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23.06.2000

10:21 Uhr

Früher vermittelte Sabine Horstmann Zimmer an Studenten, heute vermittelt sie Kunst an Firmen.

Sabine Horstmann - Die Mittlerin

VonKATJA WILKE

Ob Künstler, die bei Sabine Horstmann unter Vertrag stehen, reich werden, ist nicht garantiert. Aber sie können sich allein ihrer Kunst widmen und kaufmännische Aspekte ausblenden. Das ist Horstmanns Geschäft. Im vergangenen Jahr gründete sie mit ihrem Mann in Hamburg die Agentur "art goes public". Sie soll eine Brücke zwischen Künstler, Aussteller und Käufer schlagen.

"Künstler wollen ausstellen, ihnen fehlen aber häufig Kontakte oder die Zeit, Ausstellungen vorzubereiten. Und Unternehmen möchten sich mit Kunstsponsoring ein attraktives Image verpassen." Horstmann stellt sogar die nötigen Kontakte her, wenn sich Privatleute eine gute Kopie eines berühmten Werkes wie zum Beispiel die "Mona Lisa" ins Wohnzimmer stellen oder Glasbausteine künstlerisch fertigen lassen.

Die 42-Jährige vermittelt Ausstellungen und bereitet sie vor. Auf Vernissagen greift die gelernte Fotografin auf Wunsch zur Kamera, um das Geschehen für den Kunden zu dokumentieren. Auftraggeber richten die Vernissagen aber selbst aus, drucken und verschicken selbst Einladungskarten, stellen selbst Bildleisten bereit und müssen die Arbeiten auch selbst versichern. Art goes public leistet die Vorarbeit und verlangt dafür je nach Größe des Unternehmens 100 bis 300 Mark.

Kunst in Unternehmen ist nicht ganz neu: Viele Firmen polieren durch bebilderte Büros ihr Image auf. Bei art goes public geht die Kunst allerdings rund. Der Wandbehang wechselt turnusmäßig: Ein, drei oder sechs Monate können die Firmen die Kunstwerke anmieten. Auf den Vernissagen können Unternehmen Kundenkontakte aufnehmen oder pflegen. "Oder sich sogar am Markt neu positionieren", erklärt Horstmann. "Und der Künstler kann seine Werke einem ganz neuen Publikum präsentieren." Auch Horstmann nutzt die Vernissagen, um Interessenten einzuladen und neue Kunden zu finden, denn klassische Akquise betreibt sie nicht: "Dafür bin ich der Kunst zu sehr verbunden."

Horstmanns Kunden sind so unterschiedlich wie die Kunstwerke: Eine Werbeagentur, Rechtsanwälte, Versicherer und Computerfirmen finden sich in der Kartei, die bisher 20 Kunden umfasst. Die Hamburger Rechtsanwaltskanzlei PMM Poley, Moratinos, Meissner plant eine Ausstellung im Oktober. "Eine Kanzlei hat nur beschränkt die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Eine Vernissage ist da eine reizvolle Alternative", erklärt Mitinhaber Stephan Poley.

Auch das Internet-Unternehmen Gaudia.com hat in diesem Jahr schon zwei Gemeinschaftsausstellungen in seinen Räumen in der Hamburger Innenstadt ausgerichtet. "Wir nutzen das Angebot von art goes public, weil wir unsere Büros mit Kunst schmücken wollen, selbst aber keinen Kontakt zu Künstlern haben", sagt Sabine Antoni von Gaudia.com. Ihr Unternehmen bietet einen Marktplatz für den Ticketverkauf im Internet. "Die Kunden sind begeistert, weil sie so etwas von einem techniklastigen Unternehmen gar nicht erwarten."

Acht Ausstellungen - teilweise Gemeinschaftsausstellungen - hat art goes public bisher in Hamburg und Umgebung durchgeführt, eine in Sachsen-Anhalt. Im Schnitt können die Künstler pro Ausstellung zwei Arbeiten verkaufen.

Interessenten können sich im Internet ansehen, ob das Richtige für sie dabei ist: Fast alle von der Agentur vertretenen Künstler sind hier mit ihren Werken aufgeführt. Daneben stellt Horstmann für jeden Kunden individuell eine Mappe mit Fotos verschiedener Werke zusammen. Horstmann glaubt, dass sie den Künstlern mehr bieten kann als klassische Galerien. Wechselt ein Werk den Besitzer, berechnet art goes public dem Künstler 15 Prozent Gebühr. Eine Galerie ist gewöhnlich mit 40 bis 60 Prozent am Verkauf von Bildern beteiligt. "Wir bauen darauf, dass sich die Vermittlung durch die Menge der Ausstellungen rentieren wird." Ziel ist es, monatlich vier bis fünf Ausstellungen auszurichten.

Im vergangenen Jahr konnte die Agentur den Künstlern noch nicht garantieren, Ausstellungen zu vermitteln. Die Künstler bekamen ihren Jahresbeitrag von 200 Mark zurück, wenn sie ein Jahr nichts verkaufen konnten. "Mittlerweile", sagt Horstmann, "gilt das nicht mehr. Wer in der Kartei ist, wird auch die Gelegenheit haben, seine Werke auszustellen."

Die Agentur hat sich nicht auf bestimmte Stilrichtungen festgelegt. Horstmann vermittelt abstrakte und gegenständliche Werke, aber auch Skulpturen. 150 Künstler sind mittlerweile unter Vertrag. Genug, findet Horstmann - es sei denn, jemand könne einen neuen Stil einbringen: "Ich möchte nicht 20 Aquarellmaler oder 20 abstrakte Maler haben." Das Angebot soll so breit wie möglich sein, damit für jeden Interessenten das Passende dabei ist.

Abwechslungsreich ist auch Sabine Horstmanns Lebenslauf. Nachdem die 42-Jährige lange Zeit als freie Fotografin gearbeitet hatte, eröffnete sie 1987 die erste Hamburger Mitwohnzentrale. Die war auf Dauer zu langweilig. 1994 verkaufte sie sie. "Ich wollte wieder Fotos machen und mit meinem Mann auf Reisen gehen." Unterwegs kam der Gedanke, das Hobby - die Kunst - mit den kaufmännischen Erfahrungen aus der Mitwohnzentrale für die Zukunft zu nutzen. Schritt für Schritt entwickelte sich das Konzept von art goes public. "Wir wollten gerne wieder eine Mittlerfunktion haben wie damals in der Mitwohnzentrale. Nur wollten wir dieses Mal etwas Spannendes vermitteln."

Zurück in Hamburg richteten die beiden in ihrer Wohnung im Stadtteil Hoheluft ein Büro ein. "Glücklicherweise bekamen wir sofort einen Kredit von unserer Bank." Noch können sie und ihr Mann nicht von dem Jungunternehmen leben. "Bis wir Gewinn machen, arbeitet mein Mann noch nebenbei."

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