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05.01.2001

00:00 Uhr

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Freunde als Buchhaltungs-Posten

VonBurkhard Ewert

Ist sie nicht prima, die New Economy? Wir sind fleißig und wichtig, arbeiten in dynamischen Teams, haben viele Freunde. Wir sind im Rausch, so viele nette Menschen umgeben uns. Freunde. Sind es wirklich welche? Oder ein Mittel zum beruflichen Zweck?

Skeptiker behaupten das. So Betty Siegel vom Hamburger Trendbüro: "Diese Kontakte sind oft ein berechnendes Networking, ein Mittel zur internen Positionierung." Und Günter Voß, Professor für Industrie- und Techniksoziologie in Chemnitz: "Die IT-Branche formt eine neue Spezies Mensch, die das ökonomische Denken zum Ausgangspunkt all ihres Handelns macht." Die Arbeit also als Religion und Maßstab der Dinge. Oder als Droge, ganz wie man will. Und Freundschaften als Posten in der Buchhaltung. Kontakte werden instrumentalisiert, an ihrem beruflichen oder gar finanziellen Nutzwert gemessen.

Familienleben nach Terminplan, das war gestern. Heute ist das Familienleben für viele vorbei, bevor es begonnen hat. Sporadische Anrufe per Handy vom Flughafen aus: "Ich habe eine Stunde Aufenthalt" - eine Zwangspause im Leben unter Strom, gerade recht zum Zeitvertreib per Mobiltelefon, und nicht mal das hat einen festen Anschluss.

Nur jeder vierte deutsche IT-Manager nimmt nach einer Netzwert-Umfrage innerhalb eines Jahres den Urlaub, der ihm zusteht. Ein Leben für die Arbeit. Wer keine anderen Werte und Erlebnisse hat, kann sich mit anderen über anderes kaum noch unterhalten. Irgendwer bekommt ein Kind? Ist mir doch egal. Unruhen in Indonesien? Weiß ich nichts drüber, zum Zeitung lesen hatte ich keine Zeit. Tanja und Stefan haben sich getrennt? Aha, selbst schuld. Was früher höchstens Topmanager jenseits der 40 betraf - und die hatten sich ein Leben neben der Arbeit schon aufgebaut -, ist heute bei 20-jährigen Einsteigern der Fall.

Die Helden der New Economy werden auf diese Art zu Zynikern mit Scheuklappen. Sie halten sich für schlau und wichtig, aber konzentrieren sich auf einen derart engen Bereich, der - machen wir uns nichts vor - für die Geschicke der Welt wie für das private Umfeld herzlich egal ist. Eine neue Form des Egoismus?, sagt Betty Siegel. Und weil das irgendwie doch unangenehm ist, wird es durch die vermeintlich altruistische Hingabe an das Projekt, die Firma verdrängt. Dabei ist dem Einzelnen vermutlich nicht mal die Arbeit wichtig, sondern das Gefühl, gebraucht zu werden. Und die vielen Projekte, die vielen Städte, die schwachen Bindungen - das ist nicht kosmopolitisch, sondern krankhaft. Eine Zersetzung des Charakters ist die Folge, meint der Soziologe Richard Sennett. Und solch ein Leben ist keine coole Jagd. Es ist eine Flucht.

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