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17.08.1999

13:14 Uhr

Für den Anleger: free4u verschenkt Unternehmensanteile an Nutzer

Aus dem Archiv: Internet-Aktionär zum Nulltarif

VonMichael Maisch

Mit einem ungewöhnlichen Konzept will der britische Geschäftsmann Farrukh Khan auf den deutschen Internetmarkt vorstoßen. Die Hälfte seiner free4u.de GmbH will er kostenlos an die Nutzer verteilen. Die Branche reagiert mit Verblüffung und Skepsis.

FRANKFURT/M. Farrukh Khan hat ein Unternehmen zu verschenken. Eine Gesellschaft, die noch gar nicht existiert und doch schon in einem Jahr an die Börse gehen soll. Was wie die absurde Idee eines Exzentrikers klingt, ist für den britischen Unternehmer nichts anderes als der nächste logische Schritt im schnelllebigen Internetgeschäft. Mit der Frankfurter free4u.de GmbH will Khan den deutschen Surfern einen kostenlosen Zugang ins Datennetz bescheren. Damit noch nicht genug. Wer sich als Kunde registrieren lässt, bekommt zur Belohnung Anteile an der Gesellschaft geschenkt. Insgesamt 50 % des Unternehmens, unterteilt in 2 Mrd. Anteile, will der smarte Geschäftsmann pakistanischer Abstammung an die Internetgemeinde verteilen. Für den Profit des erstaunlichen Projekts sollen vor allem Werbekunden und E-Commerce-Anbieter sorgen, die für den dann hoffentlich großen und treuen Kundenstamm bezahlen.

Khan ist sich im Klaren darüber, dass sein Plan nur aufgehen kann, wenn es ihm gelingt die Öffentlichkeit für free4u zu begeistern. Deshalb sicherte er sich als erstes die Dienste von Leo Burnett International, einer renommierten Werbeagentur und beauftragte den PR-Profi Moritz Hunzinger mit der Öffentlichkeitsarbeit für sein Projekt. An Elan mangelt es dem Briten nicht. Mit leuchtenden Augen und sanfter Stimme versucht er den Zuhörer von seiner Vision, "der neuesten Revolution im Internet" zu überzeugen. "Ein kostenloser Zugang allein reicht nicht mehr aus, wir müssen den Kunden schon etwas bieten, damit sie bei uns surfen." Sein Projekt hat er nach Deutschland verlegt, weil ihm in Großbritannien die Konkurrenz zu groß ist. Khan setzt voll auf die Pionierstellung seines Unternehmens: "Selbst wenn jemand unser Konzept kopiert, haben wir mehrere Monate Vorsprung und das ist im Internet eine kleine Ewigkeit."

An die neue Internetzeitrechnung, in der drei Monate so viel zählen wie in anderen Branchen ein Jahr, hat sich Khan schon gewöhnt. "Die Idee für free4u habe ich in nur einer Woche entwickelt", erzählt er. Der Einfall sei ihm auf Island gekommen. Dort verbrachte der passionierte Schachspieler seinen ersten Urlaub seit elf Jahren. Viel gesehen hat er allerdings nicht vom Land der Geysire und Vulkane. "Tagsüber habe ich über free4u nachgedacht, abends in einer Schachkneipe die besten einheimischen Spieler geschlagen." Durchaus glaubhafte Aussagen, denn mit 19 errang Khan im Spiel der Könige die britische Meisterschaft der unter 21jährigen. Seine Schachkarriere gab der Jung-Champion allerdings auf, um nach dem Studium in Cambridge sein erstes Unternehmen zu gründen: Farrukh Systems Ltd.

Mit der grafischen Software, die Khan entwickelt hat, arbeiten inzwischen weltweit 4 000 Druckereien. Der Geschäftsmann könnte sich jetzt entspannt zurücklehnen, denn mit einem Umsatz von mehr als 3 Mill. DM im vergangenen Geschäftsjahr und einen Jahresüberschuss von 900 000 DM wirft Farrukh durchaus genug zum Leben ab. "Den richtigen Erfolg hat man aber nicht mit der ersten Idee, sondern mit der zweiten oder dritten", beschreibt Khan seine Motivation, sich ins rasant wachsende Internetgeschäft zu stürzen.

