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17.01.2003

09:00 Uhr

Für Anleger ist schwer durchschaubar, ob der Erfolg durch zu hohe Risiken erkauft wird

Hannover Rück stemmt sich gegen die negative Branchen-Entwicklung

VonFrank Wiebe

Die Texte in Geschäftsberichten sind oft langweilig. Aber manchmal steckt darin eine echte Botschaft. Interessant ist es zum Beispiel, die Berichte der Rückversicherer aus dem vergangenen Jahr zu vergleichen.

DÜSSELDORF. Typisch für die Hannover Rück sind folgende Formulierungen: "Da wir frühzeitig die neuen Marktchancen erkannten, haben wir bereits im vierten Quartal des Berichtsjahres begonnen, unsere Zeichnungen im Schaden-Rückversicherungsbereich stark auszuweiten. Neben der Steigerung der Profitabilität unseres Portefeuilles konnten wir unseren Marktanteil in den wichtigsten Marktsegmenten kräftig ausbauen."

Danach folgt eine Aufzählung, wo die Hannover Rück zulangt: Das Volumen im Luftfahrtgeschäft sollte 2002 fast verdreifacht werden. Außerhalb der Luftfahrt wird im Londoner Markt das Prämienvolumen verdoppelt und für Nordamerika steht ein Plus von 70 % im Plan. Ähnliche Aussagen machte Vorstandsvorsitzender Wilhelm Zeller später auch bei der Präsentation der Neunmonatszahlen.

Die Geschäftsberichte der Konkurrenz sprechen eine andere Sprache. Die Münchener Rück schreibt: "Für 2002 haben wir in beachtlichem Umfang verlustbringende Rückversicherungsverträge gekündigt." Die Kölnische Rück verkündet: "Wir werden unsere Kapazität nur noch dort einsetzen, wo wir einen im Verhältnis zum übernommenen Risiko angemessenen Preis bekommen." Scor betont: "Jede vorgeschlagene Vertragsanbahnung, bei der die Mindestrentabilität der eingesetzten Kapitalmittel nicht gegeben war, wurde in Frage gestellt." Und GE Frankona, traditionell stark im Bereich Luftfahrt, schränkt ihre Risiken ebenfalls drastisch ein.

Die Botschaften sind klar: Überall in der Branche ist Vorsicht angesagt, bei Hannover Rück hingegen Expansion. Für den Anleger ergibt sich die Frage: Genie oder Wahnsinn? Sind die Hannoveraner schlauer als die anderen, oder gehen sie einfach nur höhere Risiken ein?

Die Hannover Rück hält Skeptikern ihre - bislang erfolgreiche - Langfriststrategie entgegen. Danach geht sie immer dann aggressiv vor, wenn das Prämienniveau vergleichsweise hoch ist - wie zurzeit, ausgelöst vor allem durch die Terrorattacken 2001 und die Börsenbaisse. In "weichen" Märkten hält sie sich dagegen zurück und nimmt dabei den Verlust von Marktanteilen in Kauf. Die Logik lautet: Weil wir in schwachen Marktphasen weniger Risiken hereingenommen haben, können wir jetzt etwas mutiger sein als die Konkurrenz.

Spricht man mit Analysten, so ergibt sich der Eindruck, dass diese Version weitgehend akzeptiert wird - sich also auch im Kurs widerspiegeln dürfte. Aus dem Markt selbst sind dagegen zum Teil auch skeptische Töne zu hören. Für den Anleger ist die Frage kaum zu durchschauen - selbst ein Blick in die Bücher würde nicht weiterhelfen, weil es ja letztlich auf die Einschätzung der Risiken ankommt. Die Zahlen, die veröffentlicht werden, sind in Ordnung. Und so lange das so bleibt, werden die Aktienanalysten wohl bei der Stange bleiben - sie können letztlich auch nicht in das Unternehmen hineinschauen. Die Experten sehen allerdings, dass die Kapitalreserven des Rückversicherers nicht allzu üppig sind und dass seine Strategie nur wenig Spielraum für Fehleinschätzungen lässt.

Entscheidend wird sein, wie sich die Schäden in Zukunft tatsächlich entwickeln. Wer Aktien eines Rückversicherers kauft, setzt letztlich auf eine einigermaßen erfreuliche Entwicklung dieser Welt ohne größere Katastrophen. Für die Aktionäre der Hannover Rück gilt das wahrscheinlich in besonderem Maße.

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