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06.06.2000

18:20 Uhr

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Fußball-Aktien sind nichts für seriöse Anleger.

VonBarbara Gillmann

Das zeige das Beispiel Großbritannien, warnen Ökonomen. Denn die Kurse der 20 börsennotierten Vereine auf der Insel schwanken extrem. Wenn überhaupt jemand an die Börse gehen sollte - dann der DFB.

BERLIN. Den 16. Meistertitel in der Tasche, legt Bayern München für die neue Saison noch ein paar Millionen drauf: Für 15 Mill. DM holen die Münchner Willy Sagnol vom AS Monaco, für acht Millionen kehrt Ciriaco Sforza vom 1. FC Kaiserslautern an die Isar zurück. Die Skala der Ablösesummen ist nach oben offen. Künftig wollen die Münchner für Top-Spieler sogar 30 bis 40 Mill. DM hinblättern. Es gibt "keine Schmerzgrenzen mehr", stöhnt Manager Uli Hoeneß.

Nicht nur die Summen für die Spieler werden immer größer. In der abgelaufenen Bundesliga-Saison haben die 18 Erstligisten rund 1,5 Mrd. DM mit Werbung, Eintrittsgeldern, und Fan-Artikeln verdient. Der dickste Batzen sind die TV-Übertragungsrechte. Für die nächsten vier Spielzeiten zahlt die Kirch-Gruppe dem DFB dafür allein 3 Mrd. DM.

Um ein noch größeres Rad drehen zu können, denken immer mehr Fußball-Manager über einen Börsengang nach. Monatelang hatte Borussia Dortmunds Manager Michael Meier den Sprung aufs Parkett angekündigt. Nachdem die Gelb-Schwarzen dem Abstieg nur knapp entgingen, ist das Thema fürs erste vom Tisch. Bayern München gilt indessen als durchaus börsentauglich. Und sieben Millionen Deutsche können sich vorstellen, Fußball-Aktien zu zeichnen.

Doch Ökonomen schlagen Alarm: Gingen einzelne Bundesligisten tatsächlich an die Börse, würde die Kluft zwischen armen und reichen Vereinen noch tiefer als ohnehin schon, mahnt der Volkswirt Gert Wagner vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Außerdem zeige das Beispiel Großbritannien, das Fußball-Aktien "keine seriöse Anlage" sind. So warnten er und andere Sportökonomen kürzlich nach einer Tagung am Berliner Wannsee zur "Ökonomie des Profi-Fußball".

Baseball-Liga der USA dient als Vorbild

Auf der Insel werden inzwischen 20 Mannschaften an der Börse gehandelt. Typisch für die Papiere der Premier League-Mannschaften seien extreme Schwankungen: Nach einem Sieg steigt der Kurs am nächsten Tag um durchschnittlich ein Prozent, steckt der Club eine Niederlage ein, sinkt er um 1,4 %, rechneten die Ökonomen aus.

Einzig die Aktie von Manchester United, dem reichsten Verein der Welt, hat sich als stabil erwiesen. Aber nur, weil der Club "mehr als die Hälfte seiner Einnahmen mit fußball-fremden Aktivitäten erzielt", stellt Bernd Frick, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Uni Greifswald, klar. Unter anderem sei United "das größte Gastronomie-Unternehmen in der Stadt Manchester".

Wenn im deutschen Fußball überhaupt jemand an die Börse sollte, "dann der DFB", sind sich die Ökonomen einig. Nach dem Vorbild der US-Ligen könnte er das hohe Risiko der einzelnen Vereine ausgleichen und schwache Mannschaften subventionieren, um so die Qualität der gesamten Liga zu sichern. Investoren gäbe das die Chance, am Aufschwung des Fußball-Geschäfts als ganzes profitieren. Die Aktie wäre dann auch für Nicht-Zocker oder gar institutionelle Anleger interessant.

Den Unterschied zwischen dem deutschen und dem US-System verdeutlicht Wagner an einem Beispiel: Hier zu Lande kaufen sich die reichsten Vereine die besten Spieler. In den Profiligen der US-Nationalsportarten Baseball und Basketball hingegen haben jeweils die Vereine, die in der Vorsaison Saison am schlechtesten abgeschnitten haben, das Zugriffsrecht auf die besten Abgänger der High-Schools.

Solche "Ausgleichs-Maßnahmen"" garantierten, dass sich die Qualität der Mannschaften immer wieder angleicht, meint Wagner. Im deutschen Fußball dagegen "behindert das traditionelle Vereinsleben die Entwicklung von Profiligen."

Weil in Deutschland nicht der Deutsche Fußball-Bund, sondern die mächtigen Vereine die "alles-entscheidenden Unternehmen" der Bundesliga sind, hat sich die Kluft zwischen ihnen mehr und mehr vergrößert - wirtschaftlich und spielerisch, bemängelt Frick. Den Preis zahlt der Zuschauer: Weil die guten (und wohlhabenden) Vereine immer besser würden, und die schlechten immer schlechter, bleibe auf Dauer auch die Spannung auf der Strecke. Gingen die Vereine nun auch noch an die Börse, würde die Kluft noch tiefer, warnen die Ökonomen.

Bayern-Kicker verdienen im Schnitt 4,3 Mill. DM

Die von den Wirtschaftswissenschaftlern und vielen Fans bemängelten Qualitätsunterschiede in der Bundesliga spiegeln sich auch in den Jahresgehältern: Bayern zahlte seinen Kickern schon 1998/99 durchschnittlich 4,3 Mill. DM, hat Bernd Frick ausgerechnet. Frick gilt als führender deutsche Sportökonom.

Bayer Leverkusen hat jedem seiner Ballkünstler im Schnitt 3,5 Mill. DM jährlich gezahlt, die Dortmunder 3,4 Mill.. Am unteren Ende der Skala lag Eintracht Frankfurt, deren Spieler im Schnitt nur 630 000 DM bekamen, beim SC Freiburg war es nur wenig mehr.

Zwar tragen die Traumsaläre der Stars - Stefan Effenberg kassiert angeblich fünfeinhalb Millionen DM pro Jahr - zu den großen Differenzen bei. Aber die Spanne zwischen Top- und Normalverdienern innerhalb der Vereine ist überall gleich groß, so Frick. Dürften die Top-Vereine auch noch die Rechte für die Fernsehübertragung ihrer Spiele selbst vermarkten, würde die Kluft "eindeutig zu tief", warnt Frick. Die meisten Bundesligavereine hätten dann überhaupt keine Chance mehr gegen die ganz Großen der Zunft: "Die Spannung würde rapide nachlassen", ist auch Frick überzeugt.

Ein Fußballclub sei eben kein Unternehmen wie etwa BWM. Während es für einen Autobauer nichts besseres gebe, als der Niedergang eines Konkurrenten, "bleibt das Produkt Fußball nur interessant, und damit vermarktbar, wenn die Akteure in etwa ähnlich stark sind." Wenn zum Beispiel schon vor dem Anpfiff klar wäre, "dass Hansa Rostock gegen Bayern mindestens 0:7 verliert, bleiben die Zuschauer weg - das schadet dann auch den Bayern", sagt Frick. Und Wagner fügt hinzu: "Im Fußball gilt: Sieger brauchen Verlierer."

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