Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.02.2001

19:00 Uhr

Futures, Optionen, Intraday-Trading und Leerverkäufe: Bayern-Torwart Oliver Kahn kennt sich aus an den Finanzmärkten

Oliver Kahn: Auch auf dem Börsenparkett ein Musterprofi

VonMICHAEL FREITAG

Oliver Kahn gilt als ein Besessener, der bei Fehlern der Mitspieler schon mal die Beherrschung verliert. Solche Disziplinlosigkeiten leistet er sich an der Börse nicht. Kahn kennt sich aus mit Aktien, Devisen und Anleihen - und am Finanzmarkt bewahrt er kühlen Kopf.

ESSEN. Wenn Oliver Kahn bei Bundesliga-Auswärtsspielen seines FC Bayern aufs Spielfeld läuft, dann prasselt schon mal ein Schauer Bananen auf ihn herab. "Uuh, uuh", brüllen die gegnerischen Fans ihm dann gerne Affen-Laute entgegen. Für sie ist Kahn ein ungehobelter Klotz, der seine Mitspieler zornentbrannt anbrüllt und auch schon mal durchschüttelt. Ein Spieler, der wie aufgezogen aus dem Tor herausstürmt und die besten Chancen ihrer Lieblinge zunichte macht.

Kahns Kollegen sehen das anders. Die Mitglieder der Spielergewerkschaft VdV haben Deutschlands besten Torwart mit großer Mehrheit zum Profi des Jahres 1998 gewählt. Nicht nur wegen seiner Leistungen auf dem Platz. Bei der Wahl ging es auch um Kollegialität und das Auftreten in der Öffentlichkeit. Es muß also auch einen anderen Kahn geben als den erfolgsbesessenen und zornigen Kerl im Torwartpullover.

Zum Beispiel den Oliver Kahn, der sich täglich mindestens eine Stunde um Aktien und Anleihen, Devisen und Derivate kümmert. Der in mehr als zehn Jahren als Anleger gelernt hat, daß Disziplin Grundvoraussetzung für den Erfolg ist.

Kahn, der als Fußballer nach dem "maximalen Erfolg" strebt, gibt sich auch auf dem Finanzparkett nicht mit halben Sachen ab. Er will die Kurse sofort - nicht mit 15 Minuten Zeitverzögerung, wie es die meisten Internet-Dienste anbieten: "Wenn man Werte auf kurze Sicht kauft, muß man manchmal sehr schnell reagieren. Das Internet ist ja schön und gut, aber leider nicht schnell genug." Also abonnierte Kahn ein Real-Time-System, das ihm die Kurse so anzeigt, wie sie auch die Händler in Frankfurt, New York oder Hongkong auf ihren Schirmen sehen.

Der Bayern-Torwart hat schon Werte innerhalb eines Tages ge- und wieder verkauft. "Aber Intraday-Trading kommt für mich nicht mehr so in Frage. Solche Geschäfte erfordern ein hohes Maß an Disziplin, Schnelligkeit und guten Nerven", erläutert Kahn. Ihm fehle einfach die nötige Zeit. Vor kurzem noch machte er allerdings ein gutes Geschäft mit einer Kurzfrist-Spekulation auf den Nikkei-Index: "Ich bin long gegangen und habe die Position nach drei Tagen liquidiert. Da war ein satter Gewinn drin."

Die Sprache der Börsianer hat Kahn längst übernommen. Wenn er Internetaktien als überbewertet einstuft, dann sagt er, "die sind irgendwann Kandidaten für Leerverkäufe". Zur Erklärung: Wer auf sinkende Kurse spekuliert, verkauft Aktien, die er noch gar nicht besitzt. Sinken die Kurse tatsächlich, kauft der Leerverkäufer die bereits verkauften Aktien und streicht die Differenz als Gewinn ein.

