicht die Augen zu, sonst stirbst du", erzählt Bradbury. Er blieb wach, wurde mit 111 Stichen genäht - und setzte seine Karriere fort. Wie auch nach einem Genickbruch vor anderthalb Jahren. Ein Schutzengel rettete ihm erneut das Leben, nach wenigen Wochen nahm der Unverwüstliche das Training wieder auf.

Von Verletzungen kann auch Alisa Camplin ein Lied singen. Neben zahlreichen Brüchen, Prellungen und Stauchungen erlitt sie insgesamt neun Gehirn-Erschütterungen. "Nach der letzten vor einem Jahr hat mein Arzt befohlen, ich solle aufhören", sagt die gelernte Buchhalterin. Doch sie gab nichts auf diesen Rat und machte natürlich weiter.

Schließlich war die frühere Kunstturnerin erst spät zum Freestyle-Springen gekommen: "Als ich mit 19 anfangen wollte, haben mich alle ausgelacht. Ich konnte ja noch nicht mal Skifahren." Mangels Schnee trainiert Camplin entweder in Kanada - oder springt zuhause mit Freestyle-Ski von einem Staudamm. Für die Olympiasiegerin aus Melbourne kein Problem: "Vorher füttern wir die Fische und hoffen, dass sie den Dreck wegfressen, damit das Wasser sauberer wird."

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