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26.05.2000

16:24 Uhr

Einem Laien würde die dünne schwarze Linie auf dem Skalpell gar nicht auffallen. Erst recht käme er nicht auf den Gedanken, dass das höllisch scharfe Instrument etwas mit einem weltbekannten Automobilkonzern zu tun haben könnte. Und dennoch ist das so. Die mit einer feinen Diamantschicht überzogene Klinge haben Forscher eines sogenannten Startup-Unternehmens für mikrochirurgische Operationen entwickelt. Die "Gesellschaft für Diamantprodukte", so der Name des Startups, ist gewissermaßen ein Baby von DaimlerChrysler, und es ist keineswegs das einzige dieser Art. Die Stuttgarter päppeln weitere 19 Unternehmen dieser Art auf. Sie haben ihnen hochwirksame Kapitalspritzen injiziert und stehen den Jungunternehmern mit Rat und Tat zur Seite.

Es handelt sich um eine relativ neue Initiative: "Wir machen das erst seit Mai 1997", sagt Marianne Tümpen, Geschäftsführerin der DaimlerChrysler Venture GmbH, einer 100-prozentigen Tochtergesellschaft des Autokonzerns. Immerhin 40 Millionen Mark Förderkapital und ein Team von fünf engagierten Mitarbeitern stehen der Managerin zum beschriebenen Zweck zur Verfügung.

Fachleute wie der Düsseldorfer Unternehmensberater Jürgen Meffert, Principal bei McKinsey & Company, sprechen in diesem Zusammenhang von Innovationsfonds oder von Startup-Förderung über Corporate-Venture-Capital. Die Beispiele dafür sind in Deutschland noch dünn gesät. Nach Ansicht von Meffert aber wird diese überschaubare Gruppe bald Zuwachs bekommen.

"In nahezu allen deutschen Konzernen wird über die Gründung von solchen Innovationsfonds nachgedacht", sagt Meffert. Vorbild ist dabei die Wagniskapitalszene in den Vereinigten Staaten. Bereits vor zwei Jahren stammte knapp ein Viertel des in den USA investierten Wagniskapitals aus den Töpfen solcher Firmenfonds. Tendenz: steigend.

Der Grund für das wachsende Interesse: "Immer mehr Unternehmen erkennen, dass sie langfristig nur ein stabiles Wachstum erzielen können, wenn sie ihre Entwicklungs-Pipeline dauerhaft gefüllt halten", sagt Meffert. Dafür aber reichen interne Innovationsinitiativen nicht mehr aus. Diese seien zwar nach wie vor unverzichtbar, dienten aber hauptsächlich zur Weiterentwicklung bestehender Produkte. Erst die Beteiligung an Neugründungen wagemutiger Unternehmer und Wissenschaftler ermögliche es den Großkonzernen, wirklich neue Chancen rechtzeitig zu erkennen: "Wie durch ein Fenster", sagt Meffert.

Ein solches Fenster hat sich der Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann vor etwas über zwei Jahren gezimmert und ihm den Namen Bertelsmann Ventures verpasst. "Ziel des Unternehmens ist es, in direktem Kontakt zu den Innovationszentren der Kommunikations- und Medienindustrie neue und erfolgreiche Geschäftsideen für das Haus Bertelsmann zu erschließen", sagt Jan Henric Buettner, der Initiator, Gründer und Managing Partner, also Chef und Teilhaber dieser Bertelsmann-Tochter.

Und weil die USA die beste Aussicht auf die interessantesten Akteure im hektischen Medienbusiness versprechen, hat er als Sitz des Innovationsfonds die Stadt Santa Barbara im sonnigen US-Bundesstaat Kalifornien ausgewählt.

Der 35-jährige Manager ist kein unbeschriebenes Blatt mehr: Er hat sich bereits einen Namen als erfolgreicher Allianzenschmied gemacht, als er vor einigen Jahren ein Joint Venture zwischen Bertelsmann und dem Internet-Dienstleister America Online einfädelte.

Buettners Kriegskasse war bislang mit lediglich 50 Millionen Mark gefüllt. Jetzt aber hat Bertelsmann sein Budget verdreifacht. Mit 150 Millionen Mark soll er nicht nur seine Position auf dem amerikanischen Wagniskapitalmarkt ausbauen, sondern auch in europäische Startup-Unternehmen investieren. "Wir wollen damit noch flexibler auf neue E-Commerce- und Internet-Trends reagieren", so Buettner.

Der Job an der Spitze einer solchen Tochtergesellschaft ist hochinteressant: "Die Manager solcher Venture-Capital-Firmen sollten einerseits als Coach für die Startups dienen und gleichzeitig die Schnittstelle zum Konzernmanagement bilden", so Meffert. Das ist kein Job für Greenhorns: "Es müssen Manager sein, die über eine gewisse Erfahrung und Urteilsvermögen verfügen."

Mehr noch: "Sie müssen etwas zu sagen haben", so Meffert. Es hat fast den Anschein, als habe der Consultant dabei Thomas W. Kühr vor Augen, der seit Mai 1997 den Geschäftsbereich "Venture Capital Investments" bei der Deutschen Telekom leitet. Kühr ist nicht nur der Chef dieser Einheit, er hat sie - wie Buettner bei Bertelsmann - ins Leben gerufen, das Konzept entwickelt und dem Vorstand des Bonner Unternehmens präsentiert. Der hat sich schnell überzeugen lassen.

Kein Wunder: Kaum jemand in Deutschland kennt das Wagniskapitalgeschäft so gut wie der 52-jährige promovierte Diplom-Kaufmann. Kühr hat eine langjährige, einschlägige Berufserfahrung als Manager, Geschäftsführer und Venture-Capital-Experte. Zudem ist er Gründungspräsident des Bundesverbands deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften in Berlin.

Wenn ein solcher Fonds für wirkliche Innovationsimpulse in Großunternehmen sorgen soll, muss auch die Gehaltspolitik entsprechend gestaltet werden: "Man muss sich vom Althergebrachten verabschieden", fordert Meffert. Das Vorbild sind auch hier die USA: "Dort wollen die Leute reich werden", sagt der Consultant.

Konsequenz: "Sowohl die geförderten Unternehmer wie der Fondsmanager müssen am Wertzuwachs des Startups partizipieren", so Meffert. In den Fällen, in denen ein Startup-Unternehmen nicht an die Börse gebracht, sondern in den fördernden Konzern integriert werden solle, könne man sich mit speziell auf diese Fälle zugeschnittenen Ausstiegsklauseln in den Verträgen von Management und Unternehmern helfen.

Von solch radikalen Regelungen ist man beim Ludwigshafener Chemieriesen BASF noch weit entfernt. Dennoch existiert auch hier seit 1998 ein Innovationsfonds. Startkapital: 20 Millionen Mark. Fondsmanager ist Kurt Werner Kühn. Der 56-jährige Jurist beschreibt seine Aufgabe ganz anders als beispielsweise Buettner oder Kühr. Nicht Innovationen bei der BASF stünden im Vordergrund der Fondsaktivitäten, sondern die Verpflichtung, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Dabei konzentriert sich Kühr nicht nur auf die Chemie- oder die High-Tech-Branche: "Bei uns können sich auch innovative Handwerksbetriebe melden", sagt Kühr.

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