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25.06.2000

16:23 Uhr

afp GIJON/BORDEAUX: Kurz vor Veröffentlichung der ersten Karte des menschlichen Erbgutes haben Genforscher auf einer internationalen Konferenz gegen deren Vermarktung mobil gemacht. Auf der Bioethik-Konferenz im spanischen Gijon riefen sie am Samstagabend dazu auf, die Genom-Karte zum "Erbe der Menschheit" zu erklären.

Es müsse verhindert werden, dass Patente auf das Genom, einzelne Gene oder Gensequenzen ausgestellt werden, hieß es in der von 450 Wissenschaftlern aus 37 Ländern verabschiedeten Abschlusserklärung. Derweil berieten in Bordeaux die Forschungsminister der G8-Staaten über die Konsequenzen aus den jüngsten, als revolutionär eingestuften Entdeckungen. Die US-Firma Celera Genomics und das nicht-kommerzielle Human-Genom-Projekt (HGP) wollten am Montag eine erste Karte des menschlichen Erbgutes der Öffentlichkeit vorstellen.

Die Biotechnologie müsse in den Dienst des Wohlergehens der Menschheit gestellt werden, erklärten die Konferenzteilnehmer von Gijon. Sie wollen ihre 15 Punkte umfassende Erklärung der Europäischen Union, dem Europarat, der UN-Kulturorganisation UNESCO und allen Regierungen vorlegen. In Bordeaux rief auch der französische Forschungsminister Roger-Gérard Schwartzenberg dazu auf, ein Patent auf das menschliche Erbgut um jeden Preis zu verhindern.

Wenn Celera Genomics seine Erkenntnisse patentieren lassen wolle, sei dies ethisch nicht zu verantworten. Andererseits müssten Patente auf Erfindungen von Genforschern weiterhin möglich sein. An dem G8-Ministertreffen beteiligten sich auch die Forschungsminister aus Mexiko, Indien, China und Brasilien.

Am Montag wollten die Forscher des internationalen Human-Genom-Projektes nicht nur in Washington, sondern auch in Tokio, Paris und London an die Öffentlichkeit gehen, um ihre Erkenntnisse über das menschliche Erbgut vorzustellen. In den vergangenen Monaten hatten sich das Human-Genom-Projekt und Celera Genomics einen Wettlauf um die vollständige Erfassung und Typisierung des menschlichen Erbguts geliefert. Während die Gentechnik-Firma an ihrer Forschungsleistung verdienen will, stellt das von öffentlichen Geldern getragene HGP seine Forschungsergebnisse unentgeltlich zur Verfügung.

Das menschliche Erbmaterial oder Genom setzt sich nach unterschiedlichen Schätzungen aus 28 000 bis 150 000 Genen zusammen. Seine Entschlüsselung kann grob mit der Erstellung einer Landkarte verglichen werden. Celera ist zwar bereit, die Karte zu veröffentlichen, nicht aber deren "Beschriftung".

Eine vollständige Entschlüsselung des menschlichen Erbguts wird mit den am Montag vorgestellten Erkenntnissen noch nicht erreicht sein. Experten gehen davon aus, dass es noch Jahre dauern wird, bis alle drei Milliarden Bausteine des menschlichen Genoms entschlüsselt und alle darin enthaltenen Gene identifiziert sind.

Die Entschlüsselung des Genoms könnte nach Ansicht von Forschern eine Revolution bei der Bekämpfung bislang unheilbar geglaubter Krankheiten einleiten, etwa von Alzheimer, Parkinson, AIDS und vielen Krebsformen. Kritiker warnen hingegen vor einer totalen Durchleuchtung des Menschen und fürchten, dass die Erkenntnisse über das Genom in falsche Hände geraten. Unter anderem könnten Arbeitgeber oder Versicherungsgesellschaften problemlos feststellen, für welche Krankheiten ihre Angestellten oder Kunden anfällig sind.

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