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13.01.2003

08:33 Uhr

Frühere US-Außenministerin Madelaine Albright kritisiert Bushs Politik

Nordkorea heizt Atomstreit an

Das Regime in Pjöngjang übt sich in widersprüchlicher Rhetorik: Zuerst wird mit der Entwicklung von Atomwaffen gedroht - wenig später folgt ein Dementi. Erst am Samstag hatte das Land den Atomwaffensperrvertrag gekündigt und dann auch noch Raketentests angekündigt. US-Sanktionen würden als Kriegserklärung gewertet.

HB/fu DÜSSELDORF/TOKIO. Nordkorea hat den Ton in der Auseinandersetzung mit den USA weiter verschärft. Pjöngjang will seine Raketentests wieder aufnehmen und droht damit, in der Zukunft Atomwaffen zu entwickeln. Noch im September 2002 hatte Nordkoreas Führer Kim Jong Il angekündigt, sein Land wolle das seit 1999 geltende Raketentest-Moratorium über das Jahr 2003 hinaus verlängern. Sollte die Kontroverse mit den USA anhalten, könnte Pjöngjang seine Test von Langstreckenraketen wieder aufnehmen, drohte der nordkoreanische Botschafter in Peking, Choe Jin Su nun.

Nordkorea entwickelt seit mehr als drei Jahrzehnten Raketen. Grundlage des kostspieligen Raketenprogramms waren Scud-B-Kurzstreckenraketen, die die damalige Sowjetunion und Ägypten geliefert hatten. Nordkoreanische Wissenschaftler haben die Scud-Raketen weiterentwickelt: Die Varianten reichen von Geschossen, die mehrere hundert Kilogramm schwere Sprengköpfe 500 Kilometer und weiter tragen können (Scud-B und Scud-C) bis hin zu den "Nohdong" genannten Scud-D-Raketen, die mit noch größerer Bombenlast Japan erreichen könnten. Auf der Scud-Technologie fußen auch die "Taepodong"- Langstreckenraketen, die sogar den US-Bundesstaat Alaska oder Hawaii bedrohen könnten. Nach Erkenntnissen von Militärexperten der privaten amerikanischen "Nuclear Threat Initiative" (NTI) hat mittlerweile 600 ballistische Raketen in Stellung gebracht und Waffen sowie Raketenzubehör exportiert.

Drohgebärden gab es bereits im März 1993. Damals hatte Nordkorea, das dem Atomsperrvertrag 1985 vor allem auf Druck Moskaus beigetreten war, einen Rückzug aus dem Vertrag angekündigt. Nur gerade einen Tag vor Ablauf der 90-tägigen Kündigungsfrist machte Nordkorea im Juni 1993 einen Rückzieher vom angedrohten Ausstieg. Heute nimmt Nordkorea auf Grund dieses Moratoriums einen "Sonderstatus" gegenüber dem Atomsperrvertrag für sich in Anspruch. Man fühlt sich deshalb auch nicht an die Einhaltung einer neuerlichen dreimonatigen Meldefrist zur Vertragskündigung gebunden.

Unklar bleibt die Position des Landes zur Entwicklung von Atomwaffen. Zunächst hatte der nordkoreanische Botschafter am Wochenende unverhohlen mit der Entwicklung von Atomwaffen in der Zukunft gedroht. Dann jedoch erklärte die nordkoreanische Führung, die USA hätten das angebliche Eingeständnis Nordkoreas, Atomwaffen zu entwickeln, erfunden. Die USA gehen davon aus, dass Nordkorea ein bis zwei Atombomben besitzt. Sollten die USA Sanktionen gegen das Land verhängen, käme dies einer Kriegserklärung gleich, warnte Choe. Der Botschafter forderte die USA auf, ihre "feindliche Haltung" und die "atomare Bedrohung" gegen Nordkorea aufzugeben. Dann wäre Nordkorea bereit, zu beweisen, dass es keine Atomwaffen entwickele. Als Reaktion auf den Stopp von US-Öllieferungen hatte Nordkorea im Dezember die Wiederinbetriebnahme seiner eingemotteten Atomanlagen angekündigt.

Der frühere US-Diplomat Bill Richardson sagte nach Gesprächen mit nordkoreanischen Diplomaten in Santa Fe im US-Bundesstaat New Mexico, Pjöngjang wolle die jüngste Auseinandersetzung über sein Atomprogramm im Dialog lösen. Richardson sagte am Samstag vor der Presse: "Botschafter Han hat mir gesagt, dass Nordkorea nicht die Absicht hat, Atomwaffen zu bauen."

Nach Presseberichten gibt es in der US-Regierung einen heftigen Richtungsstreit über den Umgang mit Nordkorea. In einem Regierungslager werde die vorsichtige Annäherung an Nordkorea propagiert, in dem anderen die völlige Isolation des Regimes in Pjöngjang, schrieben die "Washington Post" und die "New York Times". Die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright kritisierte die Politik von Präsident George W. Bush. Nordkorea sei gefährlicher als der Irak, sagte sie dem Nachrichtenmagazin "Focus". "Wir wissen, dass Nordkorea einen rücksichtslosen Diktator, atomares Potenzial und eine Ein-Million-Mann-Armee hat. Auf der anderen Seite wissen wir nicht, was Saddam hat."

Am Montag trifft der stellvertretende US-Außenminister James Kelly in Südkorea den Sicherheitsberater von Präsident Kim Dae Jung und dessen bereits gewählten Nachfolger, Roh Moo Hyun. Beide Politiker pflegen bisher den Dialog mit Nordkorea.

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