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07.03.2003

11:39 Uhr

Fun und Flaute

Bagdads Nachtleben im Schatten des Krieges

Bagdads Arasat-Straße ist die Flaniermeile für die Schönen und Reichen. Noble Etablissements mit Namen wie "Babeel", "Nabil" oder "Castello" locken mit feinen arabischen Vorspeisen-Variationen und internationaler Cuisine. Die Geschäfte ähneln protzigen Tempeln aus Marmor und Messing. In ihren hell erleuchteten Auslagen liegen Waren mit den - dreist gefälschten - Labels von Giorgio Armani und Pierre Cardin.

HB/dpa BAGDAD. Auch an diesem Donnerstagabend kreuzen hochglanzpolierte Limousinen und Jeeps mit blinkendem Chrom die Arasat-Straße hinauf und hinab. Der wöchentliche Feiertag ist hier der Freitag, so dass die "Saturday night" auf den Donnerstagabend fällt.

Die besondere Attraktion der Restaurants in dieser Straße ist, dass sie das Schankverbot für Alkohol missachten. Alkoholische Getränke dürfen in Saddams Reich nur in lizenzierten Geschäften verkauft und im privaten Bereich konsumiert werden. In den Lokalen der Arasat-Straße bekommt man aus Rücksichtnahme auf die von Präsident Saddam Hussein verordnete islamische Glaubenskampagne das Bier in der Kaffeetasse serviert, der Rotwein wird diskret unter den Tisch gestellt.

Auch an diesem Donnerstag sind die Lokale gut besucht. Doch zunehmend sorgen ausländische Journalisten dafür, dass die Geschäfte weiter florieren. Das distinguierte heimische Publikum, vor allem Regierungsbeamte, hochrangige Angehörige der Sicherheitsdienste und reiche Geschäftsleute, beginnt sich im Schatten der Kriegsdrohung rar zu machen.

Besonders spüren das die Händler in den Edel-Boutiquen. "Das Geschäft geht gar nicht gut", konstatiert der Verkäufer Amer Saleh. Die Ursache dafür seien "die gegenwärtigen schlechten Umstände". Seit drei Monaten, seitdem die Kriegsdrohungen konkreter werden, gehe das nun schon so. Dabei sei seine Ware, die er diplomatisch als "türkische Lizenzfertigung" beschreibt, gar nicht teuer. Wo bekomme man denn schon ein Pierre-Cardin-Hemd für 20 Dollar oder ein Paar Marken-Schuhe um 50 Dollar?

Dafür boomt das Geschäft bei den Anbietern billiger Vergnügungen. In einem auch nach religiösen Gesichtspunkten streng reglementierten Land, in dem kein Alkohol ausgeschenkt wird und Discotheken unbekannt sind, geben sich die jungen Leute harmlosen Zerstreuungen hin. Ein Hit sind derzeit die Imbissbuden an der Dschadria-Straße. Ein Hamburger kostet dort 1500 Dinar (0,60 ?), eine Cola 250 Dinar (0,10 ?). Abends bilden sich lange Schlangen; junge Männer, aber auch Familien mit kleinen Kindern strömen zu den Plätzen, die "Fils", "Milky Way" oder "Ali al Nam" heißen.

Manche sind mit kleinen Supermärkten kombiniert, in denen sich noch spätabends Einkäufe erledigen lassen. "Ich komme fast täglich hierher", sagt der 32-jährige Beamte Mohammed. "Nach einem harten Arbeitstag ist das die richtige Entspannung." Seinen Hamburger kann man an lauen Abenden an kleinen Gartentischen oder auch im eigenen Auto verzehren, und meistens trifft man noch Freunde und Kollegen. Die Frage nach der Kriegsbedrohung steckt Mohammed achselzuckend weg: "Na und? Krieg sind wir ohnehin schon gewohnt. Das Leben geht weiter."

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