Investitionen in Millionen-Höhe

Das Geld für sein neues Lieblingskind, knapp 1,5 Mill. DM, hat er bei privaten Investoren aufgetrieben. Noch aber ist von free4u nicht viel zu sehen. Untergekommen ist das junge Unternehmen erst einmal in eilig gemieteten Büros am weniger vornehmen Ende der Frankfurter Einkaufsmeile Zeil. In den großzügigen Räumen hängt zwar schon großformatig moderne Kunst an den Wänden, ansonsten herrscht aber noch gähnende Leere.

Bislang hat free4you gerade mal vier Angestellte und auch der Internetdienst, mit dem Khan das Datennetz in Deutschland revolutionieren will, steht bislang nur auf dem Papier. Als Starttermin gilt Mitte September. Bis dahin will er nicht nur den Netzzugang sondern auch ein buntes Nachrichtenangebot aus Politik, Sport und Wirtschaft aus dem Boden stampfen. Nach Khans dichtgedrängtem Zeitplan soll free4u schon im nächsten Jahr den Sprung an die Börse schaffen. Dann sollen die bis dahin verteilten Anteile in Aktien umgewandelt werden. Nach welchem Modus dies gesehen soll, ist allerdings unklar. Auch für den Börsengang selbst gibt es keine Garantie. Erste Verhandlungen mit Emissionsbanken will Khan im Herbst aufnehmen. Bei der Verteilung der Anteile sollen Kurzentschlossene zunächst einmal am meisten profitieren. Den ersten 10 000 Kunden, die sich bei free4u registrieren lassen, verspricht Khan je 10 000 Stück, die nächsten 500 000 will er mit 1 000 Anteilen honorieren. Der Rest wird verteilt bis die Grenze von 2 Mrd. erreicht ist.

In der Internet-Branche stößt Khans Plan auf Verblüffung. Von free4u gehört haben die wenigsten, und kaum einer will eine Prognose wagen, ob Khans Projekt wirklich eine Chance hat, zum neuen Stern am Internethimmel aufzusteigen oder platzt wie eine Seifenblase. Einen "gewissen Charme" kann Britta Döring vom großen Konkurrenten AOL der Idee nicht absprechen. Die Erfolgschancen sieht sie aber skeptisch: "Treue Kunden gewinnt man nicht nur über den Preis sondern auch über Qualität und Service." Und da könne ein Billiganbieter nicht mithalten. Döring meint, dass kostenlose Anteile nicht genügen, um die Nutzer dauerhaft zu binden.

Analysten bleiben skeptisch

"Wer als erster mit einer neuen Idee im Markt ist, hat natürlich die besten Chancen, aber es muss die richtige Idee sein", betont Steve Winram, Analyst bei Morgan Stanley Dean Witter in London. Khans Konzept findet er auf jeden Fall "sehr originell". Ob free4u aber wirklich eine goldene Zukunft bevorsteht, kann auch er nicht sagen.

Von solcher Skepsis lässt Khan sich nicht aufhalten. Er berechnet bereits den künftigen Börsenwert von free4u. Die Kalkulation folgt einem einfachen Prinzip: Je mehr Nutzer, desto höher der künftige Aktienkurs. Dabei beruft der Gründer sich auf die Analysten von Dresdner Kleinwort Benson. Die haben vorgeschlagen, die Bewertung von Internetanbietern vor allem an der Kundenzahl und der im Netz verbrachten Zeit zu messen. Die sonst üblichen Kriterien wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Gewinnwachstum oder Dividendenrendite greifen bei den jungen Unternehmen nicht, weil die meisten noch hohe Verluste machen. Zur Berechnung des fairen Kurses schlagen die Spezialisten einen Richtwert von 3 000 DM für jeden registrierten Kunden vor.

Bis Ende vergangener Woche hatten sich bereits mehr als 50 000 Nutzer bei free4u eingeschrieben. Davon, so hofft der Unternehmer, wird die Hälfte letztlich auch zum treuen Kunden. Diese Zahl multipliziert er einfach mit 3 000 DM. Demnach wäre free4u bereits einen Monat nach der Gründung mehr als 75 Mill. DM wert. An diesem Gedankenspiel meldet Analyst Winram allerdings Zweifel an. Die Bewertung pro Kunde, die Khan zugrunde lege, orientiere sich an US-Unternehmen, die bereits seit einiger Zeit am Markt seien. "Bei jungen europäischen Gründungen muss man einen kräftigen Abschlag vornehmen", gibt Winram zu bedenken.

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