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25.06.2000

21:00 Uhr

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Fusionen - Druck auf Vorstände steigt

VonGEORG WEISHAUPT

Es war ein rabenschwarzer Tag für Rolf-E. Breuer. Anfang April musste der Deutsche-Bank-Chef die größte Schlappe in seiner makellosen Karriere hinnehmen: Die Dresdner Bank hatte die Fusionsverhandlungen abgebrochen.

Damit waren seine erst vier Wochen zuvor verkündeten Pläne, eines der größten Geldinstitute der Welt zu schaffen, kläglich gescheitert. Das Frankfurter Fusions-Desaster ist nicht der einzige geplante Zusammenschluss, dessen Ende bereits vor dem eigentlichen Start feststeht. Je stärker das weltweite Fusionsfieber grassiert, desto länger wird die Liste der geplatzten Fusionen. Das reicht von der geplanten Hochzeit des schwedischen Lkw-Herstellers Volvo mit seinem Erzrivalen Scania bis zur gescheiterten Vereinigung der Deutschen Telekom mit Telecom Italia.

Sind Fusionen nicht mehr das richtige Rezept im globalen Konkurrenzkampf? "Doch", ist Michael Träm von der US-Unternehmensberatung A.T.Kearney GmbH, Düsseldorf, überzeugt. Noch sieht der internationale Merger-Spezialist "von der Finanzwirtschaft über die Telekommunikation bis hin zu den Medien in vielen Branchen einen erheblichen Fusionsbedarf." So dürften Fusionen und Übernahmen in Europa in diesem Jahr einen neuen Rekordwert von über 1000 Mrd. Euro erreichen.

Viele Fusionen erleben den "Day One" nicht

Warum erreichen aber so viele Fusionen nicht den berühmten "Day One", den offiziellen Starttag für die Integration der Unternehmen? "Das liegt oft am Streit über die Besetzung der Führungsmannschaft", beobachtet Merger-Spezialist Träm.

Ein Beispiel dafür ist die abgesagte Telekom-Hochzeit zwischen der schwedischen Telia und der norwegischen Telenor, die trotz guter Chancen vor allem aus diesem Grunde scheiterte. Das Gerangel um Toppositionen ist nicht der einzige Grund dafür, dass viele Fusionspläne im Papierkorb landen. Die Anforderungen an die Konzerne sind drastisch gestiegen. Heute müssen sie nicht á nur immer komplexere organisatorische und finanzielle Probleme lösen, um Unternehmen zusammenzuschweißen. "Zusätzlich stehen sie unter dem enormen Druck der Öffentlichkeitund der Kapitalmärkte", merkt Frank Mattern, Partner bei McKinsey Deutschland, an. Wie weit das gehen kann, haben der Düsseldorfer Mischkonzern Mannesmann und der britische Mobilfunkriese Vodafone vorgeführt. Die Übernahmeschlacht wurde zu einer öffentlichen Kraftprobe zwischen den Vorstandschefs Chris Gent und Klaus Esser.

Außerdem machen die Kartellbehörden bei Fusionen immer häufiger einen Strich durch die Rechnung. "Ich habe den Eindruck, dass sie die Fälle heute mit strengeren Maßstäben beurteilen als noch vor zwei bis drei Jahren", ergänzt A.T.Kearney-Berater Träm. So war er überrascht, dass der Zusammenschluss des französischen Industriegase-Weltmarktführers Air Liquide mit der britischen BOC von Brüssel abgelehnt wurde. Doch selbst bei einem Ja der Kartellbehörden sind die Deals noch lange nicht perfekt. Zahlreiche Studien belegen, dass mindestens die Hälfte der Zusammenschlüsse die selbst gesteckten Ziele nicht erreicht. Kein Wunder, dass die Aktionäre groß angekündigte Synergieeffekte inzwischen wesentlich kritischer unter die Lupe nehmen.

Trend zu lockeren Allianzen

Nicht nur das. Negativfälle wie die missglückte Einbindung von Rover in den BMW-Konzern führen vielen Vorständen vor Augen, wie wichtig die umfassende und vor allem schnelle Integration des übernommenen Unternehmens ist. Da wird die oft belächelte Anpassung der Firmenkulturen auf einmal zum Kernpunkt einer Fusion. Da werden Dutzende Integrationsteams und aufwendige Meilensteinsysteme aufgebaut, um Pannen zu vermeiden.

Der Aufwand für eine Fusion steigt beträchtlich. "Wenn man im Bewusstsein des Aufwands noch einmal vor der Entscheidung stünde, würde man vielleicht sogar davor zurückschrecken", räumt Ingo Hecke freimütig ein. Mit "davor" meint der Topmanager der Daimler-Chrysler-Aerospace-Sparte Verteidigung und Zivile Systeme die Integration der Sicherungstechniksparte von Siemens. Berater Träm geht deshalb davon aus, dass der "Trend zu lockeren Firmenallianzen - ohne kraftraubende Fusion - zunehmen wird".

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