Auch wenn er auf Optionen und Futures viel Zeit verwendet und bei riskanten Geschäften "einen gewissen Kitzel" spürt - ein Zocker ist Oliver Kahn nicht. Er nutzt die Möglichkeiten dieses Marktsegments sogar, um die Folgen möglicher Kurseinbrüche zu begrenzen, indem er auf sinkende Preise seiner Wertpapiere wettet: "Es kommt vor, daß ich - wie zur Zeit - mein ganzes Aktienportfolio über den Optionsmarkt abgesichert habe. Diese Art Versicherungsprämie belastet die Performance zwar mit 4 bis 5 %. Aber in manchen Börsenphasen ist es mir das schon Wert." In Kahns Portfolio haben hochspekulative Papiere nur einen geringen Anteil. Der Torhüter, bei Bayern München stellvertretender Mannschaftskapitän, setzt auf Sicherheit durch breite Streuung: Seinen Immobilienbesitz ausgenommen, hat er etwa 40 bis 50 % seines Gelds in festverzinsliche Papieren angelegt, 30 bis 40 % in Aktien. Der Rest entfällt auf Liquidität und Risikopapiere.

In seinem Aktiendepot setzt Kahn auf die Marktführer: "Sie nehmen am besten aus bestimmten Branchen Unternehmen, die seit Jahren überdurchschnittliche Wachstumsraten aufweisen und bauen daraus ein Portfolio zusammen. Das müssen solide Werte sein - nicht so volatil, daß man jeden Tag nervös zum Kiosk rennen muß, um die Kursentwicklung zu verfolgen. Bei diesen Aktien (siehe Graphik) weicht Kahn von seinen Handelsgrundsätzen ab: Normalerweise legt er "genau fest, was ich verlieren darf - und dann wird die Position auch liquidiert. Das Aussitzen von Verlusten macht nur bei hochklassigen Werten Sinn."

Das hat Kahn, der "natürlich auch so ziemlich alle Fehler gemacht hat, die man an der Börse machen kann", schnell gelernt. Seit mehr als zehn Jahren legt er sein Geld auf eigene Faust an. Auf "typisch deutsche Produkte" wie Bausparverträge habe er nie gesetzt, erzählt er. Nachdem er mit 18 sein erstes eigenes Geld verdient habe, habe er seine Börsenlaufbahn vorsichtig mit Anleihen begonnen. "Dann habe ich mich immer mehr für Aktien interessiert und bin richtiggehend infiziert worden." Den Anlageberater spart er sich folgerichtig und verwaltet sein Vermögen selbst. Neben seinem Millionen-Gehalt bei Bayern München verdient er auch an einem individuellen Ausrüstervertrag mit dem Sportartikelkonzern Adidas AG. -Salomon Geld, das er zu mehren weiß. 10 % Rendite nach Steuern strebt er für sein Gesamtportfolio an - "auch wenn das bei meiner eher konservativen Anlagestrategie nicht immer einfach ist".

Die notwendigen Informationen für seine Leidenschaft - das hat Kahn ebenfalls schnell gelernt - findet er nicht unbedingt in Anlegermagazinen. Besser gesagt nur dann, wenn er die Artikel auf eine ganz bestimmte Weise interpretiert: "Ich benutze gewisse Berichte als Kontraindikatoren. Wenn Werte empfohlen werden, ist die Messe doch meistens schon gelesen. Und wenn sie in den Keller geschrieben werden, ergeben sich daraus oft große Chancen." Das sei vielleicht etwas pauschal, aber man müsse bei dem, was man lese, extrem vorsichtig sein.

Vorsichtig ist Kahn, der mit Lebensgefährtin Simone und Tochter Katharina in München lebt, auch in Sachen Neuer Markt. Der blonde Münchener traut den immer neuen Kaufempfehlungen nicht: "Wie wollen Sie entscheiden, ob eine Aktie am Neuen Markt ein Zukunftswert ist oder nicht? Das ist für mich ähnlich wie Roulette. Es wird noch ein böses Erwachen geben."

Die Erfahrung und das Wissen, das sich Kahn im Laufe der Zeit angeeignet hat, will er eventuell später auch beruflich nutzen: "Ich könnte mir vorstellen, selbständig oder mit einem Partner in der Vermögensverwaltung oder im Fondsgeschäft zu arbeiten." Weitergebildet hat er sich schon: In diversen Seminaren hat er sich beispielsweise in Charttechnik schulen lassen - und sein Wissen mit Hilfe von Fachliteratur vertieft.

Noch aber ist der ehemalige BWL-Student auf dem Platz erfolgreich. "Mein Traum wäre es, im Jahr 2006 im eigenen Land - wenn sie mich bis dahin nicht wegen Altersschwäche fortgejagt haben - im WM-Finale in München gegen Brasilien aufzulaufen."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×